
Da mir bisher die Lernhilfe/n als eigenständige Dimension von Planungs- und Rekonstruktionsmodellen fehlt, sie im Zusammenhang mit Unterrichtspraktischen Prüfungen aber keine unerhebliche Rolle spielt, möchte ich sie hier kurz als zusätzlichen Aspekt eines engen Geflechts einführen.
Objektorientierte ArtenMateriale Lernhilfen flankieren den fachlichen Stoff des Lernmaterials, stehen in unmittelbarem Bezug zur Lernaufgabe und sind von reinen Lernwerkzeugen zu unterscheiden. Damit stellen sie das Stütz- und Verstärkersystem eines Aneignungssettings dar. Auch wenn die angesteuerten Bereiche nicht immer trennscharf sind, so möchte ich sie hier doch als eigenständige Arten vorstellen. Das Stützsystem eines Aneignungssettings kann u.a. aus allgemeinen Denkhilfen, fachspezifischen Sprachhilfen, Wahrnehmungshilfen und Imaginationshilfen (und Gestaltungshilfen) bestehen.
Kognitive Strukturierungshilfen"Leere" Tabellen, Achsensysteme, Hierarchien, Pyramiden, Kreisdiagramme, Verlaufsdiagramme, Zyklusdarstellungen, Systemdarstellungen etc. kommen auf vielen Arbeitsblättern vor. Sie stellen eine Stützmaßnahme dar, da sie dem Fachwissen, dass SuS repräsentieren werden sollen, eine inhaltlich-formale Ordnung geben. Auch der gemeinsam mit SuS entwickelte Analyse-Dreischritt für werkimmanente Ansätze (Kunst Material-ID: 516043, Deutsch Material-ID: 516053) erfüllt diese Funktion. Wird ein Farbcode mit einem fach-inhaltlichen Bezug vorgegeben, zähle ich den Einsatz von Textmarkern oder Finelinern zum Unterstreichen ebenfalls zu den kognitiven Strukturierungshilfen und nicht mehr zu den reinen Lernwerkzeugen. Ähnlich verhält es sich mit farbigen Notizzetteln usw. Werden Stifte/Papier lediglich zum Schreiben, also ohne strukturierende Bedeutungszuschreibung eingesetzt, erfüllen sie die Funktion eines Lernwerkzeugs. Entscheidungen für Strukturierungshilfen werden von der Lehrkraft zu Hause am Schreibtisch getroffen. Die dort entworfene Ordnung, ob sie fachlich sinnvoll ist oder nicht, ob sie systematisch, sprunghaft oder willkürlich ist, wird von SuS übernommen. Insofern bilden geschlossene Lernhilfen den Rahmen für die fachliche Tiefe oder fachliche Richtigkeit von Unterricht, in dem die Lernbewegungen entsprechend stattfinden. Und man kann infrage stellen, ob eine inhaltsbezogene Strukturierungshilfe wie in diesem Praxisbeispiel für einen motivvergleichenden Ansatz bei Goya und Picasso (Material-ID: 517299) hilfreich ist. In manchen Fällen engt die vorgegebenen Struktur den Erkenntnisraum derart ein, dass da für die SuS einfach nichts mehr zu holen ist. Aber: sie kann den Erkenntnisraum ebenso nur an der Wasseroberfläche eröffnen oder nur in der Meerestiefe.
-> Planungsfrage: Welche inhaltlichen Aspekte sollen in welche visuelle Struktur übersetzt werden?
-> Planungsfrage: Gibt es Lernwerkzeuge bzw. Arbeitsmittel, die zu Strukturierungshilfen umfunktioniert werden können?
Kognitive AktivierungshilfenDas didaktische Prinzip des "gestuften Lernens" kann sich nicht nur auf die Lernaufgabe, wie du es hier vielleicht schon in einem anderen Blogpost gelesen hast, beziehen. Es kann auch beim Design der Dimension der Lernhilfe berücksichtigt werden. Man spricht dann von "gestuften Lernhilfen". Bei diesen gibt es zu jeder Aufgabenstufe kleinschrittigere Aktivierungshilfen zum Aufgabenverständnis, zum Vorwissen, zur Begriffsklärung, zur Ressourcennutzung usw. Sie können als direkter Hinweis oder indirekter Hinweis in Form einer Frage erfolgen.
.-> Planungsfalle: Wenn der Hinweis (oder die Tippkarte) bereits die Lösung oder Teillösung ist, dann handelt es sich nicht mehr um eine Lernhilfe. Derartige Designs ersparen SuS das Denken und aktivieren es nicht.
SprachhilfenSpätestens seit dem Modell des "Sprachsensiblen Unterrichts" gehören Vokabelboxen, -heftchen und Wörterbücher zum allgemeinen Equipement und nicht mehr nur in den Fremdsprachenunterricht. Wenn Fach-Wortspeicher fester Bestandteil des Kunstheftes sind, können sie von SuS selbstständig als Sprachressource in Erarbeitungsphasen genutzt werden. Stehen sie für Bildanalysen zur Verfügung, lenken sie kriterial die Wahrnehmung und erleichtern identifizierendes Sehen (Material-ID: 517552). Insofern stehen sie an der Schnittstelle zu Wahrnehmungshilfen.
-> Planungsfrage: Wurde die notwendige Sprachressource bereits in einer Vorstunde angelegt, sodass auf diese zurückgegriffen werden kann, oder muss eine neue angelegt werden?

Da allerdings nicht jede Fachwissenschaft Gerätschaften für alle erdenklichen Unterrichtssituationen bereitstellt, müssen sie oft erst im Rahmen der Unterrichtsvorbereitung als „didaktische Wahrnehmungshilfen“ entwickelt werden. So kann der Motivsucher beispielsweise zu einem Formatsucher umgewandelt werden. Oder er wird zu einem Detailsucher mit einem stark begrenzten Wahrnehmungsfeld verkleinert, sodass durch ihn gerade nicht mehr die Motivik als solche wahrnehmbar ist. Hier kann sich das zerlegende Sehen z.B. auf isolierte Farb- oder Formaspekte konzentrieren. Ein Tastkasten kann den Sehsinn ausschließen und das Lernen auf den Tastsinn fokussieren. Der Wahrnehmungsstoff (Lernmaterial) befindet sich dann in der Lernhilfe. Zur Schulung des vergleichenden Sehens kann eine Bildwelt (Lernmaterial) von übereinstimmenden und abweichenden Farb-Selektionskärtchen als Lernhilfe flankiert werden, um den Wahrnehmungsstoff in seiner Eigenschaft genauer erfassen zu können. Selektionskärtchen, deren Farbton nicht im Bild vorkommt, werden dann aussortiert. Bietet man z.B. mehrere Blautöne zum Vergleich an, wird das Sehen in Bezug auf Grundton-, Helligkeits- und Sättigungsunterschiede herausgefordert. Damit kann einer Verflachung der Wahrnehmung bzw. einer mentalen Reduzierung auf einen Prototyp entgegengewirkt werden. Es kommt dann nicht nur "Blau" im Bild vor, sondern ein "helles Graublau". Die Arbeit mit Selektionskärtchen ist auf andere Wahrnehmungsinhalte übertragbar.
Da auch Gestaltungsprozesse von Wahrnehmungsprozessen durchzogen sind, können Wahrnehmungshilfen hier ebenfalls dienlich sein. Bei Lernaufgaben mit klaren Zielvorstellungen wie Detailgenauigkeit oder Sauberkeit der Technik (z.B. Schraffur) kann man SuS anhand von Konfrontationskarten Unerwünschtes spiegeln. Fehlformen an einem didaktischen Objekt zu veranschaulichen schützt in gewisser Weise das Schülerprodukt. SuS bleiben in einem aktiven Lernmodus, da sie über das vergleichende Sehen selbst den Veränderungsbedarf entdecken, eine Gegenlösung imaginieren und anschließend realisieren können. Anders als beim „richtigen Vormachen durch die Lehrkraft“ wird hier der Lösungsweg weiterhin offen gehalten. Das (verkürzt dargestellte) Praxisbeispiel stammt von einer Referendarin, die 2018 ihren 1. Unterrichtsbesuch in einer 6. Klasse durchgeführt hat.
ImaginationshilfenBei derartigen Lernhilfen kann die Motivation der SuS einerseits durch eine interessengeleitete Wahl aufrechterhalten werden und andererseits dadurch, dass sie die Angemessenheit des Schwierigkeitsgrads der Herausforderung vor der Hintergrund der Machbarkeit selbst bestimmen. Sie dürfen dann aus bereitstehenden Lernhilfen eine oder mehrere auswählen.
Im Rahmen gestaltungspraktischer Prozesse kann eine Analogiebildung eine weitere Form der Lernhilfe sein. Tanja Amado (2019) plant beispielsweise für das Plastizieren der Augenpartie das Hinzuziehen einer Kastanie. Eine Orange könnte ebenfalls helfen sich Formdetails und die Körperhaftigkeit des Augapfels besser vorstellen zu können. Analogieobjekte zusätzlich zum Lernmaterial bringen jedoch auch ein gewisses Ablenkungspotenzial mit sich.
GestaltungshilfenDiese Art wollte ich ursprünglich aussparen, denn Bastelanleitungen sind für mich definitiv keine gestaltungsbezogenen Lernhilfen. Erst nach einem Blick in die Lektüre fiel mir wieder ein Praxisbeispiel ein, durch das eine Abgrenzung verständlich werden könnte. Den Anstoß gab der Begriff der „lenkenden Verfahren“ von Dinkelmann. Während eine Bastelanleitung eine lineare Schrittfolge zu einem Bastelergebnis darstellt, fächern Gestaltungshilfen den Gestaltungsvorgang auf, sodass mehrere alternative Gestaltungsprodukte erzeugt werden. Die Gestaltungshilfen an sich sind zwar geschlossen, führen aber nicht zu einem geschlossenen Produkt. Beim Experimentieren könnte man sagen, dass eine Methodensensitivität durch präzise handlungsleitende Impulse erreicht wird, die unterschiedliche Auswirkungen auf das Gestaltungsergebnis haben. Ähnlich dem zerlegenden Sehen wird zerlegend produziert, um Gestaltungserkenntnisse generieren zu können. Der Zufall kann dann zukünftig tatsächlich gesteuert werden. Gestaltungshilfen wirken unterstützend in einem Unterricht, der ein Gestaltungsmittel, ein Verfahren oder einer künstlerische Strategien als Gegenstand einer produktiv-reflexiven Lernaufgabe hat.
Mit materialen Lernhilfen können, je nach Planungsabsicht, unterschiedliche didaktische Prinzipien in Erarbeitungsphasen umgesetzt werden.
Darüber hinaus können sie eine Differenzierungsfunktion erfüllen, müssen es aber nicht. Dies hängt davon ab, ob es sich um ...
Materiale Lernhilfen werden von mir funktional verstanden, also dahingehend, was sie in Bezug auf das Lernmaterial (Stoff), dem Lernwerkzeug und der Lernanforderung leisten. Dieses enge Verständnis führt zu mehr Klarheit hinsichtlich der anderen Dimensionen. Gerade im technisch-handwerklichen Bereich des Kunstunterrichts sind differenzierte Planungsprozesse nicht ganz einfach. Denn ein Fachmittel wie der Bleistift kann allgemeindidaktisch gesehen ...
Es ist also zwingend erforderlich zu klären, als welche Dimension eine Sache didaktisch intendiert ist. Erst dann kann man sehen, welche bereits berücksichtigt wurde und welche Dimension noch fehlt, um ein didaktisch verdichtetes Setting zu planen. Umso dichter ein Lernarrangement ist, desto mehr trägt es die SuS. Vor allem diejenigen, die das Dazulernen im Fach Kunst noch nicht intrinsisch motiviert und selbstständig angehen können. Umso loser die Planung angegangen wird, desto mehr schwimmen sie.
Unterrichtest du Kunst mit Lernhilfen? Welche Erfahrungen hast du damit gesammelt?
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* Zur "Arbeitsblattdidaktik": Arbeitsblätter und Lehrwerksseiten werden häufig als Mischform von Lernmaterial, Lernaufgabe, Lernhilfe konstruiert. Was die Handhabung von Kopien betrifft, ist dies sicher ökonomisch. Didaktisch wird dadurch die unterschiedliche Funktion der einzelnen Dimensionen etwas verwischt.
Amado, Tanja (2019): Unterrichtsbezogene Vorstellungsbildung - Kunstunterricht planen als kreativer Prozess. In: Unterricht planen. IMAGO. Zeitschrift für Kunstpädagogik, Seite 77ff.
Dinkelmann, Kai (2008): Kreativitätsförderung im Kunstunterricht. München: Utz Verlag, Seite 25.
Pagel, Tina (2012): Die Restriktion als pädagogischer Ansatz künstlerischen Denkens und Handelns. Ein Plädoyer für die Einschränkung der künstlerischen Freiheit im Kunstunterricht. In: BDK-Mitteilungen 48 (2012) 4, Seite 13-17.
Urban, Klaus (2004): Kreativität. Herausforderung für Schule, Wissenschaft und Gesellschaft. Münster: LIT Verlag.
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