Warum manche Kinder immer die gleichen Konflikte haben

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Es gibt Kinder, bei denen man irgendwann das Gefühl bekommt, dass man dieselben Gespräche immer wieder führt. Nicht jeden Tag und auch nicht jede Woche, aber oft genug, dass einem ein Muster auffällt. Da gab es Streit auf dem Schulhof. Wenige Tage später Ärger während einer Gruppenarbeit. Danach eine Diskussion im Unterricht, weil ein anderes Kind etwas gesagt oder getan hat, das als Provokation angekommen ist. Irgendwann sitzt man als Lehrkraft oder pädagogische Fachkraft zusammen und fragt sich, warum sich diese Situationen eigentlich ständig wiederholen.

Ich meine dabei gar nicht die Kinder, die bewusst Streit suchen oder regelmäßig Regeln missachten. Oft denke ich an ganz andere Kinder. An Kinder, die nach einem Konflikt selbst traurig sind, die sich ungerecht behandelt fühlen oder die ehrlich nicht verstehen, warum es schon wieder gekracht hat. Wenn man mit ihnen spricht, merkt man häufig, dass sie sich die Situation selbst ganz anders vorgestellt hatten und dass sie oft genauso frustriert über die ständigen Konflikte sind wie die Erwachsenen.

Früher habe ich bei solchen Situationen vor allem auf den Konflikt geschaut. Wer hat was gesagt? Wer hat angefangen? Was hätte man anders machen können? Das sind wichtige Fragen und natürlich gehören sie dazu. Trotzdem habe ich irgendwann gemerkt, dass ich damit oft nur den letzten Teil der Geschichte betrachte. Der eigentliche Konflikt liegt sichtbar vor uns auf dem Tisch, aber die Dinge, die dazu geführt haben, sind häufig längst vorbei und geraten dadurch schnell in den Hintergrund.

Mir ist das besonders bei einem Jungen aufgefallen, mit dem ich vor einiger Zeit gearbeitet habe. Er war weder besonders aggressiv noch besonders auffällig. Eigentlich war er ein Kind, das viele mochten. Trotzdem gab es immer wieder Streit. Als wir nach einer Situation zusammensaßen, stellte sich heraus, dass das eigentliche Problem gar nicht der Streit selbst war. Der Streit war nur das Ende einer viel längeren Geschichte. Ein anderes Kind hatte während der Arbeitsphase ständig vor sich hin gesummt. Nichts Dramatisches. Wahrscheinlich hätten die meisten Kinder das nach kurzer Zeit ausgeblendet. Für ihn war das allerdings anders. Er hörte immer wieder hin, schaute immer wieder zu dem anderen Kind und beschäftigte sich gedanklich immer stärker mit dieser Situation. Während die anderen längst bei ihrer Aufgabe waren, war er innerlich schon seit einiger Zeit mit etwas ganz anderem beschäftigt.

Das Spannende war, dass ihm das selbst zunächst gar nicht bewusst war. Für ihn fühlte es sich so an, als wäre er plötzlich wütend geworden. Als wir die Situation gemeinsam Schritt für Schritt durchgegangen sind, wurde ihm erst klar, dass er sich eigentlich schon lange geärgert hatte. Das Summen war nicht plötzlich unerträglich geworden. Seine Aufmerksamkeit hatte sich nach und nach immer stärker darauf gerichtet, bis schließlich nichts anderes mehr übrig blieb. Der Streit begann also nicht in dem Moment, in dem er laut wurde. Er begann deutlich früher. Der laute Moment war lediglich der Zeitpunkt, an dem alle anderen ihn bemerkt haben.

Seitdem achte ich bei Konflikten oft weniger auf den eigentlichen Auslöser und mehr auf das, was vorher passiert ist. Und je länger ich in der Schule arbeite, desto häufiger habe ich das Gefühl, dass genau dort der entscheidende Teil der Geschichte liegt. Viele Kinder nehmen nämlich vor allem den letzten Moment wahr. Sie merken, dass sie wütend sind. Sie merken, dass sie genervt sind. Sie merken, dass sie etwas gesagt oder getan haben, das den Konflikt ausgelöst hat. Was sie oft nicht bemerken, ist alles, was vorher passiert ist. Dabei beginnt die eigentliche Geschichte häufig viel früher. Manche Kinder beschäftigen sich schon seit längerer Zeit mit einer Situation, ohne dass ihnen bewusst ist, wie sehr sie diese bereits beschäftigt. Sie denken immer wieder darüber nach, beobachten andere Kinder oder ärgern sich über Kleinigkeiten, die sich im Laufe der Zeit immer weiter aufbauen.

Wenn man mit Kindern darüber spricht, kommen häufig Dinge ans Licht, die man als Erwachsene gar nicht vermutet hätte. Da erzählt ein Kind plötzlich, dass es schon in der Pause geärgert wurde und die ganze Zeit darüber nachgedacht hat. Ein anderes berichtet, dass es sich während einer Gruppenarbeit ausgeschlossen gefühlt hat. Wieder ein anderes merkt beim Erzählen selbst, dass es eigentlich schon seit Beginn der Stunde genervt war. Solche Informationen bekommt man selten, wenn man ausschließlich darüber spricht, wer angefangen hat oder wer sich falsch verhalten hat.

Genau deshalb frage ich Kinder inzwischen immer häufiger: „Was war vorher?“ Natürlich löst diese Frage nicht jedes Problem und sie sorgt auch nicht dafür, dass Konflikte plötzlich verschwinden. Trotzdem führt sie oft zu deutlich interessanteren Gesprächen als die Suche nach einem Schuldigen. Wenn Kinder anfangen zu erzählen, was vor dem Streit passiert ist, sprechen sie plötzlich über Dinge, die im eigentlichen Konfliktgespräch oft gar keinen Platz haben. Und genau dort liegen häufig die Informationen, die wirklich weiterhelfen.

Ich glaube, dass viele Kinder ihre eigenen Muster noch gar nicht kennen. Sie wissen nicht, warum bestimmte Situationen sie besonders beschäftigen. Sie wissen nicht, warum sie auf manche Kinder empfindlicher reagieren als auf andere. Und sie wissen oft auch nicht, woran sie merken könnten, dass sich Frust, Ärger oder Überforderung langsam aufbauen. Das ist nicht ungewöhnlich. Viele Erwachsene haben lange gebraucht, um solche Dinge über sich selbst zu lernen. Warum sollte es Kindern also anders gehen?

Vielleicht wiederholen sich manche Konflikte deshalb nicht, weil Kinder nichts gelernt haben. Vielleicht wiederholen sie sich manchmal einfach deshalb, weil Kinder noch gar nicht verstanden haben, was eigentlich in ihnen passiert. Und genau dort lohnt es sich aus meiner Sicht, genauer hinzuschauen. Denn wenn Kinder anfangen, ihre eigenen Auslöser, Warnzeichen und Muster zu erkennen, entstehen plötzlich ganz andere Möglichkeiten. Dann geht es nicht mehr nur darum, einen Konflikt nachträglich zu lösen, sondern ihn überhaupt erst zu verstehen.

Aus genau solchen Beobachtungen im Schulalltag ist auch mein Materialpaket „Es fängt nicht plötzlich an – Wenn Kinder schwierige Situationen besser verstehen“ entstanden. Die drei enthaltenen Unterrichtseinheiten beschäftigen sich mit frühen Warnzeichen, typischen Auslösern und der Frage, welche Handlungsmöglichkeiten Kinder haben, bevor aus einem genervten Gefühl ein echter Konflikt wird. Ich nutze die Materialien gerne als Gesprächsanlass, weil sie Kindern helfen, nicht nur über ihr Verhalten zu sprechen, sondern über die Geschichte, die oft schon lange davor begonnen hat.

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Tags: grundschule, sommer, konflikte, adhs, autismus, soziale emotionale entwicklung, sommerferien

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