„Mir ist langweilig!“ – Warum freie Zeit für viele Kinder gar nicht so einfach ist

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„Mir ist langweilig!“ – Warum freie Zeit für viele Kinder gar nicht so einfach ist

Die Pause hat gerade erst angefangen. Eigentlich müsste man meinen, dass Kinder nach zwei Unterrichtsstunden ziemlich genau wissen, was sie jetzt machen möchten. Endlich raus, bewegen, Freunde treffen, spielen. Und trotzdem dauert es manchmal keine zwei Minuten, bis das erste Kind vor einem steht: „Mir ist langweilig. Was soll ich machen?“

Man macht einen Vorschlag. „Frag doch mal, ob du mitspielen kannst.“ – „Nee.“ Vielleicht Fangen? „Keine Lust.“ Springseil? „Die sind alle weg.“ Etwas mit Kreide? „Will ich nicht.“ Und spätestens beim fünften Vorschlag merkt man, dass man gerade angefangen hat, die Pause eines anderen Menschen zu organisieren.

Natürlich betrifft das längst nicht alle Kinder. Viele verschwinden auf dem Schulhof und sind die nächsten zwanzig Minuten wunderbar beschäftigt. Andere haben damit deutlich größere Schwierigkeiten. Besonders sichtbar wird das, wenn etwas nicht so läuft wie erwartet: Der beste Freund ist krank, der Fußballplatz schon besetzt, das Lieblingsmaterial vergeben oder die Freundin möchte heute mit jemand anderem spielen. Dann fehlt nicht unbedingt die Möglichkeit zur Beschäftigung. Es fehlt häufig die Idee, wie es von hier aus weitergehen könnte.

Das Problem ist manchmal gar nicht die Langeweile

Wenn ein Kind sagt: „Mir ist langweilig“, kann dahinter ziemlich Unterschiedliches stecken. Vielleicht hat es tatsächlich gerade keine Idee. Vielleicht möchte es gern Kontakt zu anderen Kindern, weiß aber nicht, wie es dazukommen kann. Vielleicht fällt es ihm schwer, aus mehreren Möglichkeiten etwas auszuwählen. Oder es hatte einen ganz bestimmten Plan – und nachdem der nicht funktioniert hat, fühlt sich alles andere automatisch falsch an.

Deshalb hilft auch die klassische Antwort „Dann such dir doch etwas“ manchen Kindern herzlich wenig. Was für Erwachsene nach einer einfachen Entscheidung aussieht, besteht nämlich aus ziemlich vielen kleinen Schritten: Ich muss merken, was ich gerade möchte. Ich muss wahrnehmen, welche Möglichkeiten überhaupt da sind. Ich muss mich für etwas entscheiden. Vielleicht muss ich andere ansprechen. Und wenn die Antwort nicht so ausfällt wie erhofft, muss ich meine Idee wieder verändern.

Das kann man üben. Nicht indem wir Kindern jede Pause durchstrukturieren, sondern indem wir ihnen nach und nach mehr Möglichkeiten an die Hand geben, aus denen sie irgendwann selbst wählen können.

Bevor wir eine Spielidee liefern, können wir eine Frage stellen

Wenn ein Kind regelmäßig nach Beschäftigung fragt, ist es natürlich verlockend, sofort Vorschläge zu machen. Das geht schnell und für diesen Moment ist das Problem gelöst. Langfristig bleibt die Verantwortung damit allerdings bei uns.

Hilfreicher kann es sein, nicht sofort eine fertige Beschäftigung zu liefern, sondern die Auswahl einzugrenzen: „Möchtest du dich gerade bewegen oder lieber etwas Ruhiges machen?“„Möchtest du etwas allein machen oder mit jemandem zusammen?“„Was gibt es hier, das du benutzen könntest?“„Was könntest du auch ohne Material machen?“

Damit wird aus der riesigen Frage „Was soll ich machen?“ eine viel kleinere Entscheidung. Gerade Kinder, die schnell überfordert sind, profitieren oft davon, wenn sie nicht aus zwanzig Möglichkeiten wählen müssen. Zwei oder drei Kategorien reichen zunächst völlig. Und irgendwann wird aus „Was soll ich machen?“ vielleicht erst einmal: „Ich möchte mich bewegen.“ Das ist schon deutlich mehr, womit man arbeiten kann.

Ein kleines Repertoire macht einen großen Unterschied

Natürlich kann ein Kind nur schwer selbst auf Ideen zurückgreifen, die es überhaupt nicht kennt. Deshalb finde ich es sinnvoll, mit Kindern bewusst ein Repertoire für freie Situationen aufzubauen.

Dabei müssen es gar nicht die ausgefallensten Pausenspiele sein. Im Gegenteil. Die besten Ideen sind häufig diejenigen, die ohne große Vorbereitung funktionieren und die Kinder später tatsächlich selbstständig umsetzen können. Was kann ich mit einem Ball machen? Was geht mit einem Springseil? Was kann ich mit Kreide anfangen? Welche Spiele brauchen überhaupt kein Material? Was kann ich zu zweit machen? Was funktioniert auch allein? Und was kann ich machen, wenn ich heute eigentlich gar keine Lust auf Action habe?

Gerade der letzte Punkt geht im Schulalltag manchmal unter. Nicht jedes Kind muss jede Pause rennend über den Schulhof verbringen. Eine Bank, eine ruhige Ecke, etwas beobachten oder eine Weile für sich sein können genauso legitime Möglichkeiten sein. Unser Ziel sollte nicht sein, Langeweile um jeden Preis zu verhindern. Ein Kind darf auch mal ein paar Minuten nichts tun und überlegen. Manchmal entsteht eine Idee schließlich erst, wenn nicht sofort jemand anderes eine liefert.

„Kann ich mitmachen?“ ist wichtig – aber ein Ja ist nicht garantiert

Ein weiterer Klassiker in Pausen ist: „Die spielen nicht mit mir.“ Manchmal steckt dahinter tatsächlich Ausgrenzung und dann müssen Erwachsene genauer hinschauen. Aber nicht jedes „Nein“ ist automatisch Ausgrenzung.

Vielleicht ist eine Runde gerade schon gestartet. Vielleicht ist eine Gruppe voll. Vielleicht möchte ein anderes Kind heute mit jemand anderem spielen. Und manchmal möchte ein Kind tatsächlich einfach seine Ruhe haben. Kinder dürfen lernen, andere anzusprechen und zu fragen: „Kann ich mitmachen?“ Gleichzeitig gehört zur sozialen Kompetenz auch die Erfahrung, dass eine angemessene Frage nicht automatisch dazu führt, dass mein Wunsch erfüllt wird.

Genau an dieser Stelle wird es interessant: Was mache ich, wenn die Antwort „später“ oder „nein“ lautet? Kann ich kurz zuschauen? Kann ich später noch einmal fragen? Suche ich jemand anderen? Fange ich selbst etwas an? Oder mache ich heute etwas ganz anderes?

Das bedeutet nicht, dass wir Kinder mit wiederholtem Ausschluss alleinlassen sollten. Wenn ein Kind immer wieder gezielt nicht mitspielen darf, regelmäßig abgewertet wird oder sich dadurch zunehmend schlecht fühlt, braucht es Unterstützung. Aber zwischen „Meine Freundin möchte heute etwas anderes spielen“ und systematischem Ausschluss liegt ein wichtiger Unterschied.

Der Plan B fehlt oft genau dann, wenn er gebraucht wird

Eine Sache fällt mir bei Pausensituationen besonders häufig auf: Manche Kinder haben durchaus einen Plan. Sie haben nur genau einen. Heute wird Fußball gespielt und dann ist der Platz besetzt. Damit ist nicht nur Fußball ausgefallen. Gefühlt ist die komplette Pause ruiniert.

Das Gleiche passiert, wenn die Freundin fehlt, das Springseil vergeben ist oder niemand Lust auf das vorgeschlagene Spiel hat. In solchen Situationen bringt es wenig, einem enttäuschten Kind sofort zu erklären, dass es doch „tausend andere Sachen“ machen könne. Für das Kind war gerade eben eben nicht irgendeine Beschäftigung geplant, sondern genau diese. Die Enttäuschung darf deshalb erst einmal da sein. Danach kann die entscheidende Frage kommen: „Okay. Dein Plan A klappt gerade nicht. Was könnte dein Plan B sein?“

Das klingt banal, ist aber eine ziemlich wichtige Fähigkeit. Denn Kinder brauchen diese Flexibilität nicht nur auf dem Schulhof. Immer wieder werden Wünsche nicht erfüllt, Pläne ändern sich oder andere Menschen haben andere Vorstellungen. Ein Plan B bedeutet dabei nicht: „Ist doch egal, mach halt was anderes.“ Er bedeutet: Ich kann enttäuscht sein und trotzdem überlegen, wie es jetzt weitergeht.

Vier Fragen, die man auch im Schulalltag immer wieder benutzen kann

Für Kinder, die in freien Situationen häufig Unterstützung brauchen, kann eine kleine wiederkehrende Orientierung hilfreich sein:

SPÜR – Was brauche ich gerade?
Möchte ich mich bewegen? Etwas Ruhiges machen? Mit anderen zusammen sein? Vielleicht gerade lieber allein sein?

SCHAU – Was gibt es hier?
Welche Kinder, Materialien, Orte und Möglichkeiten sehe ich?

PROBIER – Was könnte ich machen?
Ich muss nicht vorher wissen, ob die Idee perfekt ist. Ich kann etwas ausprobieren.

PLAN B – Was geht noch?
Wenn meine erste Idee nicht funktioniert, ist die Pause noch nicht vorbei.

Diese Fragen müssen nicht jedes Mal der Reihe nach abgearbeitet werden. Irgendwann reicht vielleicht schon ein kurzes „Und was wäre dein Plan B?“, weil die Kinder wissen, was damit gemeint ist. Und genau das wäre für mich das eigentliche Ziel: Nicht möglichst viele tolle Pausenspiele vorzugeben, sondern dafür zu sorgen, dass Kinder uns irgendwann ein bisschen weniger brauchen, um ihre eigene freie Zeit zu gestalten.

Genau daraus ist „Pausen-Profi“ entstanden

Weil dieses Thema im Schulalltag immer wieder auftaucht, habe ich daraus Pausen-Profi – Ideen finden, mitmachen & einen Plan B haben entwickelt.

Das Material verbindet eine fertige Unterrichtsstunde zum sozialen Lernen mit einem interaktiven Browserspiel. Die Kinder können einen Schulhof erkunden und dort Beschäftigungsmöglichkeiten entdecken, sich über einen Pausen-Mixer aus 100 Ideen Vorschläge passend zu ihren eigenen Bedürfnissen zusammenstellen und in 28 Plan-B-Situationen ausprobieren, was sie tun könnten, wenn ihr ursprünglicher Wunsch nicht funktioniert.

Dazu kommen 22 typische Situationen rund ums Mitmachen und selbst Loslegen. Die Kinder können beispielsweise ausprobieren, jemanden zu fragen, zunächst zuzuschauen, selbst etwas anzufangen oder sich eine andere Möglichkeit zu suchen. Und weil der echte Schulhof auch nicht immer so funktioniert, wie man es gerne hätte, antworten die anderen Kinder im Spiel nicht automatisch mit „Ja“.

Mir war außerdem wichtig, dass aus dem Thema keine weitere Botschaft à la „Du musst dich nur beschäftigen“ wird. Deshalb gehören ruhige Pausen, Alleinsein und auch der Moment, in dem man noch keine Idee hat, genauso dazu.

Zum Material gehören neben dem Spiel ein kompletter Stundenentwurf, ein beidseitiges Arbeitsblatt mit persönlichem Plan-B-Rucksack und eine kurze Anleitung für Lehrkräfte. Damit lässt sich das Thema direkt als Unterrichtsstunde aufgreifen – und SPÜR, SCHAU, PROBIER und PLAN B können danach als kleine gemeinsame Sprache im Schulalltag bleiben.

Vielleicht ist dann beim nächsten „Was soll ich machen?“ nicht sofort die nächste Spielidee nötig. Vielleicht reicht irgendwann die Frage: „Was wäre dein Plan B?“

-> Hier gehts zum Spiel

Tags: grundschule, pause, bewegung, soziales lernen, sozialtraining, spielen, adhs, autismus

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Autor SozPädFö - Förderfreude bietet 85 Materialien für Fachübergreifendes, Mathematik und 5 weitere Fächer an - zum Beispiel:

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