Das Kind macht doch gar nichts – warum Rückzug im Klassenraum so leicht übersehen wird

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Ich glaube, wir alle kennen diese Kinder. Wenn man im Team über die Klasse spricht, fallen ihre Namen erst einmal gar nicht. Man redet über das Kind, das ständig in Konflikte gerät, über das Kind, das jeden Arbeitsauftrag diskutiert, und natürlich über die zwei, bei denen man eigentlich schon morgens weiß, dass heute wieder irgendetwas passieren wird. Irgendwann fragt jemand nach einem anderen Kind und die erste Reaktion ist: „Ach, mit dem ist eigentlich alles okay. Das macht ja nichts.“

Und meistens stimmt das sogar. Das Kind macht nichts. Es stört nicht, es schlägt niemanden, es diskutiert nicht und man muss auch nicht dreimal am Vormittag irgendeinen Streit klären. Es sitzt an seinem Platz, ist im Sitzkreis dabei und fällt im besten Fall so wenig auf, dass man am Ende eines langen Schultages kaum sagen könnte, wie es dem Kind heute eigentlich ging. Gerade in Klassen, in denen viel los ist, ist das für uns Erwachsene natürlich erst einmal angenehm. Ich sage das ganz bewusst so, weil Schule eben Realität ist und wir nicht 25 Kinder gleichzeitig mit derselben Aufmerksamkeit beobachten können. Wenn drei Kinder gerade sehr laut zeigen, dass sie uns brauchen, geht unser Blick automatisch dorthin.

Als Sozialpädagogin finde ich genau diese stillen Kinder manchmal schwieriger einzuschätzen als die lauten. Bei einem Kind, das einen Stuhl umtritt oder schreiend aus der Klasse läuft, muss ich nicht lange überlegen, ob gerade etwas los ist. Das Kind zeigt es mir ziemlich deutlich. Rückzug sieht dagegen oft völlig unspektakulär aus. Ein Kind beteiligt sich etwas weniger, braucht immer länger, bis es mit einer Aufgabe beginnt, schaut häufiger aus dem Fenster oder sitzt in der Pause lieber irgendwo am Rand. Nichts davon muss sofort ein Problem sein. Es gibt ruhige Kinder, es gibt Kinder, die gerne allein sind, und nicht jedes Kind muss sich im Unterricht fünfmal melden oder auf dem Schulhof mitten in einer Gruppe stehen.

Ich glaube, schwierig wird es eher dann, wenn sich etwas verändert. Wenn ein Kind, das sonst mit zwei Freundinnen gespielt hat, plötzlich seit Tagen allein ist. Wenn die Arbeitsblätter immer häufiger leer bleiben, obwohl das Kind die Aufgaben eigentlich kann, oder wenn auf jede Frage nur noch ein „weiß nicht“ kommt. Das sind keine Situationen, wegen denen morgens jemand ins Lehrerzimmer rennt und sagt, wir müssen dringend handeln. Genau deshalb gehen sie so leicht unter.

Mir hilft es bei diesen Kindern, weniger auf einzelne Situationen und mehr auf Entwicklungen zu schauen. Ein Tag, an dem ein Kind keine Lust hat zu sprechen, sagt erst einmal wenig aus. Wenn ich aber über zwei Wochen immer wieder denke, dass das Kind heute schon wieder ungewöhnlich still war, dann lohnt es sich für mich, genauer hinzusehen. Ich frage dann auch nicht sofort: „Was ist los mit dir?“ Auf diese Frage bekomme ich bei Grundschulkindern sowieso erstaunlich häufig ein Schulterzucken oder ein ehrliches „Nichts“. Manchmal fange ich viel kleiner an und sage einfach, was mir aufgefallen ist. „Du warst die letzten Tage in der Pause oft allein.“ Oder: „Ich habe gesehen, dass du bei den Aufgaben gerade oft lange sitzt, bevor du anfängst.“

Der Unterschied klingt erst einmal nicht besonders groß, aber für Kinder ist er es häufig. Ich unterstelle dem Kind nicht, dass es ein Problem hat, und es muss mir auch nicht sofort erklären, warum es sich anders verhält. Ich zeige nur: Ich habe dich gesehen. Manchmal kommt direkt etwas, manchmal erst drei Tage später und manchmal tatsächlich gar nichts. Auch das gehört dazu. Nicht jede Beobachtung führt zu einem großen Gespräch und nicht hinter jedem Rückzug steckt eine Geschichte, die wir aufdecken müssen.

Was ich aber inzwischen versuche zu vermeiden, ist dieses schnelle „Der ist halt ruhig“. Vielleicht ist das Kind wirklich einfach ruhig. Vielleicht braucht es mehr Zeit als andere oder genießt es, nicht ständig im Mittelpunkt zu stehen. Aber „ruhig“ sollte für mich keine Erklärung sein, mit der ich jede Veränderung abhake. Genauso wenig, wie ich bei einem lauten Kind sagen würde: „Der ist halt so“, möchte ich bei einem stillen Kind aufhören hinzuschauen, nur weil sein Verhalten den Unterricht nicht stört.

Gerade im Schulalltag ist das gar nicht so einfach. Wir reagieren zwangsläufig auf das, was dringend ist, und Rückzug fühlt sich selten dringend an. Wenn ein Kind weint, gehen wir hin. Wenn es schreit, reagieren wir. Wenn es seit einer Woche immer weniger spricht, können trotzdem drei Tage vergehen, bis jemandem auffällt, dass da gerade etwas anders ist. Ich nehme mich da überhaupt nicht raus. Mir sind auch schon Kinder erst später aufgefallen, bei denen ich im Nachhinein dachte: Eigentlich hat das schon viel früher angefangen.

Deshalb finde ich kleine Beobachtungen so wichtig. Nicht als riesige Dokumentation und auch nicht mit dem Anspruch, jedes Verhalten sofort pädagogisch auszuwerten. Manchmal reicht es schon, sich zu merken oder kurz aufzuschreiben, wann ein Kind sich zurückzieht und was vorher passiert ist. Ist es vor allem in großen Gruppen? Bei bestimmten Aufgaben? Nach Konflikten? Wenn es laut wird? Oder gibt es gar kein erkennbares Muster? Allein diese Fragen verändern den Blick häufig schon, weil man nicht mehr nur sieht, dass ein Kind still ist, sondern anfängt zu überlegen, wann es stiller wird.

Für manche Kinder ist Rückzug nämlich eine Möglichkeit, mit Situationen umzugehen, die ihnen gerade zu viel werden. Während andere laut werden, anfangen zu diskutieren oder sich körperlich abreagieren, machen diese Kinder eher zu. Von außen sieht das manchmal fast nach Ruhe aus. Für das Kind kann sich im Kopf trotzdem längst alles stapeln.

Genau mit diesem Gedanken habe ich auch mein Material „Wenn mein Kopf zu voll wird“ entwickelt. Es geht darum, mit Kindern überhaupt erst einmal ins Gespräch darüber zu kommen, wie sich Überforderung zeigen kann und was bei ihnen passiert, wenn zu viel zusammenkommt. Ich nutze solche Materialien besonders gern bei Kindern, bei denen ich nicht das Gefühl habe, dass ein klassisches „Erzähl mal, was los ist“ besonders weit führt. Manchmal braucht es einfach einen anderen Einstieg, um gemeinsam herauszufinden, was im Kopf eines Kindes gerade eigentlich passiert.

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Tags: grundschule, classroommanagement, herausforderndes verhalten, autismus, adhs, soziales lernen

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