
Keiner will sie, aber jeder ist in irgendeiner Form von ihnen betroffen: Unterrichtsstörungen. Die Palette reicht dabei vom unterschwelligen Gemurmel bis hin zu massiven, Unterrichtsablauf-beeinträchtigenden Störungen. Einige Ideen zur Prävention und zum Umgang mit Selbigen zur Hand zu haben, kann jedem/r Lehrer/in helfen.
Dass jede Klasse dabei verschieden ist und nach einem eigenen Rezept für den Umgang mit ihren Schüler/innen verlangt, überrascht dich sicherlich nicht. Daher kann und soll die nachfolgende Aufzählung auch kein Allheilmittel darstellen. Vielmehr sind die im Folgenden genannten Punkte als Anregungen, die sich nach einigen Jahren der Unterrichtserfahrung in verschiedenen Situationen für mich ganz persönlich als hilfreich erwiesen haben, zu verstehen und hoffe, dass du das Eine oder Andere für deinen Unterricht mitnehmen kannst.
- Ändere dein Verhalten, nicht das deiner Schüler/innen
Den in meinen Augen wichtigsten Tipp habe ich selbst in einer Fortbildungsveranstaltung erhalten und ich möchte nicht missen diesen Tipp an euch weiterzugeben: Passe das eigene Verhalten an, um so eine Reaktion der Schüler/innen auf die veränderte Situation zu erzwingen. Ist das Kind einmal in den Brunnen gefallen und die Störungen vorhanden, kannst du leicht versucht sein, das Verhalten deine/r Schüler/innen durch Zureden, Erklärungen oder Sanktionen - dabei immer auf ihre Einsicht und Vernunft hoffend - zum Positiven zu verändern. Aber du redest immer noch zu Kindern, weswegen mir das wenig wirksam zu sein scheint, oder es zeigt nur kurzfristige Erfolge. Ändere stattdessen dich selbst: Setze deine Regeln (wieder) konsequenter durchzusetzen, kontrolliere Hausaufgaben regelmäßiger, lasse (un-)angekündigte Tests schreiben, ziehe das Lerntempo an, wechsle die ≫ Methoden zu wechseln, u.v.m.. Dieser Post liefert dir vielleicht noch weitere Ideen. Diese Dinge muss/sollte man nicht einmal ankündigen. Beobachte die Reaktionen deiner Schüler/innen.
- Vermeide Sanktionen
Der vorgenannte Punkt schließt für mich Sanktionierungen fast pauschal aus. Daher halte ich persönlich weder etwas von Bestrafungen noch von (dauerhaften) Boni- oder Token-Systemen zur Belohnung; zum Letzt-genannten sind die Meinungen aber durchaus geteilt. Es zeigt meiner Meinung den Schüler/innen nur, dass man nicht Herr/Frau der Situation ist, und du willst sicherlich auch nicht, dass deine Schüler/innen nur noch arbeiten, wenn sie eine Gegenleistung dafür erhalten. Bestrafungen tendieren i.d.R. auch eher dazu eine Unterdrückung des unerwünschten Verhaltens zu bewirken, helfen aber selten bei der Einsicht oder gar dem Hervorbringen des gewünschten Verhaltens.
Sanktionen halte ich nur dann für akzeptabel, wenn Grenzen überschritten wurden oder die Situation bereits so verfahren ist, dass erstmal die Grundlage für ein angenehmeres Arbeitsklima geschaffen werden muss, von dem ausgehend man weitere Hebel ansetzen kann. Versuche stattdessen deine Schüler/innen auf andere Weise positiv zu verstärken, z.B. durch ein Lob vor der ganzen Klasse oder verwende andere in diesem Post gemachten Vorschläge.

- Schreie nicht in die Klasse
Sind die Schüler/innen zu laut, ist man leicht versucht seine Stimme zu heben und lauthals zu versuchen für Ruhe zu sorgen. Auch das können deine Schüler/innen möglicherweise als wunden Punkt werten und ausnutzen, da sie merken, dass es dir nahe geht. Versuche deshalb nicht oberhalb deiner Normallautstärke zu reden. Das schont nicht nur deine Stimme, sondern auch deinen Stresspegel. Zumindest einige arbeitswillige Schüler/innen fordern möglicherweise selbstständig Ruhe von ihren Mitschüler/innen ein. Ist die Klasse viel zu laut, kannst du dich auch mal vor die Klasse stellen und auf Ruhe warten, sofern es sich als effektiv herausstellt. Dazu kann es helfen, schon zu Beginn des ≫ Unterrichts einen groben Abriss über die Stunde zu geben und klarzumachen, dass ein aufgrund von Störungen nicht erreichtes Ziel in die Hausaufgaben wandern muss. Mache aber klar, dass das keine Strafe, die du verteilen möchtest, sein soll, sondern das dann notwendig ist, weil die Lehrpläne fordern eine gewisse Stoffmenge durchzunehmen. Dann bist du nicht der/die Böse.
- Sei konsequent
Hört sich banal an, aber seien wir ehrlich: Wirklich konsequent zu sein und die eigenen Regeln in jeder Stunde durchzusetzen ist nicht leicht. Kontrollierst du wirklich jede Stunde in einer unzuverlässigen Klasse, ob alle Schüler/innen die Hausaufgaben angefertigt haben? Hälst du nach, ob fehlende Hausaufgaben auch nachbereitet wurden? Vermerkst du dir die Störer? Informierst du die Eltern der Kinder über ihr Verhalten? Deine Schüler/innen merken schnell, wenn du das, was du ankündigst, nicht durchziehst. Dadurch verringert sich dann leider auch dein Standing vor der Klasse.
Überlege dir zu präventiven Zwecken am besten schon bevor du eine neue Klasse übernimmst, was dir wichtig ist, und was du wirklich durchziehen möchtest und auch kannst. Informiere deine Klasse in der ersten Stunde über die Regeln in deinem ≫ Unterricht. Eine eigens dazu vorbereitete Präsentation kannst du jedes Jahr auf's Neue verwenden. Sind die Störungen schon vorhanden, kläre mit den Schüler/innen ggf. deine Regeln erneut. Erkläre deinen Schüler/innen, welches ≫ Arbeitsmaterial sie regelmäßig benötigen, welche Bereiche und Aspekte in die Bewertung der Sonstigen Mitarbeit einfließen, wie du ihr Arbeitsverhalten berücksichtigst und wie mit fehlenden Hausaufgaben umgegangen wird sowie was bei krankheitsbedingter Abwesenheit zur Aufbereitung der Inhalte erwartet wird. Auch scheinbar unwichtige Dinge wie Toilettengänge als eine geringere Form der Unterrichtsstörung können an dieser Stelle angesprochen werden.
Bei all dem gilt: Kündige nichts an, von dem du nicht sicher bist, dass du dabei konsequent bleiben kannst.
- Sei organisiert und strukturiert
Eine mögliche Ursache für Unterrichtsstörungen kann auch mal ein unorganisierter Arbeitsalltag oder eine nicht so gut durchdachte Unterrichtstunde oder ≫ Unterrichtsreihe sein. Wenn deine Schüler/innen den Zweck deines Unterrichts oder den roten Faden nicht erkennen und so möglicherweise schon früh den Anschluss verlieren, schalten sie ab und beschäftigen sich - natürlich - mit etwas Anderem. Versuche daher dein Classroom-Management und Arbeitsabläufe im Unterricht zu optimieren, sorge dafür, dass alle Schüler/innen immer etwas zu tun haben, dass Arbeitsaufträge klar, eindeutig und nicht interpretierbar sind. Erstelle ≫ strukturierte Arbeitsblätter, statt die Arbeitsaufträge nur mündlich zu geben oder an die Tafel zu schreiben. Die guten Schüler/innen können bspw. schomal die Präsentation vorbereiten oder als "Experten" den langsameren Schüler/innen zur Hand gehen. Mache Zeitvorgaben, an denen sich deine Schüler/innen orientieren können, und fahre konsequent mit deinem Unterricht fort, wenn die Progression durch nicht konzentriertes Arbeiten oder Störungen einiger Schüler/innen gefährdet wird.
Eine gute Organisation hilft dir auch bei der im vierten Punkt besprochenen Konsequenz. Überlege dir, wo und wie du Verstöße gegen deine Regeln und fehlende Hausaufgaben vermerkst sowie wo und wie du nachhältst, ob bspw. Hausaufgaben oder andere Aufgaben nachbereitet wurden. Für Tablets gibt es hierzu bspw. mittlerweile gute Apps für Android (tapucate) und iOS (Teacher-Tool), die dir bei der Bewältigung dieser Aufgabe helfen.
- Nimm dich heraus: Wechsle die Unterrichtsmethode
Hat man das Ruder im ≫ Unterricht meist selbst in der Hand, ist man auch bei Unterrichtsstörungen immer in der unmittelbaren Pflicht, ein gutes Arbeitsklima herzustellen und aufrechtzuerhalten. Insbesondere der (zu häufige) Frontalunterricht könnte es dir in ohnehin schwierigen Klassen unnötig schwer machen. Stehst du auf diese Weise im Fokus, ist es für deine Schüler/innen leichter deine Schwachstellen auszunutzen.
Probiere stattdessen mal andere Unterrichtsmethoden aus, bei denen du nicht im Zentrum stehst. Für mich hat bspw. das selbstständige, ≫ stationen-artige Lernen oft Wunder bewirkt. In der Fachliteratur habe ich hierzu mal die Aussage gelesen (paraphrasiert): "Das ≫ Stationenlernen kann eine methodische Antwort auf Disziplin-Probleme sein". Ich kann dieser Aussage nur beipflichten. Bewerte ggf. ihre Arbeit hinterher mit einer Note oder lasse einen abschließenden, zu Beginn angekündigten Test darüber schreiben.

Bei solchen längerfristig angelegten Arbeitsphasen sollte darauf geachtet werden, dass die Schüler sich die Inhalte wirklich selbstständig erarbeiten können. Antizipiere Schwierigkeiten und bereite ggf. Hilfestellungen dazu vor. Auf diese Weise kannst du dich mehr in die Rolle des Beobachters zurückziehen, und vielleicht machst du dabei Beobachtungen, die dir bei dem weiteren Umgang mit der Klasse helfen können. Auch kannst du mehr auf andere Dinge wie den Lernfortschritt innerhalb der Gruppen achten und bemerkst Schwierigkeiten, die während der Präsentation und Besprechung wieder aufgegriffen werden können. Kleine Hinweise á la "Die Gruppe dahinten ist schon eine ganze Aufgabe weiter" kann zusätzliche Motivation bringen. Auch spiegelst du so deinen Schüler/innen ihr Arbeitsverhalten wider und zeigst gleichzeitig, dass du das zur Kenntnis genommen hast. Durch die Wiederverwertbarkeit der erstellten Materialien hast du in den nachfolgenden Jahres deutlich weniger Arbeit.
- Gib deinen Schüler/innen Feedback
Deine Schüler/innen über ihren Leistungsstand zu informieren kann ihnen ggf. den Ernst der Lage vor Augen führen. Regelmäßige kurze, schriftliche Überprüfungen können diesem Zweck dienen. So dürfte es dann auch schwierig sein, sich am Halbjahresende über eine mögliche Minderleistung beschweren. Da es in unruhigen Klassen weniger leicht ist, die fachlichen Fähigkeiten jedes Einzelnen zu bewerten, lässt sich eine solche Maßnahme auch pädagogisch legitimieren.
- Nutze das Notenspektrum aus
Jede/r Schüler/in soll zum Halbjahr und zum Schuljahresende fair, d.h. der Leistung entsprechend, benotet werden. Das betrifft auch Minderleistungen. Wenn jemand eine solche Note verdient hat, dann setze sie auch auf dem Zeugnis. Es kann für die Gruppe und ihr Verhalten destruktiv sein, jemandem noch die berühmte "Gnaden-Vier" zu geben, wenn sich Schüler/innen, die sich in deinem Fach schwer tun, die Note ausreichend durch ihren Einsatz überhaupt erarbeitet haben. Warum sollte man sich dann eigentlich noch bei dir im ≫ Unterricht anstrengen, wenn sowieso am Ende jeder eine vier bekommt? Ausserdem kann eine Minderleistung auf dem Halbjahreszeugnis manchmal ungeahnte Fähigkeiten freisetzen.
- Lass dich nicht stressen
Der Beruf des Lehrers ist nicht ohne Grund einer derjenigen mit den höchsten Burn-Out Raten. Unterrichtsstörungen und das konsquente Durchgreifen können leicht in Stress ausarten. Ist es erstmal soweit, und lässt man den Stress an sich heran, merken deine Schüler/innen dies schnell und beginnen - möglicherweise auch unterbewusst - dies auszunutzen. Zeige ihnen nicht, dass dir die Situation nahe geht, sondern versuche ruhig zu bleiben und stattdessen vielleicht mit einigen der hier aufgeführten Anregungen den Störungen entgegenzuwirken. In der Ruhe liegt die Kraft!
- Sprich mit den Kollegen
Wenn du von Unterrichtsstörungen betroffen bist, dann sicherlich zumindest auch der ein oder andere Fachlehrer-Kollege, der die selbe Klasse unterrichtet. Scheue dich daher nicht davor, den Kollegen von deinen Schwierigkeiten zu berichten: Es gibt keinen Grund wegen dem dir das peinlich sein müsste. Möglicherweise kommen andere Lehrer/innen mit der Klasse besser zurecht und können hilfreiche Tipps geben. Hospitiere bei den Kollegen oder lade sie in deinen Unterricht ein. Manchmal sieht man einfach den Wald vor lauter Bäumen nicht. In jedem Fall gilt: Im Team bist du stärker. Entwickelt gemeinsam Maßnahmen, die ihr dann konsequent durchzieht. Merken deine Schüler/innen, dass alle Lehrer an einem Strang ziehen, können sie euch nicht so leicht gegeneinander ausspielen und es wird schwieriger für sie ihr störendes Verhalten durchzuhalten.
- Kommuniziere mit den Eltern
Habe keine Angst, die Eltern mit ins Boot zu holen. Die Kinder erzählen natürlich nichts davon, wenn sie wieder einmal im ≫ Unterricht Unsinn angestellt haben. Manche Eltern fallen aus allen Wolken, wenn sie erstmalig vom Verhalten ihrer Kinder erfahren. Diese zu informieren, kann Wunder bei Verhalten der Kinder bewirken - sofern sich die Eltern für ihre Kinder interessieren. Sobald deine Schüler/innen wissen, dass du eine Standleitung zu Vater und Mutter hast, benehmen sie sich häufig schon ganz anders.
- Sei reflektiert - Gib nicht auf!
Klappt es in einer Klasse nicht so gut, gib nicht auf. Reflektiere über die zurückliegenden Stunden, frage dich, was schiefgelaufen ist und warum. Was ist die Ursache für die vorliegenden Unterrichtsstörungen? Ist es dein eigener Unterricht, die Pubertät, Liebeskummer oder Probleme zuhause? Nur mit einer guten Analyse kann man geeignete Mittel wählen. Gib niemals auf und sage dir nicht "Das ist jetzt halt so", sondern frage dich stets wie du dem entgegenwirken kannst.
Fazit
Unterrichtsstörungen sind nicht schön und können sehr an den eigenen Nerven zerren. Aber wenn es dir gelingt ruhig und objektiv zu bleiben, du dir die Situation nicht zu sehr zu Herzen nimmst und langsam, aber stetig an dem Problem arbeitest, dann wird es nach und nach vorangehen.
Was hast du für Erfahrungen mit Unterrichtsstörungen gemacht? Wie gehst du damit um? Hast du weitere Vorschläge zum Umgang und zur Prävention, die du mit uns teilen kannst? Hast du Fragen? Schreibe es in die Kommentare!
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