21 Arbeiten, Leistungskurs, eine Comment-Aufgabe. Sprachlich lagen die Texte weit auseinander, was zu erwarten war. Inhaltlich lagen sie allerdings so eng beieinander, dass ich irgendwann ziemlich genau wusste, welche Argumente in der nächsten Arbeit auftauchen würden.
Mein erster Gedanke war, dass wir das Thema im Unterricht vielleicht zu eng vorbereitet hatten. Erst danach habe ich mir die Aufgabenstellung noch einmal genauer angesehen. Dabei fiel mir auf, dass sie ziemlich genau das verlangte, was ich anschließend bekommen hatte – und eben nicht mehr.
Seitdem achte ich bei Comment-Aufgaben auf drei Punkte, die erstaunlich viel verändern können: einen klaren Adressaten, eine ausdrücklich geforderte Gegenposition und einen verbindlichen Bezug zum Ausgangsmaterial. Dazu kommt ein Erwartungshorizont, der nicht bestimmte Inhalte vorgibt, sondern beschreibt, was eine Argumentation qualitativ besser macht.
Am Ende lässt sich das mit drei Fragen in ungefähr fünf Minuten prüfen.
Die ursprüngliche Aufgabe lautete:
Comment on the following statement: "Individuals are mainly responsible for fighting climate change." (150 words)
Wer diese Aufgabe wörtlich nimmt, soll eine Position beziehen und sie begründen. Viel mehr steht dort tatsächlich nicht.
Eine Gegenposition einzubeziehen wäre sinnvoll gewesen. Ein konkreter Bezug auf den Ausgangstext hätte die Argumentation verbessert. Eine differenzierte Einschränkung der eigenen Position ebenfalls. Verlangt war davon aber nichts.
Unter Klausurbedingungen halte ich es für nachvollziehbar, dass Schülerinnen und Schüler sich zunächst auf das konzentrieren, was ausdrücklich gefordert wird. Wenn die Zeit läuft, wird kaum jemand zusätzliche argumentative Schleifen einbauen, nur weil sie möglicherweise eine bessere Bewertung ermöglichen.
Genau hier lag auch mein Problem mit dem damaligen Erwartungshorizont. Dort hatte ich Dinge vorgesehen, die ich in der Aufgabe gar nicht eingefordert hatte: die Berücksichtigung der Gegenposition, einen Beleg aus dem Ausgangsmaterial und eine differenzierte Abwägung.
Damit bewertete ich zumindest teilweise Leistungen, von denen die Schülerinnen und Schüler vorher nicht wissen konnten, dass ich sie erwartete.
Ob die Gleichförmigkeit der Arbeiten damals stärker an der Vorbereitung oder an der Aufgabenstellung lag, lässt sich im Nachhinein nicht sauber trennen. Vermutlich spielte beides eine Rolle. Die Aufgabenstellung war allerdings der Teil, den ich beim nächsten Mal innerhalb weniger Minuten verändern konnte.
Die erste Änderung betrifft den Adressaten. Früher habe ich ihn bei Comment-Aufgaben nicht immer ausdrücklich genannt. Inzwischen versuche ich das konsequent zu tun, weil ein konkreter Kommunikationsrahmen die Anforderungen an Ton und Register wesentlich greifbarer macht.
Ein Kommentar für die Online-Ausgabe der Schülerzeitung darf anders klingen als ein Leserbrief an eine überregionale Zeitung oder ein Beitrag für eine Jugendorganisation. Wenn der Adressat klar ist, lässt sich sprachliche Angemessenheit auch wesentlich nachvollziehbarer bewerten.
Die zweite Änderung betrifft die Gegenposition. Ich überlasse es nicht mehr dem guten Willen der Lernenden, ob sie ein Gegenargument aufnehmen, sondern verlange ausdrücklich, sich mit einer plausiblen Gegenposition auseinanderzusetzen.
Genau an dieser Stelle werden die Texte meistens interessanter. Eine vorbereitete Position können viele Lernende aus dem Unterricht mitbringen. Welche Gegenposition sie für besonders stark halten und wie sie darauf reagieren, müssen sie dagegen selbst entscheiden.
Die dritte Änderung ist der verbindliche Bezug zum Ausgangsmaterial. Mindestens eine Aussage, ein Beispiel oder eine Zahl aus dem Material muss in die Argumentation einfließen.
Damit wird aus einem weitgehend freien Comment ein materialbezogener Comment. Gleichzeitig passiert etwas, das ich vorher unterschätzt hatte: Die Analysearbeit aus den vorangegangenen Klausuraufgaben bekommt plötzlich einen direkten Nutzen für die Schreibaufgabe. Die Schülerinnen und Schüler analysieren einen Text dann nicht nur, weil die Klausur es verlangt, sondern weil sie das Ergebnis anschließend für ihre eigene Argumentation brauchen.
Die ursprüngliche Aufgabe sah so aus:
Comment on the following statement: "Individuals are mainly responsible for fighting climate change." (150 words)
Heute würde ich daraus eher folgende Aufgabe machen:
Write a comment for the online edition of your school's English magazine. Respond to the claim that individual consumer choices are the main lever in climate protection. Address the strongest objection to your own position and refer to at least one figure or statement from the source text. (150–180 words)
Für einen starken Kurs könnte man ergänzen:
… and explain under which conditions that objection would be justified.
Die Aufgabe ist dadurch etwas länger geworden, aber sie macht die Erwartungen deutlich transparenter. Adressat, Gegenposition und Materialbezug sind jetzt nicht mehr Merkmale, die eine besonders gute Arbeit freiwillig erfüllen kann, sondern Bestandteile des Arbeitsauftrags.
Für die Korrektur ist das ein erheblicher Unterschied. Ich kann anschließend genau die Dinge bewerten, die vorher ausdrücklich verlangt wurden.

Bei kontroversen Themen finde ich rein inhaltslistenbasierte Erwartungshorizonte schwierig. Sobald dort bestimmte Argumente aufgelistet werden, entsteht schnell der Eindruck, eine gute Schülerantwort müsse möglichst viele dieser Argumente reproduzieren.
Das passt für mich nicht besonders gut zu einer Comment-Aufgabe. Schließlich soll gerade dort eine eigene Position entwickelt und überzeugend begründet werden.
Für die argumentative Qualität arbeite ich deshalb lieber mit Abstufungen, die nicht festlegen, was jemand denken soll, sondern wie gut die jeweilige Position begründet wird.
Eine grundlegende Leistung wäre beispielsweise eine klare Position, die mit mindestens einem nachvollziehbaren Argument gestützt wird.
Eine gute Leistung berücksichtigt zusätzlich eine plausible Gegenposition und setzt sich damit mithilfe eines konkreten Belegs aus dem Ausgangsmaterial auseinander.
Eine besonders starke Argumentation geht noch einen Schritt weiter. Sie zeigt, unter welchen Bedingungen die Gegenposition tatsächlich überzeugen würde, und begründet anschließend, warum diese Bedingungen im vorliegenden Fall nicht oder nur teilweise erfüllt sind.
Wichtig ist dabei eine Unterscheidung, die leicht verloren geht: Diese drei Qualitätsstufen sind keine AFB-Stufen. Der Comment selbst bleibt eine Aufgabe im Bereich des Bewertens und Argumentierens und damit typischerweise im AFB III. Die Abstufungen beschreiben lediglich, wie differenziert die argumentative Leistung innerhalb dieser Aufgabe gelingt.
Für meine Korrektur ist genau das hilfreich. Eine ungewöhnliche oder überraschende Position ist dann nicht automatisch schlechter als eine erwartbare. Entscheidend ist, ob sie nachvollziehbar entwickelt, belegt und gegen Einwände abgesichert wird.
Gerade die anspruchsvollste Form der Argumentation ist nicht nur eine Denkleistung. Schülerinnen und Schüler brauchen dafür auch die sprachlichen Mittel.
Wer unter Zeitdruck keine geeigneten konzessiven Strukturen parat hat, wird eine differenzierte Einschränkung der eigenen Position kaum spontan formulieren. Deshalb gehören solche Wendungen aus meiner Sicht in die Unterrichtsstunden vor der Klausur und nicht nur in irgendeine Useful-Phrases-Liste auf dem Arbeitsblatt.
Für B2-Lernende reichen oft schon einige gut eingeübte Strukturen:
The strongest argument against my position is that …
It is true that …, but this does not mean that …
The text points out that …, which supports the idea that …
Auf C1-Niveau kann man die sprachliche Differenzierung stärker ausbauen:
This objection would hold if …, but the text suggests otherwise.
Even if …, it does not follow that …
What the figure shows is …; what it does not show is …
Dafür braucht es keine komplette Unterrichtsstunde. Zehn Minuten gezielte Vorbereitung reichen oft schon, wenn die Strukturen anschließend tatsächlich in einer Argumentationsaufgabe verwendet werden.
Besonders sichtbar wird der Unterschied aus meiner Erfahrung bei den stärkeren Arbeiten. Dort entscheidet sich häufig nicht mehr, ob ein Argument vorhanden ist, sondern wie präzise es eingeschränkt, abgewogen und sprachlich abgesichert wird.
Inzwischen nehme ich mir vor einer Klausur die Aufgabenstellung noch einmal separat vor und stelle mir drei Fragen:
Wird deutlich, für wen der Text geschrieben wird?
Wird ausdrücklich verlangt, eine relevante Gegenposition zu berücksichtigen?
Wird deutlich, dass mindestens ein Beleg aus dem Ausgangsmaterial verwendet werden soll?
Ein Nein bedeutet nicht automatisch, dass die Aufgabe schlecht ist. Es ist für mich aber ein Warnsignal, den Erwartungshorizont noch einmal daneben zu legen.
Wenn dort ein Kriterium auftaucht, das die Aufgabenstellung nicht verlangt, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder das Kriterium gehört nicht in die Bewertung, oder die Aufgabe muss präziser formuliert werden.
Allein dieser Abgleich hat meine Klausurplanung deutlich verändert.
Früher habe ich Aufgabenstellung und Erwartungshorizont relativ klar nacheinander geschrieben. Zuerst entstand die Aufgabe, anschließend überlegte ich, was eine gute Antwort enthalten müsste.
Heute versuche ich beides stärker zusammenzudenken.
Ich überlege zunächst, wie eine wirklich überzeugende Schülerleistung aussehen könnte. Danach prüfe ich, ob meine Aufgabe diese Leistung überhaupt ermöglicht und ob die entscheidenden Anforderungen für die Schülerinnen und Schüler erkennbar sind.
Ein Erwartungshorizont kann Unterschiede zwischen Arbeiten sichtbar machen. Er kann sie aber nicht nachträglich erzeugen. Wenn eine Aufgabe nur eine sehr schmale argumentative Bewegung zulässt, wird auch der ausgefeilteste Erwartungshorizont am Ende vor allem sprachliche Qualität und formale Struktur unterscheiden.
Für mich war genau das die wichtigste Erkenntnis aus diesen 21 Arbeiten.
Bei der Sprachmittlung gilt im Grunde ein ähnliches Prinzip, allerdings mit einer anderen typischen Fehlerquelle. Dort scheitern selbst sprachlich starke Schülerinnen und Schüler häufig nicht am Englischen, sondern daran, dass sie die kommunikative Situation der Aufgabe falsch einschätzen. Darauf bin ich in einem früheren Beitrag zur Sprachmittlung ausführlicher eingegangen.
Wer eine Reihe zur Energiewende abschließt oder eine Klausur zum Themenfeld Energy & Environment sucht, findet dieses Prinzip auch in meiner aktuellen Englisch-Klausur zur Energiewende.
Die übergeordnete Frage lautet Who pays for the energy transition? und ist bewusst als Verteilungsfrage formuliert. Sie zwingt nicht zu einem einfachen Ja oder Nein, sondern öffnet unterschiedliche Perspektiven.
Die Kernfassung umfasst Outline, Analysis und eine Comment-Aufgabe. Für den Comment stehen zwei Aufgaben zur Wahl, jeweils mit einem Planungsraster. Zusätzlich gibt es eine adressatengerechte Sprachmittlung Deutsch–Englisch, die für eine längere Klausurfassung ergänzt werden kann.
Auch der Erwartungshorizont ist auf diese Aufgaben abgestimmt. Die 90-Minuten-Kernfassung arbeitet mit 75 Rohpunkten; mit zusätzlicher Sprachmittlung ergibt sich eine 135-Minuten-Fassung mit 100 Rohpunkten. Eine geführte Übungsfassung mit Operatorentraining, Hilfen und Peer-Feedback ist ebenfalls enthalten.
Die Klausur bildet Teil 6 der Reihe Energy & Environment, kann aber auch unabhängig von den vorherigen Stunden eingesetzt werden.
Interessanterweise folgt auch die Stunde davor einem ähnlichen Prinzip. Dort arbeite ich nicht mit zwei klassischen Debattenteams, sondern mit vier unterschiedlichen Rollen. Die Differenzierung entsteht also schon durch das Format und nicht erst dadurch, dass ich im Nachhinein zusätzliche Hilfen oder schwierigere Aufgaben verteile.
Mich würde interessieren, wie ihr Aufgabenstellung und Erwartungshorizont plant. Entstehen beide bei euch nacheinander oder entwickelt ihr sie parallel?
Und falls ihr den Fünf-Minuten-Test ausprobiert: Bei welcher der drei Fragen fällt euch am häufigsten auf, dass Aufgabenstellung und Erwartungshorizont noch nicht ganz zusammenpassen?
Schreibt es gern in die Kommentare.
Transparenzhinweis: Dieser Beitrag basiert auf eigenen Unterrichtserfahrungen und wurde mit Unterstützung von ChatGPT redaktionell überarbeitet und sprachlich geschärft. Inhaltliche Auswahl, Beispiele und fachliche Bewertung stammen vom Autor.
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