
Uhrzeiten sind so ein Thema, bei dem man als Erwachsener schnell vergisst, wie kompliziert das eigentlich ist. Bei uns hängt eine Uhr im Klassenraum, die Kinder wissen natürlich grundsätzlich, was eine Uhr ist, und spätestens irgendwann in der Grundschule steht das Thema dann auch im Mathematikunterricht auf dem Plan. Trotzdem erlebe ich immer wieder Kinder, die selbst bei relativ einfachen Uhrzeiten noch sehr unsicher sind. Volle Stunden gehen meistens noch ganz gut, bei halben Stunden wird teilweise schon überlegt und wenn es dann um Viertelstunden, Minuten oder Zeitspannen geht, wird es für einige richtig schwierig.
Eigentlich ist das auch gar nicht so verwunderlich, denn die analoge Uhr spielt im Alltag vieler Kinder einfach eine viel kleinere Rolle als früher. Auf dem Handy, Tablet, Fernseher oder der Spielekonsole steht 14:37 Uhr. Da muss niemand überlegen, wo der Minutenzeiger steht oder warum die 3 auf der Uhr plötzlich für 15 Minuten steht. Selbst Erwachsene schauen wahrscheinlich inzwischen häufiger auf ihr Smartphone als auf eine analoge Uhr an der Wand.
Für Kinder bedeutet eine analoge Uhr nämlich nicht einfach nur, zwei Zeiger anzuschauen. Sie müssen erst einmal verstehen, dass beide Zeiger etwas Unterschiedliches anzeigen, dass sich beide gleichzeitig bewegen und dass die Zahlen auf dem Zifferblatt je nachdem, welchen Zeiger ich gerade betrachte, eine andere Bedeutung haben.
Dazu kommen dann noch unsere verschiedenen Bezeichnungen. 8:30 Uhr ist halb neun, 8:45 Uhr ist Viertel vor neun und irgendwann kommt zusätzlich die digitale Schreibweise dazu. Nachmittags wird aus drei Uhr plötzlich 15:00 Uhr. Wenn diese Grundlagen noch nicht wirklich sicher sind, wird schnell deutlich, warum manche Kinder bei einer Uhr lieber erst einmal raten oder sich daran orientieren, wo die Zeiger ungefähr stehen.
Gerade deshalb finde ich es wichtig, beim Üben nicht nur immer wieder dieselbe Art von Aufgabe anzubieten. Ein Kind kann zum Beispiel eine vorgegebene Uhrzeit ablesen können und trotzdem Schwierigkeiten haben, dieselbe Uhrzeit selbst auf einer Uhr einzustellen. Wieder ein anderes Kind versteht die analoge Uhr, kann aber 16:30 Uhr nicht sicher zuordnen. Erst wenn die verschiedenen Darstellungen immer wieder miteinander verbunden werden, entwickelt sich nach und nach ein wirkliches Verständnis.
Noch deutlicher wird das Ganze, sobald Zeit nicht mehr nur abgelesen, sondern mit ihr gerechnet werden soll. Im Schulalltag benutzen wir solche Angaben ständig: „In 20 Minuten ist Pause“, „Ihr habt noch zehn Minuten Zeit“ oder „Um Viertel nach elf gehen wir los“. Für uns sind das ganz normale Sätze. Für ein Kind, das noch keine sichere Vorstellung davon hat, was auf der Uhr innerhalb dieser 20 Minuten passiert, ist das aber gar nicht so selbstverständlich.
Auch Aufgaben wie „Es ist 9:35 Uhr, wie spät ist es in 25 Minuten?“ verlangen deutlich mehr als das reine Ablesen einer Uhr. Das Kind muss die Uhrzeit verstehen, die Minuten weiterdenken und gegebenenfalls auch noch den Stundenwechsel berücksichtigen. Genau an solchen Aufgaben sieht man häufig, dass das Thema Uhrzeit eigentlich aus mehreren kleinen Lernschritten besteht, die nicht bei allen Kindern gleichzeitig sicher sind.
Das ist für den Unterricht natürlich nicht gerade praktisch. Während ein Kind noch herausfinden muss, welcher Zeiger überhaupt für die Minuten zuständig ist, kann das nächste schon problemlos Zeitspannen berechnen. Gerade beim Üben finde ich es deshalb sinnvoll, nicht allen Kindern zwangsläufig dieselben Aufgaben vorzusetzen.
Ein Kind, das noch bei vollen und halben Stunden unsicher ist, braucht nicht gleichzeitig komplizierte Minutenangaben. Umgekehrt langweilt sich ein Kind, das die Uhr schon ziemlich sicher beherrscht, wenn es zum zwanzigsten Mal 7:00 Uhr ablesen soll. Unterschiedliche Schwierigkeitsstufen können hier helfen, ohne dass man für jedes Kind komplett eigenes Material vorbereiten muss.
Was meiner Erfahrung nach außerdem hilft, ist die Uhr tatsächlich häufiger in den Alltag einzubauen und nicht nur während der Unterrichtsreihe „Uhrzeit“. Man kann zwischendurch fragen, wie lange es noch bis zur Pause ist, wann eine bestimmte Stunde beginnt oder wo der Minutenzeiger in zehn Minuten stehen wird. Gerade Kinder, die analoge Uhren außerhalb der Schule kaum noch benutzen, brauchen diese Wiederholungen wahrscheinlich umso mehr.
Genau aus diesem Gedanken heraus ist auch meine Uhrenstadt entstanden. Ich wollte ein digitales Lernspiel, mit dem Kinder nicht nur immer dieselbe Form des Uhrablesens üben, sondern sich mit unterschiedlichen Aufgaben rund um Uhrzeiten beschäftigen können. Es geht unter anderem ums Ablesen und Einstellen von Uhren, um analoge und digitale Uhrzeiten und auch um Zeitspannen.
Dabei kann zwischen leicht, mittel und schwer gewählt werden. So kann ein Kind zunächst mit einfacheren Aufgaben arbeiten, während ein anderes schon schwierigere Uhrzeiten oder Zeitspannen übt. Das finde ich gerade für Fördergruppen, Freiarbeit oder unterschiedliche Lernstände innerhalb einer Klasse praktisch.
Die Uhrenstadt läuft direkt im Browser und kann am Tablet oder Computer genauso genutzt werden wie gemeinsam an der digitalen Tafel. Es braucht keine Anmeldung und keine Installation – Link oder QR-Code öffnen und loslegen.
Denn auch wenn die analoge Uhr im Alltag vielleicht immer weniger selbstverständlich wird: Ganz verschwunden ist sie eben noch lange nicht. Und spätestens wenn Kinder wissen möchten, wie lange es noch bis zur Pause dauert, wird das Thema dann doch wieder ziemlich relevant.
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