12 Tipps zum Umgang mit Unterrichtsstörungen


Keiner will sie, aber jeder ist in irgendeiner Form von ihnen betroffen: Unterrichtsstörungen. Die Palette reicht dabei vom unterschwelligen Gemurmel bis hin zu massiven, Unterrichtsablauf-beeinträchtigenden Störungen. Einige Ideen zur Prävention und zum Umgang mit Selbigen zur Hand zu haben, kann jedem/r Lehrer/in helfen.

Dass jede Klasse dabei verschieden ist und nach einem eigenen Rezept für den Umgang mit ihren Schüler/innen verlangt, überrascht dich sicherlich nicht. Daher kann und soll die nachfolgende Aufzählung auch kein Allheilmittel darstellen. Vielmehr sind die im Folgenden genannten Punkte als Anregungen, die sich nach einigen Jahren der Unterrichtserfahrung in verschiedenen Situationen für mich ganz persönlich als hilfreich erwiesen haben, zu verstehen und hoffe, dass du das Eine oder Andere für deinen Unterricht mitnehmen kannst.

  1. Ändere dein Verhalten, nicht das deiner Schüler/innen

    Den in meinen Augen wichtigsten Tipp habe ich selbst in einer Fortbildungsveranstaltung erhalten und ich möchte nicht missen diesen Tipp an euch weiterzugeben: Passe das eigene Verhalten an, um so eine Reaktion der Schüler/innen auf die veränderte Situation zu erzwingen. Ist das Kind einmal in den Brunnen gefallen und die Störungen vorhanden, kannst du leicht versucht sein, das Verhalten deine/r Schüler/innen durch Zureden, Erklärungen oder Sanktionen - dabei immer auf ihre Einsicht und Vernunft hoffend - zum Positiven zu verändern. Aber du redest immer noch zu Kindern, weswegen mir das wenig wirksam zu sein scheint, oder es zeigt nur kurzfristige Erfolge. Ändere stattdessen dich selbst: Setze deine Regeln (wieder) konsequenter durchzusetzen, kontrolliere Hausaufgaben regelmäßiger, lasse (un-)angekündigte Tests schreiben, ziehe das Lerntempo an, wechsle die ≫ Methoden zu wechseln, u.v.m.. Dieser Post liefert dir vielleicht noch weitere Ideen. Diese Dinge muss/sollte man nicht einmal ankündigen. Beobachte die Reaktionen deiner Schüler/innen.

  2. Vermeide Sanktionen

    Der vorgenannte Punkt schließt für mich Sanktionierungen fast pauschal aus. Daher halte ich persönlich weder etwas von Bestrafungen noch von (dauerhaften) Boni- oder Token-Systemen zur Belohnung; zum Letzt-genannten sind die Meinungen aber durchaus geteilt. Es zeigt meiner Meinung den Schüler/innen nur, dass man nicht Herr/Frau der Situation ist, und du willst sicherlich auch nicht, dass deine Schüler/innen nur noch arbeiten, wenn sie eine Gegenleistung dafür erhalten. Bestrafungen tendieren i.d.R. auch eher dazu eine Unterdrückung des unerwünschten Verhaltens zu bewirken, helfen aber selten bei der Einsicht oder gar dem Hervorbringen des gewünschten Verhaltens.

    Sanktionen halte ich nur dann für akzeptabel, wenn Grenzen überschritten wurden oder die Situation bereits so verfahren ist, dass erstmal die Grundlage für ein angenehmeres Arbeitsklima geschaffen werden muss, von dem ausgehend man weitere Hebel ansetzen kann. Versuche stattdessen deine Schüler/innen auf andere Weise positiv zu verstärken, z.B. durch ein Lob vor der ganzen Klasse oder verwende andere in diesem Post gemachten Vorschläge.



  3. Schreie nicht in die Klasse

    Sind die Schüler/innen zu laut, ist man leicht versucht seine Stimme zu heben und lauthals zu versuchen für Ruhe zu sorgen. Auch das können deine Schüler/innen möglicherweise als wunden Punkt werten und ausnutzen, da sie merken, dass es dir nahe geht. Versuche deshalb nicht oberhalb deiner Normallautstärke zu reden. Das schont nicht nur deine Stimme, sondern auch deinen Stresspegel. Zumindest einige arbeitswillige Schüler/innen fordern möglicherweise selbstständig Ruhe von ihren Mitschüler/innen ein. Ist die Klasse viel zu laut, kannst du dich auch mal vor die Klasse stellen und auf Ruhe warten, sofern es sich als effektiv herausstellt. Dazu kann es helfen, schon zu Beginn des  ≫ Unterrichts einen groben Abriss über die Stunde zu geben und klarzumachen, dass ein aufgrund von Störungen nicht erreichtes Ziel in die Hausaufgaben wandern muss. Mache aber klar, dass das keine Strafe, die du verteilen möchtest, sein soll, sondern das dann notwendig ist, weil die Lehrpläne fordern eine gewisse Stoffmenge durchzunehmen. Dann bist du nicht der/die Böse.

  4. Sei konsequent

    Hört sich banal an, aber seien wir ehrlich: Wirklich konsequent zu sein und die eigenen Regeln in jeder Stunde durchzusetzen ist nicht leicht. Kontrollierst du wirklich jede Stunde in einer unzuverlässigen Klasse, ob alle Schüler/innen die Hausaufgaben angefertigt haben? Hälst du nach, ob fehlende Hausaufgaben auch nachbereitet wurden? Vermerkst du dir die Störer? Informierst du die Eltern der Kinder über ihr Verhalten? Deine Schüler/innen merken schnell, wenn du das, was du ankündigst, nicht durchziehst. Dadurch verringert sich dann leider auch dein Standing vor der Klasse.

    Überlege dir zu präventiven Zwecken am besten schon bevor du eine neue Klasse übernimmst, was dir wichtig ist, und was du wirklich durchziehen möchtest und auch kannst. Informiere deine Klasse in der ersten Stunde über die Regeln in deinem ≫ Unterricht. Eine eigens dazu vorbereitete Präsentation kannst du jedes Jahr auf's Neue verwenden. Sind die Störungen schon vorhanden, kläre mit den Schüler/innen ggf. deine Regeln erneut. Erkläre deinen Schüler/innen, welches ≫ Arbeitsmaterial sie regelmäßig benötigen, welche Bereiche und Aspekte in die Bewertung der Sonstigen Mitarbeit einfließen, wie du ihr Arbeitsverhalten berücksichtigst und wie mit fehlenden Hausaufgaben umgegangen wird sowie was bei krankheitsbedingter Abwesenheit zur Aufbereitung der Inhalte erwartet wird. Auch scheinbar unwichtige Dinge wie Toilettengänge als eine geringere Form der Unterrichtsstörung können an dieser Stelle angesprochen werden.

    Bei all dem gilt: Kündige nichts an, von dem du nicht sicher bist, dass du dabei konsequent bleiben kannst.

  5. Sei organisiert und strukturiert

    Eine mögliche Ursache für Unterrichtsstörungen kann auch mal ein unorganisierter Arbeitsalltag oder eine nicht so gut durchdachte Unterrichtstunde oder ≫ Unterrichtsreihe sein. Wenn deine Schüler/innen den Zweck deines Unterrichts oder den roten Faden nicht erkennen und so möglicherweise schon früh den Anschluss verlieren, schalten sie ab und beschäftigen sich - natürlich - mit etwas Anderem. Versuche daher dein Classroom-Management und Arbeitsabläufe im Unterricht zu optimieren, sorge dafür, dass alle Schüler/innen immer etwas zu tun haben, dass Arbeitsaufträge klar, eindeutig und nicht interpretierbar sind. Erstelle ≫ strukturierte Arbeitsblätter, statt die Arbeitsaufträge nur mündlich zu geben oder an die Tafel zu schreiben. Die guten Schüler/innen können bspw. schomal die Präsentation vorbereiten oder als "Experten" den langsameren Schüler/innen zur Hand gehen. Mache Zeitvorgaben, an denen sich deine Schüler/innen orientieren können, und fahre konsequent mit deinem Unterricht fort, wenn die Progression durch nicht konzentriertes Arbeiten oder Störungen einiger Schüler/innen gefährdet wird.

    Eine gute Organisation hilft dir auch bei der im vierten Punkt besprochenen Konsequenz. Überlege dir, wo und wie du Verstöße gegen deine Regeln und fehlende Hausaufgaben vermerkst sowie wo und wie du nachhältst, ob bspw. Hausaufgaben oder andere Aufgaben nachbereitet wurden. Für Tablets gibt es hierzu bspw. mittlerweile gute Apps für Android (tapucate) und iOS (Teacher-Tool), die dir bei der Bewältigung dieser Aufgabe helfen.

  6. Nimm dich heraus: Wechsle die Unterrichtsmethode

    Hat man das Ruder im ≫ Unterricht meist selbst in der Hand, ist man auch bei Unterrichtsstörungen immer in der unmittelbaren Pflicht, ein gutes Arbeitsklima herzustellen und aufrechtzuerhalten. Insbesondere der (zu häufige) Frontalunterricht könnte es dir in ohnehin schwierigen Klassen unnötig schwer machen. Stehst du auf diese Weise im Fokus, ist es für deine Schüler/innen leichter deine Schwachstellen auszunutzen.

    Probiere stattdessen mal andere Unterrichtsmethoden aus, bei denen du nicht im Zentrum stehst. Für mich hat bspw. das selbstständige, ≫ stationen-artige Lernen oft Wunder bewirkt. In der Fachliteratur habe ich hierzu mal die Aussage gelesen (paraphrasiert): "Das ≫ Stationenlernen kann eine methodische Antwort auf Disziplin-Probleme sein". Ich kann dieser Aussage nur beipflichten. Bewerte ggf. ihre Arbeit hinterher mit einer Note oder lasse einen abschließenden, zu Beginn angekündigten Test darüber schreiben.



    Bei solchen längerfristig angelegten Arbeitsphasen sollte darauf geachtet werden, dass die Schüler sich die Inhalte wirklich selbstständig erarbeiten können. Antizipiere Schwierigkeiten und bereite ggf. Hilfestellungen dazu vor. Auf diese Weise kannst du dich mehr in die Rolle des Beobachters zurückziehen, und vielleicht machst du dabei Beobachtungen, die dir bei dem weiteren Umgang mit der Klasse helfen können. Auch kannst du mehr auf andere Dinge wie den Lernfortschritt innerhalb der Gruppen achten und bemerkst Schwierigkeiten, die während der Präsentation und Besprechung wieder aufgegriffen werden können. Kleine Hinweise á la "Die Gruppe dahinten ist schon eine ganze Aufgabe weiter" kann zusätzliche Motivation bringen. Auch spiegelst du so deinen Schüler/innen ihr Arbeitsverhalten wider und zeigst gleichzeitig, dass du das zur Kenntnis genommen hast. Durch die Wiederverwertbarkeit der erstellten Materialien hast du in den nachfolgenden Jahres deutlich weniger Arbeit.

  7. Gib deinen Schüler/innen Feedback

    Deine Schüler/innen über ihren Leistungsstand zu informieren kann ihnen ggf. den Ernst der Lage vor Augen führen. Regelmäßige kurze, schriftliche Überprüfungen können diesem Zweck dienen. So dürfte es dann auch schwierig sein, sich am Halbjahresende über eine mögliche Minderleistung beschweren. Da es in unruhigen Klassen weniger leicht ist, die fachlichen Fähigkeiten jedes Einzelnen zu bewerten, lässt sich eine solche Maßnahme auch pädagogisch legitimieren.

  8. Nutze das Notenspektrum aus

    Jede/r Schüler/in soll zum Halbjahr und zum Schuljahresende fair, d.h. der Leistung entsprechend, benotet werden. Das betrifft auch Minderleistungen. Wenn jemand eine solche Note verdient hat, dann setze sie auch auf dem Zeugnis. Es kann für die Gruppe und ihr Verhalten destruktiv sein, jemandem noch die berühmte "Gnaden-Vier" zu geben, wenn sich Schüler/innen, die sich in deinem Fach schwer tun, die Note ausreichend durch ihren Einsatz überhaupt erarbeitet haben. Warum sollte man sich dann eigentlich noch bei dir im ≫ Unterricht anstrengen, wenn sowieso am Ende jeder eine vier bekommt? Ausserdem kann eine Minderleistung auf dem Halbjahreszeugnis manchmal ungeahnte Fähigkeiten freisetzen.

  9. Lass dich nicht stressen

    Der Beruf des Lehrers ist nicht ohne Grund einer derjenigen mit den höchsten Burn-Out Raten. Unterrichtsstörungen und das konsquente Durchgreifen können leicht in Stress ausarten. Ist es erstmal soweit, und lässt man den Stress an sich heran, merken deine Schüler/innen dies schnell und beginnen - möglicherweise auch unterbewusst - dies auszunutzen. Zeige ihnen nicht, dass dir die Situation nahe geht, sondern versuche ruhig zu bleiben und stattdessen vielleicht mit einigen der hier aufgeführten Anregungen den Störungen entgegenzuwirken. In der Ruhe liegt die Kraft!

  10. Sprich mit den Kollegen

    Wenn du von Unterrichtsstörungen betroffen bist, dann sicherlich zumindest auch der ein oder andere Fachlehrer-Kollege, der die selbe Klasse unterrichtet. Scheue dich daher nicht davor, den Kollegen von deinen Schwierigkeiten zu berichten: Es gibt keinen Grund wegen dem dir das peinlich sein müsste. Möglicherweise kommen andere Lehrer/innen mit der Klasse besser zurecht und können hilfreiche Tipps geben. Hospitiere bei den Kollegen oder lade sie in deinen Unterricht ein. Manchmal sieht man einfach den Wald vor lauter Bäumen nicht. In jedem Fall gilt: Im Team bist du stärker. Entwickelt gemeinsam Maßnahmen, die ihr dann konsequent durchzieht. Merken deine Schüler/innen, dass alle Lehrer an einem Strang ziehen, können sie euch nicht so leicht gegeneinander ausspielen und es wird schwieriger für sie ihr störendes Verhalten durchzuhalten.

  11. Kommuniziere mit den Eltern

    Habe keine Angst, die Eltern mit ins Boot zu holen. Die Kinder erzählen natürlich nichts davon, wenn sie wieder einmal im ≫ Unterricht Unsinn angestellt haben. Manche Eltern fallen aus allen Wolken, wenn sie erstmalig vom Verhalten ihrer Kinder erfahren. Diese zu informieren, kann Wunder bei Verhalten der Kinder bewirken - sofern sich die Eltern für ihre Kinder interessieren. Sobald deine Schüler/innen wissen, dass du eine Standleitung zu Vater und Mutter hast, benehmen sie sich häufig schon ganz anders.

  12. Sei reflektiert - Gib nicht auf!

    Klappt es in einer Klasse nicht so gut, gib nicht auf. Reflektiere über die zurückliegenden Stunden, frage dich, was schiefgelaufen ist und warum. Was ist die Ursache für die vorliegenden Unterrichtsstörungen? Ist es dein eigener Unterricht, die Pubertät, Liebeskummer oder Probleme zuhause? Nur mit einer guten Analyse kann man geeignete Mittel wählen. Gib niemals auf und sage dir nicht "Das ist jetzt halt so", sondern frage dich stets wie du dem entgegenwirken kannst.

Fazit

Unterrichtsstörungen sind nicht schön und können sehr an den eigenen Nerven zerren. Aber wenn es dir gelingt ruhig und objektiv zu bleiben, du dir die Situation nicht zu sehr zu Herzen nimmst und langsam, aber stetig an dem Problem arbeitest, dann wird es nach und nach vorangehen.

Was hast du für Erfahrungen mit Unterrichtsstörungen gemacht? Wie gehst du damit um? Hast du weitere Vorschläge zum Umgang und zur Prävention, die du mit uns teilen kannst? Hast du Fragen? Schreibe es in die Kommentare!

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Tags: Unterrichtsstörung, sanktionen, Maßnahmen, Störung des Unterrichts, Feedback, Notengebung, Selbstreflexion

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Kommentare und Fragen von anderen Nutzern
Danke für die schöne und hilfreiche Zusammenstellung! Gerade das Konsequentsein ist nicht immer einfach, weil das Nachhalten, Buchführen etc. oft sehr zeitintensiv und mir persönlich ehrlich gesagt zu lästig ist. Mittlerweile bin ich daher vorsichtiger mit meinen Ankündigungen geworden. Gut organisierter, spannender & transparenter Unterricht erscheint mir auch sehr wichtig. Ein gutes Auge auf die SuS zu haben und regelmäßig Feedback zu geben ist auch wichtig, um Präsenz und Aufmerksamkeit zu zeigen. Einige SuS juckt das leider trotzdem nicht, aber es sendet trotzdem ein gutes & wichtiges Grundsignal für die ganze Klasse aus. Ein Lehrer, der in seiner eigenen Welt lebt und nichts mitbekommt, wird schnell aufs Korn genommen...
Lehrer Dr. Michi
26. März 2020
Vielen Dank für das nette Feedback. Ich kann allen deinen Ergänzungen nur beipflichten.

Anonymer Besucher
Anonymer Besucher
20. November 2021
Alles lieb und nett gemeint. Aber wahrscheinlich haben Sie schon lange nicht mehr in diesem uneffektiven System gearbeitet. Diese Vorschläge gab es schon in meiner Referendarzeit vor 30 Jahren und waren auch da schon uneffektiv. Alles nett gemeint.Aber nicht relevant für die heutige Klientel.
Lehrer Dr. Michi
29. März 2022
Hallo lieber anonymer Besucher, ich muss Sie enttäuschen: Ich arbeite weiterhin in diesem uneffektiven System, von dem Sie sprechen, und die genannten Tipps beruhen auf eigener Erfahrung und sind keineswegs aus Lehrbüchern kopiert. Ich sage nicht, dass das immer und für alle Klassen funktioniert. Auch für mich nicht, da jede Klasse ohnehin nach ihrem eigenen Umgang verlangt. Steht ja auch explizit als Warnhinweis in der Einleitung ;-). Und natürlich wird die Effizienz solcher Maßnahmen auch, wie sie richtig sagen, von Schulform, Alter der Kinder und Klientel abhängen. Diese Dinge haben sich für mich dennoch in verschiedenen Situationen als hilfreich erwiesen und sind daher als mögliche Werkzeuge für den Unterricht der interessierten Kolleg*innen zu verstehen. Nicht als Allheilmittel. Beste Grüße und vielen Dank für ihr Feedback, Lehrer Dr. Michi

Anonymer Besucher
Anonymer Besucher
20. November 2021
Alles lieb und nett gemeint. Aber wahrscheinlich haben Sie schon lange nicht mehr in diesem uneffektiven System gearbeitet. Diese Vorschläge gab es schon in meiner Referendarzeit vor 30 Jahren und waren auch da schon uneffektiv. Alles nett gemeint.Aber nicht relevant für die heutige Klientel.

Anonymer Besucher
Anonymer Besucher
17. Februar 2022
Das sind tolle Tipps, jedoch fragen wir uns, was die lernwilligen und guten Schülerinnen machen sollen, die wegen den Unterrichtsstörungen dann eben kein gescheiten Unterricht bekommen, nichts erklärt und zu Schluss vom genervten Lehrer nur Arbeitsblätter zum Ausfüllen bekommen? Bei meiner Tochter in der 3. Klasse ist es eine reine Katastrophe, und die Eltern von den 4 störenden & verhaltensauffälligen Jungs werden leider nie vom Lehrer informiert darüber :-(
Lehrer Dr. Michi
29. März 2022
Hallo liebe*r anonyme*r Besucher*in, als Gymnasiallehrer kann ich zur Grundschulpädagogik nicht viel sagen, ebenso wenig zur konkreten Situation. Die Idee dieser Tipps ist es jedoch Unterrichtsstörungen bestenfalls bereits präventiv entgegenzuwirken, damit alle Beteiligten mehr vom Unterricht haben. Das ist natürlich Aufgabe der Lehrkraft, aber es klappt auch nicht immer, wie man das gerne hätte. Bei ausufernden Störungen, wie Sie sie beschreiben, würde ich wohl zunächst versuchen zu alternativen Unterrichtsmethoden zu greifen und die Reaktion der Kinder darauf zu beobachten. Eine Elterninformation habe ich hier zwar auch unter meinen Tipps, aber das muss natürlich auch nicht notwendigerweise das gewünschte Ergebnis haben. Jede Klasse ist ebenso individuell wie der Weg, der mit der Klasse gegangen werden muss. Der gewählte Weg wird manchmal funktionieren, und manchmal eben nicht. Was für die eine Klasse gut ist, kann für die nächste Lerngruppe genau der falsche Weg sein. Als Lehrer*in ist es dann wichtig nicht aufzugeben, zu reflektieren und neue Wege zu finden. Viele Grüße und danke für ihre Antwort, Lehrer Dr. Michi

lexiata
3. April 2024
Hört sich alles ganz nett an, geht aber teilweise an der Realität vorbei. Ich bin seit mittlerweile 27 Jahren im Dienst. Noch vor zehn Jahren funktionierten diese Methoden problemlos. Meine Beobachtungen und Erfahrungen gehen allerdings damit nicht mehr konform. Bereits Grundschüler zeigen vermehrt pubertäres Verhalten, welches früher erst bei Siebt- bis Achtklässlern zu beobachten war. Die Toleranzschwelle ist bei vielen Kindern extrem gesunken. Da reicht ein bloßes Anschauen aus, um in die Klasse zu schreien oder gar einem anderen Kind gegenüber handgreiflich zu werden. Auch bei ruhigem vor die Klasse stellen, abwarten, ruhiger Ansprache, Erinnerung an Regeln, reagieren einige Kinder gar nicht mehr oder sehr respektlos. Informiert man Eltern, bekommt man.unterschiedliche Reaktionen. Die anderen Kinder sind schuld, die Lehrkraft ist schuld, die Umstände sind schuld etc., vom Kind wird zu viel verlangt, das Kind sei ja noch klein, etc, nein konsequent könne man nicht sein, dann würde einen das Kind ja nicht mehr mögen, ja, man habe dem Kind gesagt, dass es (zurück) beleidigen/ schlagen dürfe, zu Hause sei es immer ganz ruhig/ könne alles, ob nur das eigene Kind so sei....Eine Verhaltensänderung passiert seltenst. Ich habe Fransen am Mund, weil ich ständig Eltern erklären muss, dass ihr Kind sich an Schul- und Klassenregeln zu halten habe und diese nicht von den Eltern gemacht würden, dass ich über andere Kinder mit deren Eltern reden würde und jetzt das eigene Kind Thema sei, dass die Situation zu Hause nicht vergleichbar sei mit der im Klassenraum, dass andere Kinder definitiv nicht Schuld sind, wenn das eigene Kind keine/unvollständige Materialien hat, Materialien nicht aus der Tasche holt, sich ohne zu melden herein ruft, im Unterricht aufsteht und andere Kinder beleidigt oder haut, auch nach mehrfacher Erklärung immer wieder nach der Lehrkraft verlangt, dass ich nicht die persönliche Assistentin ihres Kindes sei etc. Neulich hatten wir einen Notfall in der Schule. Die Eltern des verletzten Kindes mussten verständigt werden, Zeuginnen beruhigt und zum Hergang befragt werden etc. Die anderen Kinder wurden gebeten sich leise zu verhalten und sich zu beschäftigen (wohlgemerkt mit selbsterklärenden Aufgaben). Es war nicht einmal möglich die Eltern des verletzten Kindes anzurufen, ohne dass ich zwei Jungen auseinander nehmen musste, die sich schon wieder sehr gern hatten und weitere vehement an Regeln erinnern musste. Auch am Tag danach ging es so weiter, obwohl den Kindern bewusst gemacht worden war, dass am Tag zuvor eine Schülerin schwer verletzt wurde, weil ein Schüler aus einer anderen Klasse absolut überreagiert und sich nicht im Griff hatte. Bei manchen half dann tatsächlich nur noch lautstarkes Einnorden. Ende vom Lied war dann zum Überfluss mittags noch eine Beschwerde von Eltern eines Schülers, der sich respektlos und unfair behandelt fühlte. Was er aber seinen Eltern natürlich vorenthalten hat, war die Tatsache, dass er anderen Kindern gegenüber extrem ausfällig geworden ist und sich selbst in der Situation, als ich mich um den Notfall mit kümmern musste, nicht beherrschen konnte. Das nur zum Thema Respekt! Ich bin gespannt, wie die Eltern darauf reagieren und ob sie dann immer noch der Meinung sind, dass ihr Sohn Narrenfreiheit hat und erst 5-10 mal freundlich und ruhig an Regeln erinnert werden muss, bevor man ihn davor schützt sich und anderen zu schaden! Ich befürchte allerdings, dass da Hopfen und Malz verloren sind, da sie bei jedem Gespräch wieder auf's neue aus allen Wolken fallen, dass ihr Sohn Probleme hat. Das würden sie ja zum ersten Mal hören und die anderen Lehrer und Kinder hätte gesagt, dass ihr Sohn respektvoll sei und gut lernen würde. Seltsam nur, woher diese Weisheit stammen soll, da mittlerweile mehrere unterschiedliche Lehrkräfte und pädagogisches Personal das Arbeits- und Sozialverhalten des Kindes gespiegelt haben, auch schwarz auf weiß. Im Gegenzug wird dann immer wieder gefordert man möge ihnen doch mitteilen, was zu üben sei etc. Die mitgeteilten Aufgaben werden aber nicht erledigt, Ratschläge nicht befolgt..und das ist bei uns kein Einzelfall! Einige Kinder tun mir auch leid, da sie keine Chance einer Verhaltensänderung haben, wenn Sie darin nicht von den Eltern unterstützt werden und es allen Recht machen wollen und nicht können! Vermehrt kommen auch Beschwerden über Fehlverhalten von Mitschülern in sozialen Medien im Freizeitbereich. Die Schule soll es dann richten, da es ja aufgrund der Datenschutzgrundverordnung keine Telefonlisten mehr für die Meldeketten gebe und man die anderen Eltern ja nicht erreichen könne (ich frage mich, wieso die nicht in die Chats ihrer Kinder schauen, bei den betreffenden Kindern anrufen und sich die Eltern geben lassen?!). Nein, 30 Kindern Herr zu werden mit den bewährten Methoden, funktioniert heute leider nicht mehr so ohne Weiteres!
Lehrer Dr. Michi
7. April 2024
Liebe/r Lexiata, danke für Ihr Feedback. An Ihre 27 Jahre Berufserfahrung reiche ich noch nicht heran, blicke aber mittlerweile auch auf mehr als eine Dekade als Lehrer zurück. Ich bin nicht sicher, von welcher Schulform Sie sprechen, ich selbst bin Gymnasiallehrkraft. Aber auch dort nehme ich über die Jahre hinweg einen Wandel im Umgang miteinander (Kinder wie auch Eltern) und in Klassendynamiken wahr. Die in meinem Post genannten Anregungen sollen eben solche sein: Anregungen. Sie funktionieren auch für mich je nach Lerngruppe manchmal besser, manchmal schlechter und manchmal eben auch gar nicht - so viel Ehrlichkeit muss sein. Wie im Aufmacher des Posts geschrieben, sind die Vorschläge auch nicht als Allheilmittel anzusehen. Jede Klasse verlangt nach ihrem eigenen Umgang. Vielmehr sollen diese Ideen vielleicht der oder dem einen oder anderen Kolleg*in helfen, das eigene Methodenrepertoir zu erweitern. Mehr als vielleicht etwas Neues auszuprobieren, sich eigene Gedanken zu machen und hinterher ggf. sagen zu müssen, dass es entweder nicht, für einen selbst nicht oder eben nur für die Lerngruppe nicht funktioniert hat, kann dabei nicht passieren. Und falls doch etwas von den Vorschlägen zu einer Verbesserung geführt haben sollte, dann freue ich mich, dass ich etwas beitragen konnte. In diesem Sinne wünsche ich auch Ihnen viel Erfolg und Kraft bei der Bewältigung der vor Ihnen liegenden Situation. Viele Grüße, Lehrer Dr. Michi
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