Es fängt nicht plötzlich an – warum schwierige Situationen im Unterricht oft viel früher beginnen

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Vor ein paar Wochen saß ich mit einer Lehrerin zusammen, weil wir über ein Kind gesprochen haben, das immer wieder in Streit gerät. Nicht jeden Tag und auch nicht ständig, aber oft genug, dass es mittlerweile allen aufgefallen war. Mal gab es Ärger in der Pause, mal während einer Gruppenarbeit und manchmal auch einfach mitten im Unterricht. Irgendwann sagte sie zu mir: „Ich verstehe das nicht. Es kommt immer so plötzlich.“

Ich habe darüber später noch länger nachgedacht, weil ich diesen Satz tatsächlich oft höre. Und ehrlich gesagt glaube ich inzwischen, dass schwierige Situationen in der Schule nur sehr selten plötzlich entstehen.

Natürlich sieht es manchmal so aus. Ein Kind wird laut, ein anderes wirft sein Material auf den Tisch oder verweigert die Mitarbeit und für uns Erwachsene wirkt das wie ein Ereignis, das gerade erst begonnen hat. Wenn man sich dieselbe Situation aber genauer anschaut, entdeckt man oft, dass sie schon viel früher angefangen hat.

Das Problem ist nur, dass wir diese Anfänge im Schulalltag leicht übersehen.

Wenn man mit einer Klasse arbeitet, hat man selten die Möglichkeit, ein einzelnes Kind die ganze Zeit im Blick zu behalten. Während man gerade einem Kind hilft, beantwortet man die nächste Frage, schlichtet einen kleinen Konflikt und versucht gleichzeitig noch den Unterricht am Laufen zu halten. Da fallen die kleinen Veränderungen oft gar nicht auf.

Dabei sind sie meistens längst da.

Ich denke gerade an einen Jungen, mit dem ich gearbeitet habe. Eigentlich war alles unauffällig. Er saß an seinem Platz, hatte seine Materialien vor sich liegen und arbeitete an seiner Aufgabe. Ein anderes Kind in seiner Nähe summte leise vor sich hin. Nichts Besonderes. Kein Regelverstoß. Kein großer Störfaktor. Ehrlich gesagt hätte ich es wahrscheinlich selbst nach kurzer Zeit ausgeblendet.

Der Junge konnte das allerdings nicht.

Zuerst schaute er nur kurz rüber. Wenige Minuten später bemerkte ich, dass er immer häufiger zu dem anderen Kind sah. Dann hörte er auf zu schreiben. Irgendwann reagierte er auf jedes Summen. Als er schließlich laut wurde und dem anderen Kind zurief, es solle endlich aufhören, wirkte es für Außenstehende so, als wäre die Situation gerade erst entstanden.

Tatsächlich beschäftigte ihn dieses Summen aber schon seit längerer Zeit.

Genau solche Situationen begegnen mir immer wieder. Und je häufiger ich sie beobachte, desto mehr habe ich das Gefühl, dass wir mit Kindern oft erst dann über ihr Verhalten sprechen, wenn der schwierige Teil bereits passiert ist. Wir sprechen darüber, dass sie geschrien haben, jemanden beleidigt haben oder nicht bei der Aufgabe geblieben sind. Viel seltener schauen wir gemeinsam darauf, was vorher eigentlich los war.

Dabei liegt genau dort oft der spannendste Teil.

Viele Kinder können erstaunlich gut beschreiben, was in ihnen passiert, wenn man ihnen die Zeit dafür gibt. Sie erzählen davon, dass sie sich plötzlich nicht mehr konzentrieren konnten. Dass sie nur noch auf das andere Kind geachtet haben. Dass sie gemerkt haben, wie alles sie immer mehr genervt hat. Manche beschreiben sogar ziemlich genau, an welchem Punkt sie wussten, dass sie gleich wütend werden.

Nur fragt sie selten jemand danach.

Und genau deshalb finde ich es wichtig, mit Kindern nicht nur über Konflikte zu sprechen, sondern über die kleinen Schritte davor. Denn wenn Kinder verstehen, wie schwierige Situationen entstehen, haben sie deutlich bessere Chancen, irgendwann anders damit umzugehen.

Aus diesem Gedanken heraus sind bei mir in den letzten Monaten mehrere Materialien entstanden. Sie beschäftigen sich nicht mit der Frage, wer schuld war oder wer sich falsch verhalten hat, sondern damit, wie Kinder schwierige Situationen überhaupt wahrnehmen, welche Warnzeichen sie bei sich selbst erkennen können und was sie tun können, bevor aus einem genervten Gedanken ein echter Konflikt wird.

Mittlerweile habe ich diese Materialien in einem Paket zusammengefasst, weil sie genau dort ansetzen, wo schwierige Situationen meistens beginnen: lange bevor sie für alle sichtbar werden.

-> Hier gehts zum Material

Tags: grundschule, classroom management, autismus, herausforderndes verhalten, adhs, soziales lernen, soziale emotionale entwicklung

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