Zwei Sprachmittlungen aus derselben Q1, nebeneinander auf dem Korrekturstapel. Die eine sprachlich makellos: saubere Sätze, präzises Vokabular, kein einziger Stolperer. Die andere mit drei Grammatikfehlern allein in den ersten fünf Zeilen.
Die mit den Fehlern war die deutlich bessere Arbeit.
Das hat mich beim Korrigieren selbst geärgert, weil es so eindeutig war. Die makellose Version folgte dem deutschen Ausgangstext Absatz für Absatz. Alles war drin, jede Zahl, jeder Nebensatz, sauber übertragen. Die andere hatte gut die Hälfte weggelassen, die Reihenfolge umgestellt und mit dem angefangen, was der Adressat aus der Aufgabenstellung tatsächlich wissen wollte.
Die eine hatte übersetzt. Die andere hatte gemittelt.
Und das ist das Unangenehme an diesem Format. Sprachmittlung bestraft ausgerechnet den Reflex, den gute Sprachlernende über Jahre antrainiert bekommen: alles richtig wiederzugeben.
Sprachmittlung sieht aus wie eine Sprachaufgabe. Sie ist vor allem eine Entscheidungsaufgabe.
Die Frage, an der alles hängt, lautet nicht „Wie sage ich das auf Englisch?", sondern „Was davon braucht mein Gegenüber überhaupt?" Das ist eine Urteilsfrage, keine Vokabelfrage. Wer sie nicht stellt, liefert eine Übersetzung mit Adressatenzeile ab: sprachlich vielleicht tadellos und trotzdem an der Aufgabe vorbei.
Für Lernende ist das kontraintuitiv, aus einem gut nachvollziehbaren Grund. Weglassen fühlt sich nach Fehler an. Zwölf Jahre Schule haben ihnen beigebracht, dass Vollständigkeit belohnt wird. Und jetzt sollen sie aussortieren und dafür auch noch Punkte bekommen.
Ich sage es deshalb inzwischen als Erstes, bevor die Klasse den Ausgangstext überhaupt gesehen hat. Ihr dürft weglassen. Ihr müsst sogar.
Dabei ist Sprachmittlung in den meisten Bundesländern fester Bestandteil der Abiturprüfung. Trotzdem ist es das Format, das in der Vorbereitung am wenigsten geübt wird, und ich glaube nicht, dass das an Nachlässigkeit liegt. Es liegt am Aufwand. Aus einem Zeitungsartikel eine tragfähige Mediationsaufgabe zu bauen dauert länger als drei Textaufgaben zusammen.

Es gibt einen Blick, der sofort verrät, was passiert ist. Man legt die Schülerarbeit neben den deutschen Ausgangstext und achtet nur auf die Form. Dieselbe Absatzstruktur? Beginnt der englische Text da, wo das Original beginnt? Endet er, wo es endet?
Wenn ja, wurde übersetzt. Fast immer.
Eine echte Sprachmittlung sieht anders aus als ihre Vorlage, weil sie für jemand anderen geschrieben ist. Sie hat eine eigene Reihenfolge, eigene Schwerpunkte, oft eine völlig andere Länge. Der Formunterschied ist kein Zufall, sondern das sichtbare Ergebnis einer Auswahl.
Umgekehrt gilt allerdings etwas, das man sich als Lehrkraft ungern eingesteht. Wenn eine ganze Klasse strukturgleiche Texte abliefert, liegt es selten an der Klasse. Dann fehlte in der Aufgabenstellung der Adressat.
Ohne ein konkretes Gegenüber, das etwas Bestimmtes von diesem Text will, gibt es keinen Grund zur Auswahl. Und ohne Grund zur Auswahl bleibt nur Übersetzen. „Fasse den Text auf Englisch zusammen" ist keine Sprachmittlungsaufgabe. „Erkläre einer Austauschschülerin, die gerade überlegt, wo sie ihre Klamotten kauft, was in diesem Kommentar steht" schon.
Sprachmittlung braucht deutschsprachige Quellen, und da sind die großen Oberstufenthemen dankbar. Zu Fast Fashion gibt es Verbraucherjournalismus, zu Globalisierung ganze Wirtschaftsteile, zu Fake News die halbe Medienkritik, zu KI derzeit fast täglich neue Regulierungsdebatten. An Material fehlt es wirklich nicht.
Es fehlt die Zeit, daraus eine Aufgabe zu bauen, die trägt. Mit einem Adressaten, der etwas will. Mit Sprachgerüst für die, die sonst aussteigen. Mit einem Erwartungshorizont, der nicht bloß eine Musterlösung mit anderem Namen ist.
Deshalb gibt es die vier ARBORIS-Sprachmittlungen inzwischen als Paket: je eine Aufgabe zu Globalisierung, Fake News, KI und Fast Fashion, durchgängig Deutsch zu Englisch auf B2–C1, jeweils mit Originaltext, Sprachhilfen, flexiblem Erwartungshorizont und Teacher Notes. Jede Aufgabe ist auf rund 60 Minuten ausgelegt und deckt die Anforderungsbereiche I bis III ab. Für 13,99 € statt 18,96 € im Einzelkauf.
Warum ausgerechnet diese vier Themen zusammengehören und in welcher Reihenfolge sie sich gegenseitig tragen, habe ich hier aufgeschrieben. Wer nur ein Thema braucht: Globalisierung, KI, Fast Fashion und Fake News gibt es auch einzeln im Shop.
Mich würde ehrlich interessieren, wie andere das Weglassen beibringen. Sagst du es so plump wie ich, gleich in der ersten Minute? Oder lässt du deine Kurse erst einmal gegen die Wand laufen, weil die Einsicht dann besser sitzt? Bei mir dauert es trotzdem zwei, drei Durchgänge, bis ein Kurs das Format wirklich verstanden hat. Vielleicht geht das schneller und ich weiß nur nicht, wie. Schreib es gern in die Kommentare.
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