
Vielleicht kennst du auch diese Kinder, bei denen du irgendwann im Laufe des Schuljahres dachtest: Wir haben es. Nicht alles ist perfekt, natürlich nicht, aber dieses eine Thema, das uns monatelang beschäftigt hat, ist wirklich besser geworden. Das Kind schafft es inzwischen häufiger, sich aus einem Streit herauszunehmen, es verweigert nicht mehr bei jeder Aufgabe oder kommt zu einem Erwachsenen, bevor eine Situation komplett eskaliert. Man freut sich darüber, weil man ja auch weiß, wie viel Arbeit dahintersteckt, und dann kommen die letzten Wochen vor den Sommerferien und plötzlich sitzt man wieder da und denkt: Was ist denn jetzt passiert?
Auf einmal gibt es wieder dieselben Konflikte wie im Herbst. Das Kind, das sich inzwischen eigentlich ganz gut Hilfe holen konnte, schmeißt wieder die Sachen hin und läuft weg. Ein anderes diskutiert wegen jeder Kleinigkeit, obwohl genau das monatelang kaum noch Thema war, und bei manchen Kindern reicht gefühlt wieder ein falscher Blick vom Sitznachbarn, damit der ganze Vormittag gelaufen ist. Ich gebe zu, dass ich in solchen Situationen auch schon gedacht habe: Das kann doch jetzt nicht wahr sein, wir waren doch schon viel weiter. Gerade wenn man ein Kind lange begleitet und wirklich viel Zeit in Gespräche, Absprachen und gemeinsame Lösungen gesteckt hat, fühlt sich das im ersten Moment einfach frustrierend an.
Mittlerweile versuche ich aber, mir in solchen Situationen eine Sache bewusst zu machen: Nur weil ein Kind etwas schon einmal geschafft hat, heißt das nicht, dass es diese Fähigkeit in jeder Situation und unter jeder Belastung sicher abrufen kann. Wir Erwachsenen kennen das von uns selbst eigentlich ziemlich gut. Ich kann sehr genau wissen, dass ich geduldiger reagieren sollte, und trotzdem gibt es Tage, an denen meine Geduld ungefähr bis 9.15 Uhr reicht. Nicht, weil ich plötzlich vergessen habe, wie man vernünftig mit anderen Menschen umgeht, sondern weil ich müde bin, schlecht geschlafen habe, mir zehn Dinge gleichzeitig im Kopf herumschwirren und meine eigene Belastungsgrenze an diesem Tag einfach deutlich niedriger liegt.
Bei Kindern ist das nicht anders, nur dass viele von ihnen noch viel weniger Möglichkeiten haben, das selbst einzuordnen. Gerade in den letzten Schulwochen kommt unglaublich viel zusammen. Es ist warm, die gewohnten Abläufe verändern sich, ständig steht irgendetwas Besonderes an und gleichzeitig rückt das Ende des Schuljahres immer näher. Für manche Kinder bedeutet das Abschied von einer Klasse, einer Lehrkraft oder sogar der ganzen Schule. Andere wissen vielleicht noch gar nicht genau, wie die Ferien zu Hause aussehen werden. Und selbst Kinder, die sich riesig auf sechs Wochen schulfrei freuen, sind inzwischen einfach erschöpft von einem langen Schuljahr.
Was ich dann häufig beobachte, ist gar nicht, dass Kinder plötzlich wieder „schwieriger“ geworden sind. Sie greifen eher auf das zurück, was für sie lange funktioniert hat und was ihnen vertraut ist. Ein Kind, das bei Überforderung früher sofort verweigert hat, kennt diesen Weg sehr gut. Ein anderes wird laut, weil es damit jahrelang irgendwie durch Situationen gekommen ist, und wieder ein anderes zieht sich komplett zurück. Neue Strategien müssen erst einmal wirklich sicher werden. Unter normalen Bedingungen klappt das vielleicht inzwischen erstaunlich gut, aber wenn die eigene Belastung steigt, ist der alte Weg oft schneller da als die mühsam gelernte Alternative.
Ich finde diesen Gedanken im Schulalltag ziemlich wichtig, weil er verändert, wie ich auf solche Situationen reagiere. Wenn ich denke: „Jetzt fängt das schon wieder an“, gehe ich ganz anders in ein Gespräch, als wenn ich mich frage, warum das Kind gerade wieder auf eine alte Reaktion zurückgreift. Natürlich heißt das nicht, dass plötzlich alles erlaubt ist oder wir Verhalten einfach hinnehmen müssen. Ein Kind darf auch kurz vor den Sommerferien nicht andere schlagen, beleidigen oder den Unterricht komplett sprengen. Aber zwischen Grenzen setzen und verstehen wollen liegt für mich kein Widerspruch.
Manchmal hilft es schon, mit dem Kind noch einmal ganz konkret zurückzuschauen. Nicht auf das ganze Schuljahr und auch nicht mit einem langen Reflexionsgespräch, bei dem nach fünf Minuten sowieso keiner mehr zuhört. Eher auf die letzten Tage. Wann war es besonders schwierig? Was war an diesen Tagen anders? Gab es bestimmte Situationen, Kinder oder Aufgaben, nach denen es immer wieder gekippt ist? Ich finde es immer wieder erstaunlich, was sichtbar wird, wenn man nicht nur den einzelnen Konflikt betrachtet, sondern mehrere Situationen nebeneinanderlegt. Plötzlich merkt man vielleicht, dass es fast immer nach der großen Pause passiert oder an Tagen, an denen der Stundenplan anders ist. Vielleicht taucht immer dasselbe Kind im Konflikt auf oder die Situationen entstehen vor allem dann, wenn etwas selbstständig bearbeitet werden soll.
Und genau da kann man oft viel besser ansetzen als bei der zehnten Ermahnung. Wenn ich ein Muster erkenne, kann ich überlegen, ob das Kind vor einer bestimmten Situation noch einmal eine kurze Erinnerung braucht, ob eine Absprache wieder aufgefrischt werden muss oder ob wir eine Strategie, die eigentlich schon gut funktioniert hat, gerade einfach noch einmal stärker in den Vordergrund holen müssen. Manchmal ist die Lösung gar nichts Neues. Manchmal müssen wir nur das wieder hervorholen, was das Kind eigentlich schon kann.
Vielleicht sollten wir deshalb gerade in diesen letzten Schulwochen ein bisschen vorsichtig mit dem Gedanken sein, dass all die Arbeit des Schuljahres plötzlich umsonst war, nur weil ein Kind wieder häufiger in alte Verhaltensmuster fällt. Entwicklung läuft selten schön geradeaus und schon gar nicht bei Kindern, die ohnehin viel Unterstützung brauchen. Es gibt Phasen, in denen etwas richtig gut funktioniert, und dann kommen Tage oder Wochen, in denen man wieder mehr begleiten muss. Das macht die Fortschritte davor nicht weniger echt.
Ich habe mir für solche Situationen irgendwann angewöhnt, Beobachtungen nicht nur im Kopf zu sammeln, weil dort nach einem langen Schultag sowieso irgendwann alles durcheinandergeht. Wenn sich bei einem Kind bestimmte Situationen wiederholen, schaue ich lieber gezielt darauf, was davor passiert, wie das Kind reagiert und was die Situation am Ende wieder beruhigt hat. Genau aus dieser Arbeit ist auch mein Material „Wenn es immer wieder die gleichen Kinder sind“ entstanden. Es hilft dabei, wiederkehrende Situationen und Beobachtungsmuster etwas genauer anzuschauen, ohne direkt die nächste Maßnahme aus dem Hut zaubern zu müssen. Gerade jetzt, wo bei einigen Kindern alte Themen wieder hochkommen, kann es manchmal schon helfen, erst einmal zu verstehen, was sich da eigentlich immer wiederholt.
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