Bild-Verwahrlosung: Wenn SuS im KU weniger Bilder zugemutet werden als in anderen Fächern



Wie oft kommen SuS der Sek 1 in deinem Unterricht mit Bildwelten der Kunst in Berührung? Einmal im Schuljahr, einmal im Halbjahr, einmal im Quartal? Oder vielleicht sogar in fast jeder Stunde? Und wie sieht es bei Klassen aus, die du frisch übernommen hast? Wie selbstverständlich ist für sie die Bildberührung? Wie ist ihre erste Reaktion, wenn du ihnen ein Werk zeigst?


Jedes Fach hat seine Substanz

Während kein Chemielehrer sich trauen würde, SuS aus der Sekundarstufe 1 in die Oberstufe zu entlassen, ohne dass sie mit Chemikalien in Kontakt gekommen sind, sehen sich viele SuS in der Einführungsphase das erste Mal regelmäßig mit (Kunst-) Werken konfrontiert. Häufig nur, weil es ein Muss ist. Denn wenn niemand das Fach schriftlich gewählt hat, wird selbst dort weiterhin auf Rezeptionsanlässe verzichtet. Nach dreizehn Jahren gibt es dann, überspitzt formuliert, ein reines Bastel-Abitur.

In der Vorstellung jener Lehrkräfte scheint die Rezeption von Bildwelten also mit dem Analyse-Schema von Klausuren verknüpft zu sein. Diese methodisch-inhaltiche Koppelung inklusive einer sich oft über mehrere Stunden ausdehnende Erarbeitung eignet sich natürlich nicht sonderlich für den Einsatz im Unterstufenunterricht. Insofern ist es didaktisch nachvollziehbar, sich gegen eine derartige Vermittlung zu entscheiden. Was ich allerdings wirklich keinem unterstellen möchte, ist einen Bildumgang in der Unterstufe für komplett Fehl am Platz zu halten. Die Sekundarstufe 1 als bilderfreie Zone – ich habe kurz überlegt, diesen Gedanken noch weiter auszuführen, möchte ihn aber doch erst einmal so für sich stehen lassen.

Es muss bzw. gibt hoffentlich einen anderen Grund, warum SuS über Jahre keinen Bildkontakt haben, warum das methodische Repertoire des Bildumgangs, jenseits des Analyse-Schemas, nicht ausgeschöpft wird. Eine mögliche Erklärung wäre, dass ein zu hoher Aufwand damit verbunden wird. Anhand konkreter Stellen einer Stunde werde ich im Folgenden skizzieren, wie dies dennoch im Alltag gelingen kann.

Möglichkeiten des Bildkontaktes

Der Einfachheit halber möchte ich chronologisch vorgehen. Dafür verwende ich das Phasenschema von Leisen, da es den Unterrichtsverlauf kleinschrittig und funktional verständlich gliedert, woraus sich vielfältige Einsatzmöglichkeiten ergeben. Diese können natürlich auch auf andere Phasierungsmuster übertragen werden.

  1. Problemorientiert einsteigen: Bereits hier können Bilder als Einstiegsmaterial verwendet werden. Dies geht auch für Stunden mit gestaltungspraktischem Schwerpunkt. Als Konstruktionsmuster bietet es sich an, durch die Auswahl eine kognitive Dissonanz zu erzeugen. Durch einen angelegten „Widerspruch“ von Gestaltungsmitteln/Motiv/Gattung, einer didaktisch erzeugten „Lücke“ im Bild oder einem intendierten „Durcheinander“ werden die SuS auf die Problemebene gestoßen. Sie werden zwangsläufig zu Bilddetektiven, was wiederum motivierend ist. Bei der Konfrontation mit einer einzigen, unbearbeiteten Bildwelt besteht die Gefahr, dass die SuS auf der Beschreibungsebene verharren, die ihnen eventuell im Kontext Schule als erwünschtes Bildverhalten anerzogen wurde. Dies erleben sie häufig als ermüdend.
  2. Vorstellungen entwickeln: Oft werden Hypothesen über Bildwelten verbal entwickelt. Warum sie sich als Schema-F auch immer etabliert haben mögen, kann ich nicht beantworten. Es geht aber auch anders. Denn man kann Hypothesen auch mittels Bildwelten durch Hantieren und Legen entwickeln z.B. über Werkphasen- oder gruppen, Ausstellungsgliederungen, Motivgattungen etc. Beim Schreiben frage ich mich gerade, ob man nicht auch mittels Bildwelten durch eine Auswahl Hypothesen entwickeln kann, indem sie als Inspirationsquelle dienen und die Erarbeitung eine Ideenfindung als Schwerpunkt hat.
  3. Lernprodukt erarbeiten: SuS müssen nicht zwingend eine Analyse wie in einer Klausur anfertigen, um mit fremden Bildwelten umzugehen. Das entspräche einem didaktischen Tunnelblick und vermiest wirklich die Lust an Bildern. Denn wer will bitte immer wieder das gleiche Schema runterbeten – tagein-tagaus, jahrein-jahraus? Abgesehen davon … Bildordnungen stellen nicht nur ein eigenes Fachgebiet, in Ausstellungskontexten, sondern auch noch eine eigene Fachmethode, nämlich der Bild-Atlas, dar. Darüber hinaus gibt es auch noch didaktische Methoden, die über Bildordnungen arbeiten. Hierzu zählen „Concept Formation“, „Concept Attainment“ usw. Und selbst in der Gestaltungspraxis gibt es, mit Blick auf die akademische Ausbildungstradition, die „Nachzeichnung“ als fest verankerte Bildkontaktstelle.
  4. Transferieren und festigen: Spätestens hier geht es wirklich immer! Indem die eigene Gestaltungspraxis an Bildwelten angebunden wird, egal ob abgrenzend, vertiefend … Indem dekontextualisiertes Wissen über Gestaltungsmittel (wie beim Material zu Ordnungsprinzipien) wieder rekontextualisiert wird. Indem … Ein Template für eine Transfer-Folie ist schnell angelegt, sodass es im Alltagsstress beim Vorbereiten nicht vergessen wird.
  5. Lernumgebung: In meinem Seminarbezirk gibt es einen Kunstlehrer, der in seinem Stammraum Bilderleisten montiert hat, auf denen er Kataloge ausstellt. Da er sie regelmäßig auswechselt, erwartet die SuS oft eine neue Überraschung, wenn sie den Raum betreten. Das Kennenlernen der Gattung „Katalog“ erfolgt hier ganz frei und ungezwungen. Die SuS stöbern einfach ein bisschen beim Hereinkommen oder in der 5-Minuten-Pause.


Ermutigung

Chemielehrer arbeiten nicht nur mit Hausmitteln, sondern auch mit Fachmitteln. Wir können Lernende nicht erst in der Sekundarstufe 2 regelmäßig mit Bildern konfrontieren. Bilder sind Schüler*innen zumutbar, auch schon in der Sek 1, auch im Kunstunterricht. Um die Analogie auszuweiten: Ähnlich viele Bilder, wie sie in einem Chemielehrwerk, Mathelehrwerk, Deutschlehrwerk ... im Laufe eines Schuljahres sehen. Ähnlich methodenreich, sprich ein mit-über-an-durch-Bilder-Lernen. Kunstunterricht kann, sollte aber nicht das bilderärmste Fach an einer Schule sein.

Ermögliche deinen SuS von Anfang an die regelmäßige Teilhabe an Bildern und das am besten lustvoll! Denn wenn für dich Bildwelten selbstverständlicher Teil deines Kunstunterricht sind, ist das für deine SuS auch so. Sie gehören dann einfach dazu und sind nicht mehr nur „bäh“!

Tags: Referendariat, Kunstdidaktik

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