Manchmal merken Kinder selbst nicht, wie viel sie geschafft haben

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Vor ein paar Wochen saß ich mit einem Kind zusammen, das mit sich selbst ziemlich unzufrieden war. Es ging gar nicht um einen Streit oder ein schwieriges Verhalten, sondern um die Frage, wie das Schuljahr gelaufen ist. Das Kind erzählte mir, dass es vieles nicht könne, dass andere Kinder besser seien und dass es froh sei, wenn das Schuljahr endlich vorbei wäre.

Während ich zuhörte, musste ich ein bisschen schmunzeln, weil ich dieses Kind schon seit längerer Zeit begleite. Ich erinnere mich nämlich noch ziemlich genau daran, wie es zu Beginn des Schuljahres war. Damals wollte es möglichst wenig vorlesen, meldete sich kaum und war oft unsicher, sobald eine Aufgabe etwas schwieriger wurde. Wenn etwas nicht sofort geklappt hat, kam schnell der Satz: „Ich kann das nicht.“

Und jetzt saß dieses Kind vor mir, las ganz selbstverständlich vor der Gruppe, arbeitete deutlich selbstständiger und traute sich Dinge zu, die vor einigen Monaten noch undenkbar gewesen wären. Das Problem war nur: Es selbst konnte das kaum sehen.

Je länger ich in der Schule arbeite, desto häufiger fällt mir auf, dass Kinder ihre eigene Entwicklung oft ganz anders wahrnehmen als wir Erwachsenen. Wir sehen die kleinen Schritte. Wir erinnern uns daran, wie ein Kind im September gearbeitet hat und wie es heute arbeitet. Wir merken, wenn ein Kind ruhiger geworden ist, mehr Verantwortung übernimmt oder plötzlich Dinge schafft, die ihm früher schwergefallen sind.

Kinder vergleichen sich dagegen häufig mit ihrem aktuellen Stand oder mit anderen Kindern. Sie sehen das Kind, das schneller rechnet. Das Kind, das schöner schreibt. Das Kind, das im Sport besser ist. Was sie oft nicht sehen, ist der Weg, den sie selbst in den letzten Monaten gegangen sind.

Gerade in der Grundschule finde ich das immer wieder schade, weil dort so viel Entwicklung passiert. Manchmal sind es die offensichtlichen Dinge. Ein Kind lernt lesen. Ein anderes schreibt plötzlich ganze Texte. Oft sind es aber die kleinen Veränderungen, die im Alltag fast untergehen. Da meldet sich ein Kind zum ersten Mal freiwillig. Jemand traut sich, einen Konflikt selbst zu lösen. Ein anderes Kind schafft es, bei einer Aufgabe dranzubleiben, obwohl es schwierig wird. Das sind Dinge, die man nicht in einer Klassenarbeit messen kann, die aber unglaublich wichtig sind.

Vielleicht kennen andere Kolleginnen und Kollegen das auch. Man sitzt am Ende eines Schuljahres vor einem Zeugnis oder einem Entwicklungsbericht und merkt erst beim Schreiben, wie viel eigentlich passiert ist. Dinge, die im Alltag selbstverständlich geworden sind, waren vor einigen Monaten noch echte Herausforderungen. Weil Entwicklung meistens schrittweise passiert, fällt sie oft erst auf, wenn man bewusst zurückblickt.

Genau deshalb finde ich Reflexionsphasen mit Kindern so wichtig. Nicht, weil jedes Kind begeistert darüber spricht, was es gelernt hat. Das tun viele nämlich nicht. Aber wenn Kinder die Gelegenheit bekommen, einmal auf die letzten Wochen oder Monate zurückzuschauen, entstehen oft spannende Gespräche. Plötzlich erinnern sie sich an Dinge, die sie längst vergessen hatten. Sie merken, dass sie etwas geschafft haben, das ihnen früher schwergefallen ist. Oder sie stellen fest, dass sie auf etwas stolz sind, worüber sie vorher noch nie nachgedacht haben.

Besonders gegen Ende des Schuljahres erlebe ich das immer wieder. Viele Kinder freuen sich auf die Ferien oder auf den Wechsel in die nächste Klasse. Gleichzeitig lohnt es sich aber auch, einmal kurz stehenzubleiben und zurückzuschauen. Nicht, um alles perfekt zu machen oder jeden Erfolg groß zu feiern, sondern einfach, damit Kinder wahrnehmen können, was in einem Schuljahr eigentlich alles passiert ist.

Vielleicht ist das sogar etwas, das viele Kinder heute mehr brauchen als noch vor einigen Jahren. Sie erleben ständig, was andere gut können. Sie vergleichen sich, sehen Ergebnisse und Leistungen. Sich selbst einmal bewusst zu machen, was man gelernt, geschafft oder überwunden hat, kommt dagegen oft viel zu kurz.

Aus genau diesem Gedanken heraus nutze ich auch immer wieder Reflexionsmaterialien im Schulalltag. Mein Schultagebuch ist ursprünglich entstanden, weil ich Kindern einen einfachen Rahmen geben wollte, um über sich selbst, ihre Entwicklung und das Miteinander in der Klasse nachzudenken. Oft entstehen dabei Gespräche, die im normalen Unterricht sonst gar keinen Platz finden würden.

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Tags: grundschule, herausforderndes verhalten, selbstreflektion, soziales lernen, soziale und emotionale entwicklung

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