Bevor es knallt – warum schwierige Situationen im Unterricht selten plötzlich entstehen

5718c5f1-94ef-489b-bbc8-73dd64dac85d.pngEs gibt diese Momente im Unterricht, die man eigentlich schon kommen sieht, aber trotzdem läuft man irgendwie rein. Du erklärst gerade etwas, versuchst den Überblick zu behalten, während gefühlt an allen Ecken gleichzeitig irgendwas passiert, und nebenbei merkst du schon, dass es bei einem Kind kippt. Es wird unruhiger, schaut ständig irgendwo anders hin, fängt nicht richtig an oder stellt plötzlich zum dritten Mal die gleiche Frage, obwohl du es gerade erklärt hast.

Und während man das so wahrnimmt, passiert innerlich oft so ein kurzer Gedanke wie: „Gleich wird’s anstrengend.“ Und erstaunlich oft stimmt dieses Gefühl.

Was ich lange unterschätzt habe: Diese Situationen entstehen fast nie aus dem Nichts. Also wirklich fast nie. Im Nachhinein kann man eigentlich immer sagen, dass da vorher schon etwas war. Nur ist man im Alltag oft so beschäftigt damit, alles gleichzeitig am Laufen zu halten, dass genau diese kleinen Veränderungen untergehen.

Und das ist ja auch kein Wunder. Du hast eine ganze Klasse vor dir, ständig will jemand etwas, irgendwer hat sein Material nicht, jemand anderes kommt mit einem Konflikt aus der Pause, und währenddessen sollst du noch strukturiert durch deinen Unterricht kommen. Da setzt sich niemand hin und analysiert in Ruhe Verhaltensverläufe.

Trotzdem merkt man irgendwann, dass genau da der Punkt liegt, an dem sich viel entscheidet.

Kinder sagen ja nicht: „Ich bin gerade überfordert, kannst du mir helfen?“ oder „Mir ist das gerade zu viel.“ Das wäre schön, aber so funktioniert das in der Realität einfach nicht. Stattdessen zeigen sie es auf ihre Weise. Und diese Weise ist nicht immer angenehm.

Manche fangen an zu diskutieren, obwohl es eigentlich um eine Kleinigkeit geht. Andere rutschen die ganze Zeit auf dem Stuhl herum, stehen auf, setzen sich wieder hin, kommen nicht ins Arbeiten. Und dann gibt es die, die plötzlich ganz still werden, auf ihr Blatt schauen und einfach nichts mehr machen, obwohl sie die Aufgabe eigentlich können.

Wenn man ehrlich ist, reagieren wir im Unterricht oft zuerst auf das Verhalten selbst. Also auf das, was uns stört oder den Ablauf unterbricht. Dass dahinter aber meistens etwas anderes steckt, gerät im Moment selbst schnell in den Hintergrund.

Ich kenne das von mir selbst auch gut. Man ist genervt, weil es gerade nicht passt, weil man eigentlich weiterkommen will, weil der Plan eh schon eng ist. Und dann reagiert man auf das, was sichtbar ist – nicht unbedingt auf das, was dahinter liegt.

Erst später, wenn ein bisschen Ruhe reinkommt, denkt man sich: Eigentlich war das vorher schon zu sehen.

Was mir mit der Zeit geholfen hat, war gar nicht, plötzlich alles perfekt zu machen oder jede Situation sofort richtig zu lösen, sondern eher ein kleiner Perspektivwechsel. Weg von diesem schnellen „Warum macht das Kind das jetzt?“ hin zu „Was könnte hier gerade schwierig sein?“

Das klingt erstmal banal, aber im Alltag ist es gar nicht so leicht, sich diesen Moment zu nehmen. Vor allem, wenn man selbst unter Druck steht.

Und trotzdem macht genau das oft den Unterschied.

Wenn ich ein Verhalten nicht sofort als Störung einordne, sondern zumindest kurz darüber nachdenke, ob da vielleicht Überforderung, Unsicherheit oder einfach zu viele Reize dahinterstecken, dann reagiere ich automatisch anders. Nicht immer perfekt, aber oft ruhiger und klarer.

Und das Spannende ist: Es braucht oft gar nicht viel.

Manchmal reicht es wirklich, die Aufgabe ein Stück kleiner zu machen oder dem Kind einen konkreten ersten Schritt zu geben, statt zu sagen „Mach mal weiter“. Oder einmal kurz leise hinzugehen, statt es vor allen anzusprechen. Oder einfach zu akzeptieren, dass gerade nicht alles gleichzeitig geht.

Das sind keine großen pädagogischen Maßnahmen. Das sind eher kleine Anpassungen im richtigen Moment.

Was ich auch gemerkt habe: Viele Kinder wissen selbst gar nicht, was gerade mit ihnen passiert. Die merken nur, dass es ihnen zu viel wird oder dass sie nicht klarkommen, und reagieren dann entsprechend. Und diese Reaktion sorgt dann oft dafür, dass sie noch mehr Druck bekommen.

Das ist so ein Kreislauf, den man im Unterricht ständig sieht, wenn man einmal darauf achtet.

Überforderung führt zu Verhalten, das Verhalten führt zu einer Reaktion, und diese Reaktion verstärkt oft nochmal das Gefühl beim Kind, dass gerade etwas nicht stimmt.

Und genau deshalb ist dieser Moment davor so entscheidend. Also dieser kleine Bereich, in dem es noch nicht eskaliert ist, aber schon nicht mehr rund läuft.

Ich glaube, man wird es nie schaffen, alle schwierigen Situationen zu verhindern. Das wäre auch unrealistisch. Aber man kann lernen, diese frühen Signale etwas besser wahrzunehmen und sich selbst ein paar einfache Möglichkeiten zurechtzulegen, wie man darauf reagieren kann.

Nicht als großes Konzept, sondern eher als kleine Orientierung im Kopf.

Mir hat es geholfen, typische Situationen einmal bewusst durchzugehen und zu überlegen: Wann wird es eigentlich immer wieder schwierig? Gibt es bestimmte Momente im Ablauf? Bestimmte Aufgaben? Bestimmte Kinder?

Allein dieses bewusste Hinschauen verändert schon etwas.

2aa46416-d0f1-4988-ade6-1bbebd9280b4.pngUnd es nimmt auch ein bisschen Druck raus, weil man merkt, dass vieles gar nicht „einfach so passiert“, sondern Zusammenhänge hat.

Am Ende geht es gar nicht darum, alles zu kontrollieren oder jede Situation perfekt zu lösen. Es geht eher darum, einen Schritt früher zu merken, was gerade passiert, und dann ein kleines bisschen anders zu reagieren.

Und oft reicht genau dieses kleine bisschen schon aus, damit es eben nicht knallt.

Und genau an diesem Punkt habe ich für mich irgendwann angefangen, typische Situationen einmal bewusst zu sammeln und so aufzubereiten, dass ich im Alltag nicht jedes Mal neu überlegen muss, sondern schneller einordnen kann, was ich gerade sehe. Nicht kompliziert, eher wie eine kleine Orientierungshilfe, die man nebenbei nutzen kann.

Vielleicht ist das auch etwas, das dir den Alltag ein Stück leichter machen kann.

-> Hier geht es zum Material: Bevor es schwierig wird – Frühwarnzeichen erkennen und sofort passend reagieren

Tags: grundschule, soziales lernen, autismus, adhs, deeskalation, classroommanagement, sozialverhalten, lern- und arbeitsverhalten

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Autor SozPädFö - Förderfreude bietet 53 Materialien für Fachübergreifendes, Mathematik und 5 weitere Fächer an - zum Beispiel:

Kommentare und Fragen von anderen Nutzern
education_is_cool
31. März 2026
Vielen Dank für deinen Einblick und das Aufmerksam machen auf die eigene Einstellung und Gedanken. 🫶 Ich glaube auch, dass es ganz wichtig ist, ein bisschen Chaos zuzulassen und zu akzeptieren, dass nicht jede Situation zu 100% kontrolliert werden kann.

Ja, ich sehe das auch so, viele Menschen in einer Klasse, haben auch unterschiedliche Bedürfnisse und daher ist ein bisschen Chaos auch ok. @education_is_cool
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