Globalisierung im Englischunterricht der Oberstufe: Warum Pro und Contra das falsche Format ist

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Ein Stapel Q1-Klausuren zum Thema Globalisierung, die Aufgabenstellung: "Discuss whether globalization has done more harm than good."

Bei der achten Arbeit habe ich aufgehört zu zählen, weil sie alle gleich liefen.

On the one hand, globalization creates jobs and lowers prices. On the other hand, it leads to exploitation and environmental damage. All in all, globalization has both advantages and disadvantages.

Saubere Sätze, ordentliches Vokabular, erkennbare Struktur. Und trotzdem keine guten Arbeiten, weil nirgendwo etwas passiert. Zwei Listen stehen nebeneinander, dann kommt ein Satz, der beide für gleich schwer erklärt, und damit ist die Sache erledigt.

Unangenehm war daran nicht der Stapel. Unangenehm war, dass die Kurse exakt das geschrieben hatten, was ich ihnen ein halbes Jahr lang beigebracht hatte.

Die Tabelle ist das Problem

Ich hatte das Thema aufgebaut wie vermutlich die meisten: zwei Spalten an die Tafel, links advantages, rechts disadvantages, Klasse teilen, sammeln lassen. Am Ende ein volles Tafelbild und das gute Gefühl, viel geschafft zu haben.

Nur trainiert dieses Format eine bestimmte Denkbewegung, und zwar die falsche.

In einer Zweispaltentabelle steht das Gegenargument neben dem eigenen. Nicht dagegen. Man kann es aufschreiben, ohne es je anzufassen. Es wird eingesammelt, abgelegt, ignoriert. Diese Bewegung landet später in der Klausur: erst meine Punkte, dann die anderen, dann ein all in all, das so tut, als hätte eine Abwägung stattgefunden.

Hat sie aber nicht. Aufzählen ist nicht abwägen.

Warum das im Abitur teuer wird

An dieser Stelle hört es auf, Geschmackssache zu sein.

Operatoren wie discuss, assess oder evaluate liegen im Anforderungsbereich III. Sie verlangen keine Bestandsaufnahme, sondern eine begründete Gewichtung. Welches Argument trägt weiter, unter welchen Bedingungen, und warum dieses und nicht das andere?

Da kommt eine Zweispaltentabelle strukturell nicht hin. Sie produziert Sammlungen, und Sammlungen sind AFB I und II. Für den Sprung in den AFB III fehlt die eine Operation, auf die es ankommt: sich mit der Gegenposition tatsächlich auseinanderzusetzen, statt sie nur zu erwähnen.

Wer ein Halbjahr lang Pro-Contra-Tabellen füllt, schreibt im Abitur eine Pro-Contra-Tabelle in Fließtext. Sprachlich vielleicht tadellos, inhaltlich gedeckelt.

Bei Globalisierung kommt noch etwas dazu. Das Thema hat gar keine zwei Seiten. Ein T-Shirt für vier Euro belegt gleichzeitig, dass globale Lieferketten funktionieren und dass am Ende dieser Kette jemand für einen Lohn näht, von dem sich nicht leben lässt. Das ist kein Widerspruch, den man auflösen müsste. Beides stimmt zur selben Zeit. Ein Format, das zur Entscheidung für eine Spalte zwingt, verhindert ausgerechnet die Einsicht, um die es eigentlich geht.

Was stattdessen funktioniert

Was bei mir inzwischen zuverlässig trägt, sind Strukturen, in denen sich das Gegenargument nicht umgehen lässt. Material braucht keine davon.

Positionen zuweisen statt wählen lassen. Wer die eigene Meinung vertritt, sucht Bestätigung. Wer per Los die Gegenseite bekommt, muss deren Argumente erst verstehen, bevor er sie benutzen kann. Das allein hebt das Niveau spürbar.

Eine Widerlegungspflicht einbauen. Ein eigenes Argument zählt erst, wenn vorher ein konkretes gegnerisches benannt und entkräftet wurde. Nicht „manche behaupten zwar", sondern beim Namen genannt. Das erzwingt Zuhören, weil sonst nichts zum Widerlegen da ist.

Mitten in der Debatte die Seiten tauschen. Nach acht Minuten ein Signal, Positionen wechseln, weiterreden. Unbequem, und deshalb wirksam: Man muss mit den Argumenten arbeiten, die man gerade noch abgeräumt hat. Danach sagt niemand mehr, die andere Seite habe nichts vorzuweisen.

Und statt zwei Lagern eine Linie durch den Raum, von strongly agree bis strongly disagree. Alle stellen sich hin und begründen ihre Position. Das trifft die Sprache der Operatoren, to what extent, und macht nebenbei sichtbar, dass die interessanten Positionen fast immer in der Mitte liegen.

Die eine Aufgabenstellung

Wenn ich nur eine Sache aus diesem Beitrag weitergeben dürfte, wäre es dieser Satz:

Name the strongest argument against your own position — and explain why you still hold it.

Das ist keine Zusatzaufgabe für die Schnellen. Das ist der AFB III in einem Satz. Wer ihn beantworten kann, hat abgewogen. Wer ihn nicht beantworten kann, hat vorher nur gesammelt.

Fünfzehn Minuten, kein Material

Falls du es morgen ausprobieren willst: These an die Tafel, zum Beispiel Globalization has made life better for people in developing countries. Dann die Meinungslinie, alle stellen sich auf, drei begründen ihre Position, bewusst aus verschiedenen Bereichen der Linie. Danach sucht sich jede Person jemanden vom entgegengesetzten Ende und gibt dessen Argument in eigenen Worten wieder, bis das Gegenüber bestätigt, dass es getroffen ist. Erst dann wird widerlegt.

Für diesen letzten Schritt braucht es ein Sprachgerüst an der Tafel, sonst kippt es ins Behaupten:

That argument assumes that … but in practice …

I see the point about X, but it overlooks …

That may hold true for X. It does not for Y.

The strongest counterargument is … Even so, I would argue …

Diese vier Formulierungen sind der Unterschied zwischen einer Klasse, die diskutiert, und einer Klasse, die abwechselnd Statements vorliest. Fünf Minuten Einführung, und sie tragen den Rest des Halbjahres.

Woran es dann doch scheitert

Bis hierhin braucht man kein einziges Arbeitsblatt. Das ist ernst gemeint.

Zeit kostet der Rest. Debattenkarten, die auf beiden Seiten gleich stark sind, damit die zugeloste Position nicht zur Strafe wird. Sprachgerüste, die schwächere Lernende tragen, ohne die stärkeren auszubremsen. Ein Erwartungshorizont, der Begründungsqualität bewertet und nicht Argumentanzahl. Und ein Aufbau, in dem die Stunden aufeinander zulaufen, statt nebeneinanderzustehen. Das ist der Teil, für den am Sonntagabend die Zeit fehlt, und ich glaube nicht, dass das an Nachlässigkeit liegt.

Deshalb gibt es die Globalization Reihe für die Oberstufe: die vollständige Sequenz vom Einstieg bis zur Bewertung, durchgängig B2–C1, mit Lösungen, Sprachhilfen und Teacher Notes, aufgebaut nach der Logik, um die es oben geht. Auseinandersetzung statt Aufzählung, Anforderungsbereiche I bis III abgedeckt. Für 16,99 € statt 25,94 € im Einzelkauf.

Wer nur den Debattenteil braucht: Die Globalization Debate Cards enthalten 24 Karten zu Konsum, Technologie, Umwelt und Gesellschaft, mit Speaking Support und Mediation Challenge, einsetzbar als Zwanzig-Minuten-Einstieg oder als eigene Doppelstunde. Und warum das Thema überhaupt so verlässlich zündet, sobald man es nah genug an den Alltag der Kurse holt, habe ich hier aufgeschrieben.

Wie machst du das?

Mich würde ehrlich interessieren, ob es anderen genauso geht. Nutzt du die Zweispaltentabelle noch, und wenn ja, wie kommst du trotzdem in die echte Auseinandersetzung? Oder hast du ein Format, das zuverlässiger zündet als die Meinungslinie? Bei mir dauert es zwei, drei Anläufe, bis ein Kurs die Widerlegungspflicht wirklich annimmt und nicht bloß abnickt. Vielleicht geht das eleganter und ich weiß nur nicht, wie. Schreib es gern in die Kommentare.

Tags: globalisierung, globalization, englisch, oberstufe, q1, q2, b2-c1, englischunterricht oberstufe, unterrichtsreihe

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