Alle Quereinsteiger sind schlecht! Echt jetzt, Deutschland?


Ganz ehrlich: Ich kann es nicht mehr hören, dieses alljährliche Quereinsteiger-Bashing zu Schuljahresbeginn. Bei allen großen Zeitungen muss man nur nach dem Begriff "Quereinsteiger" suchen und man wird fündig. Im Titel der F.A.Z. "Ungelernte Lehrer: Hauptsache kein Unterrichtsausfall!" schwingt der Sarkasmus mit, "Volker Kauder warnt vor dem Bildungsnotstand" im Spiegel, weil er sich ob des Einsatzes von Quereinsteigern "große Sorgen um die Qualität des Unterrichts" macht und auf Zeit Online wird befürchtet, dass wegen der Seiteneinsteiger im Grundschulbereich "in manchen Bundesländern eine ganze Schülergeneration Schaden nimmt". Von der BILD fange ich gar nicht erst an. Nur selten findet man ein "Lob des quereinsteigenden Lehrers" (F.A.Z.) oder dass "den neuen Lehrern etwas zugetraut wird" (Zeit Online). Auch in den Kommentarspalten der sozialen Medien ist man genervt: "Was kommt als Nächstes? Pflegekräfte als Quereinsteiger in den Arztberuf?".

Differenzierte Betrachtung? Fehlanzeige.

Da frage ich mich, was mit dir los ist, liebes Deutschland? Kannst du wirklich nur noch pauschal kritisieren? Ist dir eine differenzierte Betrachtungsweise so fremd geworden? Natürlich verstehe ich die grundsätzliche Aussage: Die Bildungspolitik hat versagt. Sie hat versäumt, den Beruf, in dem Lehrer mit immer mehr organisatorischen Aufgaben von ihrem Kerngeschäft abgehalten werden, in dem Korrekturbelastungen höher werden und in dem den weitere Verpflichtungen wie der Inklusion einfach auf‘s Auge gedrückt wurden, attraktiver zu gestalten. Sie hat es versäumt dem demographischen Wandel entgegenzuwirken, auf Schwankungen in Geburtenraten zu reagieren und Pensionierungswellen vorherzusehen. Fällt ja alles plötzlich vom Himmel. Und jetzt haben wir den Salat: Es gibt zu wenige Lehrer. Vielleicht hätte der eine oder andere Politiker mal meinen ≫ Mathematikunterricht besuchen sollen - den eines Quereinsteigers.

Vermutlich liegt es auch daran, dass ich angefressen bin, wenn der Frust über die Bildungspolitik bei einem Teil der Bevölkerung und der Medien an den Quereinsteigern abgearbeitet wird. Dabei sind es doch gerade diese, die sich bewusst dafür entschieden haben die Herausforderung anzunehmen und dabei behilfilich zu sein, die Versäumnisse der Politiker in den letzten Jahren abzufedern. Man munkelt, es gäbe gar Quereinsteiger, die ihr Referendariat mit einem besseren Ergebnis abschlossen haben als so mancher universitär ausgebildeter Kollege.


Ein Plädoyer für den Quereinsteiger

Kann der Quereinsteiger nicht vielleicht sogar ein paar Dinge besser? Ein regulärer Lehrämtler lebt in einem Konkon - von Schule ins Studium und direkt wieder in die Schule. Der Quereinsteiger bringt seine Erfahrung aus der Industrie- oder Forschungswelt ein. Seine Fachkenntnisse sind tiefergehender. Mit seiner authentischen Begeisterung für sein Fach motiviert er seine Schüler/innen. Er bringt einen praxisorientierten Blick auf den Stoff mit. Er kann gerade deswegen den Stoff besser vermitteln.

Ja, auch das ist eine einseitige, pauschalisierende Betrachtungsweise. Hört sich komisch an, wenn es zwischen den Zeilen so klingt, als könne der "normale Lehrer" gar keine realitätsnahen Erfahrungen einbringen, seine Schüler/innen nicht begeistern oder er wäre teilweise gar schlechter im Vermitteln des Stoffs, nicht wahr? Ist natürlich Blödsinn. Genauso wie der Mythos um die schlechten Quereinsteiger, die die Qualität des Unterrichts gefährden. Als wenn der Quereinsteiger keine ≫ ordentlichen Unterrichtsreihen erstellen kann. Aber so in etwa fühlt es sich für den Quereinsteiger an, dessen reine Existenz im nächsten Artikel über den Lehrermangel schon wieder in Frage gestellt wird.

Natürlich gibt es sie auch, die Quereinsteiger, die den Schritt zurück in die Schule besser nicht gewagt hätten. Diejenigen, die aus einer Not heraus diesen Weg eingeschlagen haben. Aber - man höre und staune - es gibt auch Lehrer, die den regulären Weg über das Lehramtsstudium gewählt haben, und das Studium ebenfalls besser gar nicht erst angefangen hätten. Von guten wie auch schlechten Quereinsteigern und Regel-Lehrern sind mir schon einige über den Weg gelaufen. Denn auf die grundlegende Eignung der Kandidaten für den Beruf kommt es an! Und unter dieser Eignung ist so viel mehr zu verstehen, als das universitär angeeignete Wissen.

Das „Lehrer-Sein“ ist Talentsache

Für das Lehrerdasein sind neben der nötigen Fachkenntnis gewisse Soft-Skills wichtig, die man kaum auf dem einen oder anderen Weg erlernen kann: Empathie, den Umgang mit den Kindern und Jugendlichen, das Standing vor der Klasse, Antizipation von Schwierigkeiten, die Fähigkeit den Stoff zu vermitteln und auf Schülerniveau herunter zu brechen sowie die Motivations- und Begeisterungsfähigkeit - um nur ein paar Dinge zu nennen, die mir spontan einfallen. Man kann im Studium und Referendariat noch so viele Theorien zu Didaktik, Unterrichtsmethoden und Sozialformen lernen oder sich ≫ Methoden aneignen, um mit Unterrichtsstörungen umzugehen. Ob man den Realitätsschock im Referendariat übersteht und zu einem guten Lehrer mutiert, hängt von ganz anderen Faktoren ab.


Wenn es dem Lehrer-Aspiranten jedoch an Persönlichkeit fehlt, an Durchsetzungsvermögen, der Körpersprache oder am Respekt mangelt, nutzt auch die perfekt mit Lernzielen, Ablaufplan und didaktisch-methodischer Legitimation geplante Stunde rein gar nichts. Die Schüler/innen werden diesen nicht ernst nehmen. Im Klassenraum gilt, was schon Fußball-Ikone Adi Preißler (†) wusste: „Grau ist alle Theorie – entscheidend is auf’m Platz“. Word! Vielmehr wäre es daher nötig schon früh in der Lehrerausbildung bzw. vor Beginn des Quereinstiegs auf die Existenz solcher Soft-Skills hin zu prüfen, respektive diese zu fördern.

Und seien wir ehrlich: Ob Quereinsteiger oder regulärer Lehrer, zu Beginn stehen alle vor den selben Schwierigkeiten. Denn alle sind Berufsanfänger. Der Unterricht wird nicht perfekt sein, denn man wird ins kalte Wasser geworfen. Lehrämtler bringen mehr methodisch-didaktisch-pädagogisches Rüstzeug mit. Quereinsteiger dafür häufig mehr Lebens- und Praxiserfahrung.

Schluss mit dem Quereinsteiger-Bashing

Wenn ein Quereinsteiger den Beruf aus Überzeugung machen will, offen ist, sich nicht zu schade ist bei den erfahrenen Kollegen Ratschläge und Tipps zu holen, dann ist das allemal mehr wert, als jedweder angehender Lehrer, der die nötigen Soft-Skills nicht mitbringt.

Daher hinken auch oft versuchte Analogien zu hypothetischen Quereinsteigern in den Arzt- oder Handwerker-Beruf, wo im Unterschied zum Quereinstieg als Lehrer die fachliche Qualifikation gar nicht in ausreichenden Maße vorhanden ist. Dort helfen auch keine Soft-Skills, die im Lehrerberuf eine weitaus größere Bedeutung einnehmen dürften als in vielen anderen Branchen.

Daher lautet mein Fazit: Der Quereinsteiger geht im Unterricht manche Dinge möglicherweise anders an als der Regel-Lehrer, weil er einen anderen Blick auf den Stoff und die Kinder haben mag. Aber ich unterstelle, dass sie im Mittel wohl nicht schlechter sind als die "Gelernten", von denen es ebenso mehr und weniger Geeignete gibt. Das Land braucht nicht mehr regulär ausgebildete Lehrer auf Kosten der Quereinsteiger. Es braucht mehr Lehrer mit dem nötigen Talent, die den Job aus Überzeugung gewählt haben. Und jetzt Schluss mit dem Quereinsteiger-Bashing!

Wie stehst du zu der Thematik? Lass es mich in den Kommentaren wissen.

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Tags: Quereinsteiger, Seiteneinsteiger, Seiteneinstieg, Quereinstieg, Bildungspolitik, Plädoyer, Softskills

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Kommentare und Fragen von anderen Nutzern
kreativ lernen
4. September 2018
Da sprichst du mir voll aus der Seele. Anstatt gemeinsam an einem Ziel zu arbeiten, nämlich Schülern einen möglichst guten Bildungsweg zu eröffnen, werden Energien unnötig in unsinnigen Diskussionen verschwendet. Wenn man denn unbedingt diskutieren möchte, könnte man ja über gute und schlechte Lehrer im Allgemeinen diskutieren. Über die Förderung und gleiche (faire) Bezahlung von Lehrern. Man könnte auch über mentale Gesundheit von Lehrern sprechen und wie sich Mobbing und fehlende Wertschätzung langfristig auf das Wohl der Schüler auswirken. Und da meine ich für alle Lehrer. Für die Regellehrer, die sich schlecht fühlen, weil ihr Quereinstiegskollege besser mit den Schülern klarkommt, für die Quereinsteiger, die oft als zweite Klasse abgetan werden und sich ihre Position im Kollegium hart erkämpfen müssen. Diese frustigen Prozesse wirken sich auf Gesundheit und Geduldsfaden aus. Auf das Miteinander und das Wohlfühlfeeling bei der Arbeit. Ich glaube fest daran, dass es in allen Branchen gute und schlechte Kandidaten für einen Job gibt. In der Wirtschaft würde man die schlechten Kandidaten aussieben. Und in der Schule?

Anonymer Besucher
Anonymer Besucher
2. August 2019
Also ich lese selten davon, dass Quereinsteiger schlecht gemacht werden. Im Gegenteil, häufig lesen ich, daß Quereinteiger die besseren Lehrer sind. Ausgebildete Lehrer sind realitätsfern, in der freien Wirtschaft gescheitert, haben nur Ferien und werden auch noch viel zu gut bezahlt, dabei tun die den ganzen Tag doch überhaupt nichts. Einige Lehrer sind halt auch frustriert, weil sie sich anhören müssen, wie viel toller und besser Quereinteiger als Lehrer sind und sich denken, danke für den Arschtritt. Ich hab im Kollegium auch viele Quereinsteiger und ich mag sie gern. Sie sind engagiert und haben fachlich viel drauf. Trotzdem sind sie didaktisch und pädagogisch manchmal noch unbeholfen und brauchen auch "Fürsorge" und Tipps bis sie das selber gut können , bis dahin übernehmen die Jahresplanung, Material, Unterrichtsplanungen oder erarbeiten dies mit den dummen Regel Lehrern , was bei einigen Lehrern wiederum für erhöhtem Arbeitsaufwand sorgt und sie wieder denken: Toll, ich helfe und was bekomme ich? Ich bekomme zu hören, ich bin Scheiße und der Quereinsteiger hat viel mehr Lebenserfahrung und ist daher ein viel besserer Pädagoge. Und du bedienst dieselben Klischees. Auch du schreibst, du findest, dass normale Regel Lehrer nicht über dieselbe Lebenserfahrung verfügen und Quereinsteiger die besseren Lehrer sind. Und das ist dreist. Viele mögen Regel Lehrer sein, verfügen aber über jahrelange Erfahrung im Umgang mit Kindern und ihrem Fach. Und ganz ehrlich, Lehrer leben im Kokon Schule? Stimmt, die stellen sich nach Unterrichtsschluss in dem Schrank und haben kein Leben, keine Erfahrungen, keine Freunde und Partner mit anderen Berufen, nie während des Studium gejobbt, die haben keine Kinder und keine Probleme usw.... Vll solltest du aufhören, Lehrer, deine eigenen Kollegen, zu bashen, dann hört vll auch das Quereinsteiger Bashing auf. Ich bin sehr froh, dass meine Quereinsteiger Kollegen einen zu schätzen wissen und dankbar für die Hilfe sind und sich im Gegenzug auf unsere Dankbarkeit und Unterstützung verlassen können. Unsere Quereinsteiger sind wertvolle Kollegen, mit denen das Arbeiten langfristig besser wird. Aber leider glaube ich nicht, dass Sie so ein Kollege wären.
Lehrer Dr. Michi
11. August 2019
Wenn Sie im Unterschied zu mir nur davon hören, dass "ausgebildete Lehrer realitätsfern sind, in der freien Wirtschaft gescheitert, haben nur Ferien und werden auch noch viel zu gut bezahlt, dabei tun die den ganzen Tag doch überhaupt nichts.", dann leben wir vermutlich in verschiedenen Filterblasen. Ich nehme immer nur wahr, dass die reine Existenz der Quereinsteiger in Frage gezogen wird. Natürlich brauchen Quereinsteiger (wie ich) zu Beginn Hilfe. Diese habe ich von meinen Kollegen dankbarerweise immer erfahren dürfen. Meine Jahresplanung, Material, Unterrichtsplanungen habe ich persönlich von Anfang an selber gemacht - natürlich mit Tipps und Tricks meiner geschätzten erfahrenen Kollegen. Bzgl. der zweiten Hälfte ihres Kommentars muss ich doch an Ihrem Leseverständnis zweifeln, oder aber sie nach dem Absatz, den sie offenbar zitieren, aufgehört zu lesen. Ich schreibe direkt im Anschluss daran: "Ja, auch das ist eine einseitige, pauschalisierende Betrachtungsweise. Hört sich komisch an, wenn es zwischen den Zeilen so klingt, als könne der "normale Lehrer" gar keine realitätsnahen Erfahrungen einbringen, seine Schüler/innen nicht begeistern oder er wäre teilweise gar schlechter im Vermitteln des Stoffs, nicht wahr? Ist natürlich Blödsinn." Hier wird meinerseits keiner gebashed. Ganz im Gegenteil: Ich bin lediglich gegen Pauschalisierung. Es gibt geeignete und ungeeignete Kandidaten - bei Quereinsteigern und Regellehrern. Wie aus dem Blogpost auch zweifelsfrei hervorgeht.

c_franzi_g
3. August 2019
Ich bin ehrlich etwas erschüttert. Du stellst dich echt hin und sagst zu deinen "Regel Lehrer Kollegen", dass du der bessere Lehrer bist, weil du "echte" Lebenserfahrung gemacht hast? Glaubst du deine "Regel Lehrer Kollegen" sind auf der Wurstsuppe hergeschwommen? Nur weil der "Regel Lehrer" von Anfang an wusste, dass er Lehrer werden möchte und deswegen gleich diese Ausbildung gewählt hat, stellst du dich hin und machst ihn schlecht? Da hilft auch nicht mehr zu sagen, es gibt solche und solche. Natürlich gibt es die. Die gibt es in jedem Beruf, es gibt gute und schlechte Handwerker, gute und schlechte Ärzte, gute und schlechte Busfahrer usw. Aber wie anmaßend ist es, sich hinzustellen, neu in einen Beruf zu kommen und denen, die jahrelange Erfahrung haben, zu sagen: ich mach das besser als du, weil du das studiert und nie was anderes gemacht hast. Wir haben viele Quereinteiger bei uns an der Schule und mein Co Klassenlehrer ist auch einer. Er steht das 1x vor einer 1. Klasse. Er ist fachlich gut und kann gut mit Kindern und trotzdem ist er wenigstens ehrlich und sagt, dass er froh ist, auf die Erfahrungen und Hilfen der gestandenen "Regel Lehrer" zurückgreifen zu können. Eben auch, weil ihm sein eigentlich erlernter Beruf nix im Ungang mit Kindern und der Vermittlung von Stoff bringt - er also auf keinerlei Erfahrung zurück greifen kann. Und viele unserer Quereinteiger stehen kurz vor ihrem Examen und wir fiebern mit ihnen mit. Sie sind für uns eine Bereicherung. Aber sie halten sich für nix besseres, sie sehen sich als stinknormale "Regel Lehrer", die diesen Beruf genauso erlernen müssen, wie das ihrer "Regel Lehrer Kollegen" getan haben und ziehen mit uns an einen Strang.
Lehrer Dr. Michi
11. August 2019
Liebe Franzi, leider muss ich doch an Ihrem Leseverständnis zweifeln, oder aber sie haben nach dem Absatz, den sie offenbar zitieren, aufgehört zu lesen. Ich schreibe direkt im Anschluss daran: "Ja, auch das ist eine einseitige, pauschalisierende Betrachtungsweise. Hört sich komisch an, wenn es zwischen den Zeilen so klingt, als könne der "normale Lehrer" gar keine realitätsnahen Erfahrungen einbringen, seine Schüler/innen nicht begeistern oder er wäre teilweise gar schlechter im Vermitteln des Stoffs, nicht wahr?" Erkennen Sie die zahlreichen Konjunktive im zweiten Satz? Verstehen Sie was die Aussage "Ist natürlich Blödinn." im Anschluss daran bedeutet? Hier wird meinerseits keiner gebashed. Ganz im Gegenteil: Ich bin lediglich gegen Pauschalisierung. Wie aus dem Blogpost auch zweifelsfrei hervorgeht. Ich habe mich immer auf meine hilfsbereiten Kollegen verlassen dürfen, worüber ich sehr dankbar bin. Von deren Erfahrung zehre ich auch jetzt - einige Jahre nach meinem Referendariat im Rahmen des Seiteneinstiegs - weiterhin. Ganz gewiss fühle ich mich meinen Kollegen in keiner Form überlegen und schätze den Austausch sehr. Du kennst mich nicht, aber ich bin das genaue Gegenteil dessen, was du beschreibst. Grüße von Dr. Michi
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