Wenn der Zahlenraum bis 100 plötzlich alles schwieriger macht – warum Klasse 2 mehr ist als größere Zahlen

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In Klasse 1 hat vieles irgendwann ganz gut funktioniert. Zahlen bis 20 wurden erkannt, erste Plus- und Minusaufgaben klappten und auch Vorgänger und Nachfolger waren kein großes Thema mehr. Dann kommt der Zahlenraum bis 100 – und plötzlich tauchen Schwierigkeiten auf, die man eigentlich schon abgehakt hatte.

46 oder 64? Was kommt vor der 70? Liegt die 38 auf dem Zahlenstrahl eher hier oder doch viel weiter rechts? Und bei 37 + 20 wird sicher gerechnet, während 37 + 8 wieder dazu führt, dass irgendwo heimlich die Finger unter dem Tisch auftauchen.

Das Interessante daran ist: Nicht immer ist das eigentliche Rechnen das Problem.

Der Zahlenraum bis 100 verlangt Kindern einiges gleichzeitig ab. Sie müssen verstehen, dass unsere Zahlen aus Zehnern und Einern aufgebaut sind, Beziehungen zwischen Zahlen erkennen und eine Vorstellung davon entwickeln, wo eine Zahl innerhalb dieses inzwischen ziemlich großen Zahlenraums liegt. Gleichzeitig kommen neue Rechenstrategien dazu und irgendwann steht auch noch das Einmaleins vor der Tür.

Ein Kind kann deshalb durchaus 53 + 20 richtig lösen und trotzdem keine wirklich sichere Vorstellung von der 53 haben. Es hat vielleicht gelernt: Bei plus 20 verändert sich vorne etwas. Das funktioniert bei dieser Aufgabe wunderbar. Fragt man anschließend, zwischen welchen Zehnern die 53 liegt oder welche Zahl zehn kleiner ist, sieht die Sache plötzlich ganz anders aus.

Genau solche Situationen finde ich im Schulalltag spannend, weil sie zeigen, dass ein richtiges Ergebnis allein noch nicht unbedingt verrät, wie sicher ein Kind mathematisch unterwegs ist.

Bis 100 zählen können und den Zahlenraum verstehen sind zwei verschiedene Dinge

Viele Kinder können schon früh erstaunlich weit zählen. Das klingt zunächst nach einem sicheren Zahlenverständnis. Zählen ist aber erst einmal eine gelernte Abfolge. Wer „... 67, 68, 69, 70, 71 ...“ aufsagen kann, muss deshalb noch lange nicht automatisch wissen, dass die 68 näher an der 70 als an der 60 liegt.

Das merkt man besonders gut, wenn die gewohnte Zahlenreihe einmal verlassen wird.

„Welche Zahl ist 10 größer als 46?“
„Was kommt direkt vor der 80?“
„Welche Zahl liegt zwischen 59 und 61?“
„Ist 72 näher an 70 oder an 80?“

Plötzlich reicht es nicht mehr, einfach bei 1 anzufangen und die Zahlen der Reihe nach aufzusagen. Das Kind braucht eine Vorstellung davon, wie dieser Zahlenraum aufgebaut ist.

Deshalb finde ich es in Klasse 2 wichtig, nicht möglichst schnell vom Zahlenraum zum Rechnen überzugehen. Zahlen ordnen, vergleichen, zerlegen, auf dem Zahlenstrahl einordnen, Nachbarzahlen finden und mit Zehnern und Einern arbeiten wirkt manchmal wie etwas, das man „doch schon gemacht hat“. Tatsächlich steckt darin aber ziemlich viel von dem, was Kinder anschließend zum Rechnen brauchen.

Gerade die Zehnerübergänge zeigen das gut. Wer 8 + 7 lösen soll, kann zählen. Wer später 38 + 7 lösen soll, könnte ebenfalls wieder zählen. Wer aber verstanden hat, wie Zahlen zerlegt werden können und welche Ergänzungen hilfreich sind, hat ganz andere Möglichkeiten.

Und dann kommt auch noch das Einmaleins

Während sich manche Kinder im Zahlenraum bis 100 noch orientieren, beginnen andere bereits mit den ersten Einmaleins-Reihen. Damit wird die Spannweite in einer zweiten Klasse nicht unbedingt kleiner.

Beim Einmaleins zeigt sich übrigens etwas Ähnliches wie beim Zählen. Eine Reihe aufsagen zu können, ist noch nicht dasselbe wie einzelne Aufgaben sicher abrufen zu können. „2, 4, 6, 8, 10 ...“ läuft vielleicht wunderbar. Bei der Frage nach 7 × 2 beginnt das Kind trotzdem wieder ganz vorne.

Auch hier braucht es Zeit und Wiederholung. Und genau das ist im Unterricht manchmal die eigentliche Herausforderung: Nicht jeder neue Inhalt muss noch einmal ausführlich erklärt werden – vieles muss schlicht oft genug sinnvoll geübt werden, damit es zunehmend sicher verfügbar ist.

Nur sitzen in derselben Klasse eben Kinder, die gerade völlig unterschiedliche Dinge üben müssten.

Das eine braucht noch einmal Zehner und Einer. Das nächste Zahlzerlegungen. Ein anderes Plus und Minus bis 100. Und für ein weiteres Kind sind gerade die 2er-, 5er- und 10er-Reihe interessant.

Sie alle einfach dasselbe Arbeitsblatt bearbeiten zu lassen, löst dieses Problem nicht unbedingt.

Übungszeit muss nicht für alle gleich aussehen

Ich finde deshalb gerade in Klasse 2 Phasen hilfreich, in denen nicht die ganze Klasse zwangsläufig dieselbe Aufgabe bearbeitet. Das kann im Wochenplan sein, in der Freiarbeit, während einer Förderstunde oder auch einfach für zehn Minuten zwischendurch.

Dabei muss Differenzierung gar nicht bedeuten, für jedes Kind ein komplett eigenes Programm zu entwickeln. Oft reicht es schon, verschiedene bekannte Übungsmöglichkeiten zur Verfügung zu haben und gezielt auszuwählen.

Und genau dafür nutze ich auch gerne digitale Lernspiele. Nicht, weil ein Tablet eine Rechenaufgabe automatisch besser macht als Papier. Sondern weil ein einmal vorbereitetes Spiel immer wieder geöffnet werden kann und Kinder relativ selbstständig damit arbeiten können. Am Smartboard kann gemeinsam gespielt werden, am Tablet einzeln oder zu zweit und im Förderunterricht kann ich genau den Bereich auswählen, bei dem es gerade hakt.

Besonders praktisch finde ich dabei Spiele mit verschiedenen Zahlenräumen. Wenn ein Kind im zweiten Schuljahr noch einmal etwas bis 20 festigen muss, ist das genauso möglich wie das Arbeiten bis 100. Und wenn ein anderes Kind schon weiter ist, darf die Herausforderung größer werden.

Denn auch das gehört für mich zu Förderung: nicht nur etwas leichter machen, sondern bei Bedarf auch weitergehen können.

Natürlich ersetzen solche Spiele keine Einführung und auch nicht das gemeinsame Sprechen über Rechenwege. Wenn ein Kind das Stellenwertsystem noch nicht verstanden hat, wird es das nicht allein dadurch verstehen, dass es möglichst viele Aufgaben anklickt. Aber wenn etwas eingeführt und gemeinsam erarbeitet wurde, braucht es anschließend Gelegenheiten, es immer wieder anzuwenden.

Und die dürfen ruhig unterschiedlich aussehen.

Genau aus diesem Gedanken heraus habe ich auch mein neues Materialpaket „7 interaktive Lernspiele – Zahlenraum bis 100 verstehen & sicher rechnen“ zusammengestellt. Darin sind verschiedene Spiele zu Zahlzerlegung, Stellenwert, Zahlenstrahl, Zahlennachbarn, Ordnen und Vergleichen, Plus und Minus sowie Einmaleins gebündelt. Der Schwerpunkt liegt auf Klasse 2 und dem Förderunterricht; einige der Spiele bieten zusätzlich Zahlenräume bis 1000 und können deshalb auch später noch weiter genutzt werden.

Denn vielleicht ist das gerade im zweiten Schuljahr wichtiger als das nächste Material für alle: genug unterschiedliche Möglichkeiten zu haben, damit Kinder genau das üben können, was bei ihnen noch nicht sicher ist.

-> Hier gehts zum Material

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