Erste Stunde einer neuen Reihe, Q1, Thema Klimawandel. Ich hatte eine Temperaturkurve an der Wand, die übliche, und war ganz zufrieden mit mir.
Nach etwa zwanzig Sekunden sagte jemand aus der dritten Reihe: „Das hatten wir schon."
Er hatte recht.
Sie hatten es in Erdkunde. In Biologie. In Politik. Vermutlich schon in der Sechsten, und seitdem ungefähr jährlich. Ein Q1-Kurs hat beim Klimawandel keine Wissenslücke mehr, die sich mit einer weiteren Grafik schließen ließe. Was er hat, ist Müdigkeit, und bei einigen etwas Unangenehmeres: den Eindruck, dass längst alles gesagt ist und nichts davon etwas ändert.
Gegen diese Haltung kommt kein Arbeitsblatt an, das noch mehr Fakten nachlegt.
Warum das im Englischunterricht besonders weh tut
In Erdkunde wäre das halb so schlimm. Dort ist der Sachverhalt das Ziel, und wenn die Klasse ihn schon kennt, hat der Unterricht sein Ziel eben vorzeitig erreicht.
Im Englischunterricht ist der Sachverhalt aber nicht das Ziel, sondern das Vehikel. Wir behandeln Klimawandel nicht, damit sie wissen, was ein Kipppunkt ist. Wir behandeln ihn, weil man daran auf B2- bis C1-Niveau argumentieren, mitteln, hören und schreiben kann. Und ein Vehikel, das die Klasse langweilt, transportiert nichts.
Deshalb kippt das Thema hier schneller als anderswo. Entweder wird es zum Zahlenfriedhof, in dem Schülerinnen und Schüler Statistiken paraphrasieren, die sie längst kennen. Oder es kippt ins Pathos, in dem am Ende alle einig sind, dass es fünf vor zwölf ist, und niemand etwas gesagt hat, das jemand anderes bestreiten würde.
Beides erzeugt keine Sprache. Einigkeit ist sprachlich tot.
Die Fragen, über die man tatsächlich streiten kann
Was mir geholfen hat, war eine ziemlich schlichte Unterscheidung: Es gibt beim Klima Fragen, die keine Streitfragen sind, und Fragen, die es sehr wohl sind. Das eine gehört in den Input, das andere in die Diskussion, und ich hatte die beiden jahrelang vermischt.
Ob der Klimawandel stattfindet und menschengemacht ist, ist keine Debatte für den Unterricht. Das ist Grundlage, kein Streitgegenstand, und eine Pro-Contra-Runde darüber wäre didaktisch verfehlt.
Interessant wird es eine Ebene darunter, und dort ist fast alles offen. Wer trägt die Kosten für etwas, von dem alle profitieren? Wie schnell darf Umbau gehen, ohne dass Menschen ihre Arbeit verlieren? Welche Technologie verdient wie viel Förderung? Entscheidet das der Markt, der Staat, oder wer sonst?
Über diese Fragen streiten Erwachsene ernsthaft, mit guten Argumenten auf mehreren Seiten. Genau deshalb funktionieren sie im Kurs.
Warum ich mit E-Autos angefangen habe

Die dritte Doppelstunde der Reihe dreht sich um Elektroautos, und das ist kein Zufall. Es ist die Frage, bei der die naheliegende Antwort am schnellsten kompliziert wird.
Fast alle im Kurs kommen mit derselben Vorannahme in die Stunde: E-Auto gut, Verbrenner schlecht. Dann kommen Batterieproduktion, Strommix und Rohstoffabbau dazu, und die Sache sortiert sich neu. Nicht ins Gegenteil, das wäre genauso billig. Sondern in ein „kommt darauf an", das man ausbuchstabieren muss.
Die Frage, die bei mir am zuverlässigsten die Diskussion öffnet, lautet deshalb nicht, ob E-Autos besser sind. Sie lautet:
An electric car is better for the climate than a petrol car — after how many kilometres?
Die ehrliche Antwort ist keine Zahl, sondern eine Liste von Bedingungen. Woher kommt der Strom. Wie groß ist die Batterie. Wo wurde sie gebaut. Wie lange fährt das Auto überhaupt. Wer das durchdenkt, hat nebenbei genau die Denkbewegung geübt, die im Abitur unter evaluate und to what extent firmiert.
Und man braucht dafür kein Material. Die Frage an die Tafel, fünf Minuten Murmelphase, und die Klasse merkt selbst, dass sie nicht antworten kann, ohne vorher etwas zu klären. Das ist der Moment, in dem ein Thema wieder lebendig wird, von dem alle dachten, sie hätten es hinter sich.
Warum überhaupt ein fünftes Thema
Vier Themenfelder hätten gereicht. Mit Fast Fashion, Globalisierung, Fake News und KI lässt sich ein Oberstufenjahr füllen, ohne dass jemand etwas vermisst.
Energie und Umwelt ist trotzdem dazugekommen, weil mir beim Unterrichten der anderen vier auffiel, dass sie alle irgendwann auf dieselbe Frage zulaufen: Wer trägt die Kosten für etwas, von dem alle profitieren? Fast Fashion beantwortet sie über Löhne, Globalisierung über Handel, Fake News über Aufmerksamkeit. Beim Klima ist es dieselbe Frage, nur ohne die Möglichkeit, sich rauszuhalten.
Dass sich das als Einzelperson ausgeht, liegt weniger an Ausdauer als daran, dass die Formate stehen. Eine Doppelstunde hat bei mir immer denselben Aufbau, dieselben Aufgabentypen, denselben Zuschnitt beim Erwartungshorizont. Was wechselt, ist der Inhalt. Das klingt unromantisch, spart aber genau die Stunden, die sonst in Layout und Struktur gehen.
Was bisher steht
Drei von sechs Doppelstunden sind online, jede für sich vollständig und einzeln einsetzbar.
Die erste, The Big Picture, sortiert die Grundlagen so, dass danach diskutiert werden kann: Viewing, Speaking und Datenarbeit, mit dem Ziel, dass die Klasse am Ende weiß, worüber sich streiten lässt und worüber nicht.
Die zweite, Powering the Planet, stellt fossile und erneuerbare Energien gegenüber und läuft auf eine Sprachmittlung Deutsch nach Englisch hinaus, also auf das Format, das inzwischen in den meisten Ländern zur Abiturprüfung gehört.
Die dritte, The EV Question, ist seit heute online und nimmt sich die E-Auto-Frage von oben vor. Schwerpunkt ist Hörverstehen, mit einem Podcast-Beitrag als Ausgangsmaterial, weil sich an gesprochener Argumentation besser zeigen lässt, wie jemand eine Position aufbaut, als an einem geglätteten Lesetext.
Drei weitere sind bereits fertig geplant und folgen in den kommenden Wochen:
Die vierte nimmt sich Greenwashing vor, an Werbung und Cartoons, weil sich rhetorische Mittel selten so klar zeigen wie an einer Anzeige, die etwas anderes verspricht, als sie hält. Die fünfte ist eine Debatte mit Rollenkarten zur Frage, wer eigentlich handeln muss, der Einzelne oder das System, und schließt damit genau den Kreis, den ich oben mit den Kosten für etwas, von dem alle profitieren, aufgemacht habe. Die sechste ist die Klausur selbst, mit allen Aufgabenformaten, die dazugehören, als Abschluss der Reihe.
Danach folgt das komplette Bundle. Wie das Prinzip dahinter in einem anderen Themenfeld aussieht, habe ich beim Globalisierungsthema hier aufgeschrieben.
Wie kommt ihr da durch?
Mich würde interessieren, wie ihr mit dieser speziellen Müdigkeit umgeht. Habt ihr einen Einstieg, der zuverlässig durch das „Das hatten wir schon" durchkommt? Bei mir funktioniert die E-Auto-Frage im Moment am besten, aber ich bin ehrlich gesagt nicht sicher, ob das am Thema liegt oder daran, dass in dem Kurs gerade die halbe Klasse den Führerschein macht. Nächstes Jahr weiß ich mehr.
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