
Früher habe ich nach schwierigen Situationen oft dieselben Fragen gestellt wie wahrscheinlich die meisten von uns. Wenn ein Kind laut geworden ist, sich gestritten hat oder mitten im Unterricht komplett ausgestiegen ist, habe ich gefragt, warum es das gemacht hat. Das klingt ja auch erst einmal logisch. Man möchte verstehen, was passiert ist und hofft, dass man durch die Antwort irgendwie an den Kern der Sache kommt.
Irgendwann habe ich aber gemerkt, dass ich auf diese Frage erstaunlich oft keine wirklich hilfreiche Antwort bekomme. Viele Kinder zucken mit den Schultern. Manche sagen einfach „Weiß nicht“. Andere zeigen auf das andere Kind und sagen: „Der hat angefangen.“ Und ehrlich gesagt glaube ich den Kindern das sogar. Nicht, weil sie nicht erzählen wollen, sondern weil viele von ihnen tatsächlich nicht genau wissen, an welchem Punkt die Situation angefangen hat.
Mir ist das vor allem bei Kindern aufgefallen, die immer wieder in ähnliche Konflikte geraten. Von außen betrachtet sieht es oft so aus, als wäre da plötzlich etwas passiert. Das Kind wird laut, wirft einen blöden Spruch in die Runde oder diskutiert sich fest. Wenn man aber später noch einmal in Ruhe darüber spricht, merkt man oft, dass die eigentliche Geschichte viel früher begonnen hat.
Vor einiger Zeit hatte ich einen Jungen bei mir sitzen, der sich mit einem anderen Kind in die Haare bekommen hatte. Als wir darüber gesprochen haben, konnte er mir zunächst überhaupt nicht sagen, warum er irgendwann so wütend geworden war. Also haben wir nicht bei dem Streit angefangen, sondern davor. Und dann noch ein Stück davor. Irgendwann erzählte er, dass das andere Kind während der Arbeitsphase die ganze Zeit vor sich hin gesummt hatte. Für die meisten Kinder wäre das wahrscheinlich keine große Sache gewesen. Für ihn aber schon. Er konnte sich irgendwann nicht mehr auf seine Aufgabe konzentrieren. Er hat immer wieder rübergeschaut. Er hat gehofft, dass das Summen aufhört. Dann hat er sich darüber geärgert, dass es nicht aufhört. Irgendwann war er nur noch damit beschäftigt und gar nicht mehr bei seiner eigentlichen Arbeit.
Der Streit, den später alle gesehen haben, war eigentlich nur der letzte Teil der Geschichte.
Solche Gespräche haben bei mir etwas verändert. Ich frage inzwischen viel häufiger: „Was war vorher?“ Nicht nur nach Streitigkeiten, sondern auch dann, wenn Kinder plötzlich keine Lust mehr haben, wenn sie sich zurückziehen oder wenn sie auf einmal völlig überfordert wirken. Oft kommen dabei Dinge heraus, die man im ersten Moment gar nicht auf dem Schirm hatte. Da erzählt ein Kind von einer Situation auf dem Schulhof, die Stunden zurückliegt. Ein anderes berichtet, dass es schon morgens schlechte Laune hatte. Wieder ein anderes merkt beim Erzählen selbst, dass es eigentlich schon lange genervt war, bevor es laut geworden ist.
Ich finde das deshalb so spannend, weil wir Erwachsenen häufig erst auf den Moment reagieren, den wir sehen können. Verständlicherweise. Wir können schließlich nicht in die Köpfe der Kinder schauen. Aber wenn wir nur über das Verhalten sprechen, verpassen wir manchmal den Teil der Geschichte, aus dem Kinder tatsächlich etwas lernen können.
Denn wenn ein Kind irgendwann erkennt, dass die Wut nicht einfach plötzlich da war, sondern sich langsam aufgebaut hat, dann entstehen ganz andere Möglichkeiten. Dann kann man darüber sprechen, woran es das beim nächsten Mal vielleicht früher merken könnte. Dann kann man überlegen, welche Situationen besonders schwierig sind. Und manchmal merkt ein Kind sogar selbst, dass es schon lange vor dem Streit einen Punkt gegeben hätte, an dem es Hilfe hätte holen oder etwas anders machen können.
Genau deshalb stelle ich diese Frage mittlerweile so oft. Nicht, weil sie jedes Problem löst. Das tut sie natürlich nicht. Aber sie führt erstaunlich häufig zu Gesprächen, die viel interessanter sind als die Frage, wer angefangen hat oder wer schuld war. Und ganz nebenbei lernen Kinder dabei etwas, das ihnen weit über die Grundschule hinaus helfen kann: sich selbst ein bisschen besser zu verstehen.
Aus genau diesen Beobachtungen im Schulalltag ist übrigens auch mein Materialpaket „Es fängt nicht plötzlich an“ entstanden. Die Materialien helfen Kindern dabei, Warnzeichen wahrzunehmen, schwierige Situationen besser zu verstehen und gemeinsam zu überlegen, was eigentlich schon lange vor dem sichtbaren Konflikt passiert ist.
In den letzten Monaten habe ich gemerkt, wie hilfreich solche Gespräche für viele Kinder sein können. Aus diesen Erfahrungen im Schulalltag ist auch mein Materialpaket „Es fängt nicht plötzlich an“ entstanden. Darin beschäftigen sich Kinder mit frühen Warnzeichen, Situationen mit anderen Kindern und der Frage, welche Handlungsmöglichkeiten sie in schwierigen Momenten haben. Die Materialien nutze ich selbst gerne als Gesprächsanlass, wenn ich mit Kindern nicht nur über das Verhalten sprechen möchte, sondern über das, was davor passiert ist.
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