Ein Plädoyer für ein gutes Praktikum...Liebe Betriebe...

Das Praktikum als Flirt mit der Zukunft Ihres Unternehmens.

Vor 15 Jahren (2005) titelte die „Zeit“:
„Generation Praktikum: Früher sollten Praktikanten bloß Erfahrungen für ihr künftiges Berufsleben sammeln. Heute werden sie als billige Arbeitskräfte eingesetzt.“[1]

Heute titelt die Wirtschaftswoche:
Lehrjahre sind Herrenjahre“[2]: „Die jungen Menschen fehlen im Alltagsgeschäft und sie fehlen in der Zukunft. Der Azubi-Mangel von heute ist der Fachkräfte-Mangel von morgen.“

Soviel wie sich seit 15 Jahren im Arbeitsleben insgesamt verändert hat, so wenig hat sich in den Köpfen der Betriebsinhaber in Sachen „Praktikum“ geändert. Der demografische Wandel schlägt zu. Er lässt den Fachkräftemangel stetig wachsen, die Panik unter den Personalern und Recruitern wächst und trotzdem wird das einfachste sowie günstigste Recruitinginstrument vernachlässigt: Das Praktikum!

Ich arbeite nun seit geraumer Zeit mit denjenigen, die ein Praktikum machen (müssen) und höre ihr Feedback über ihre Erlebnisse bei Ihnen im Betrieb - live und ungefiltert. Hier ein paar typische Beispiele:

„Sie nannten uns Sklave 1 und Sklave 2.“

„Ich habe mich total gelangweilt und habe keine Aufgaben bekommen.“

„Immer nur die Scheißaufgaben machen zu müssen, die niemand machen will, ist schrecklich.“

Diese und ähnliche Erfahrungen führen bei meinen Teilnehmern immer wieder zur unerwarteten Änderungen ihrer Berufswahl, obwohl wir gemeinsam schon den passenden Beruf für sie finden konnten.

 Meine Kollegen und ich kennen diesen Effekt schon. Er ist psychologisch gut erforscht und seit 1907 bekannt: Der Halo-Effekt. Ein einziges Erlebnis bzw. ein einzelner Aspekt einer Erfahrung überstrahlt die gesamte Entscheidungssituation entweder positiv (engl. „halo“) oder wertet ab sie ab (Teufelshörer-Effekt). Er führt zu einer Wahrnehmungsverzerrung. Sie kennen das, wenn Sie sich verlieben: Eine Eigenheit überstrahlt alles.

Im besten Fall, sind meine Teilnehmer verliebt in ihre neu entdeckte Tätigkeit. Dann ist es meine Aufgabe zu relativieren und den Blick auf ein vernünftiges Maß zu bringen. Das gelingt mit rationalen Argumenten sehr gut und der Berufswahlprozess endet erfolgreich für alle Beteiligten

Die beiden jedoch, die als „Sklaven“ ihr Praktikum verrichteten, haben das gesamte Berufsfeld „Handwerk“ für sich ausgeschlossen – und das, obwohl sie wussten, dass die Bezeichnung sarkastisch war. Folgerung: Ein einzelner schlechter Witz führt zum Beurteilungsfehler und zur Ablehnung einer ganzen Branche!!!

2005 haben wir Praktikanten einen solchen Umgangston noch weggesteckt. Wir sind mit der Einstellung, dass wir uns beweisen müssen aufgewachsen. Heute aber haben sich der Ausbildungsmarkt und die Einstellung zur Arbeit insofern gewandelt, als dass das Abspringen der Bewerber von einer Entscheidung für einen Beruf nur zu leicht ist. Es gibt ja ausreichend attraktive Alternativen. Und da reicht ein einzelner alles überstrahlender Aspekt.

Was also tun?

Aus meiner Erfahrung heraus, sind es drei wesentliche Ratschläge, damit Sie aus Praktikanten Auszubildende machen können und aus Auszubildenden Fachkräfte, die Sie zukünftig so sehr dringend brauchen werden:

1.      Überdenken Sie zunächst Ihre Einstellung zum Praktikum:

Ein Praktikum ist Ihre beste Chance, junge Menschen an Ihren Betrieb und Ihren Beruf zu binden. Wenn Sie ein Praktikum als optimale Werbungschance sehen,  wird der Praktikant auf einmal für Sie wertvoll – und zwar nicht für die ungeliebten Routineaufgaben sondern für den Fortbestand Ihres Unternehmens in Zeiten des zunehmenden Fachkräftemangels. Egal, ob jemand in der 9.Klasse ein Praktikum bei Ihnen macht und der Ausbildungsstart noch weit weg ist. Es ist Ihre Chance und Aufgabe, ihn zu begeistern! Bieten Sie Praktika aktiv an. Ja, auch auf Ihrer Karrierewebsite und in der Nachbarschaft. Wo immer es geht. Schaffen Sie Erlebnismöglichkeiten und sehen Sie die zeitliche Investition in ein Praktikum als Investition in Ihres Zukunft: 

2.      Ein Praktikum ist ein Flirt mit der Zukunft.

Ihre Praktikanten fällen in den Wochen und Monaten nach dem Praktikum bei Ihnen sehr wesentliche Entscheidungen für ihre eigene Zukunft.

Würden Sie an einem Scheideweg den dunklen, wolkenverhangenen Weg nehmen oder doch lieber den sonnenbeschienen, der ins Land führt, in dem Milch und Honig fließen? Richtig. Wir sind alle Egoisten und jeder will immer das Beste für sich. Auch Praktikanten. Und das ist nicht verwerflich sondern vielmehr menschlich.

Wie kommen Sie also auf die Idee, den Praktikanten, die kaum Erfahrungen im Arbeitsleben haben, gleich die schlechtesten Seiten Ihres Berufes zu zeigen und sie diese am eigenen Leib spüren zu lassen?

Zeigen Sie ihnen stattdessen lieber die schönsten Seiten des Berufs. Lassen Sie sie mit dem Chef mitlaufen und präsentieren Sie das Gelbe vom Ei.

Wie? Sie meinen, dass man ehrlich zu den Praktikanten sein muss und ihnen die Realität zeigen soll? Meine Erfahrung ist, dass gerade die Jugend dahingehend sehr sensibel ist. Sie wissen schon vorab, dass Schichtdienst nicht schön ist, dass im Handwerk körperlich gearbeitet wird und dass Gehälter sehr unterschiedlich sein können – nur weil sie jung sind, sind sie ja nicht dumm.
Sie treffen ihre Entscheidungen aber mehr emotional als rational und deswegen spielt ihre Gesamteinschätzung eine sehr große Rolle!

 Die Einstellung, dass sich Praktikanten beweisen müssen, dass sie getestet werden müssen, ob sie tauglich für den Alltag sind, ist nicht mehr zeitgemäß. Vertrauen Sie Ihrem Gefühl. Junge Menschen verstellen sich nicht dauerhaft. Wenn Sie hinsehen und einen guten Kontakt herstellen können, dann wissen Sie, wen Sie vor sich haben: jemanden, der wächst und sich entwickelt, dessen Persönlichkeit noch reift und der in das Berufsleben hineinwächst.

 Und dieser Mensch muss Vertrauen in seine Umwelt entwickeln und würde nie eine Ausbildung beginnen, wenn sein Bauchgefühl nicht „ja“ sagt. Und das „Ja!“ entwickeln Sie während eines Praktikums.

 Ergo: Ein Praktikum ist die beste Werbung für Sie und Ihre gute Ausbildung.

3.      Halten Sie Kontakt zu den ehemaligen Praktikanten.


Wenn Sie Ihren Neuntklässlern, die für drei Wochen bei Ihnen sein dürfen, gut zugehört haben, dann wissen Sie, dass am Ende der 9.Klasse (so ist es hier in Hamburg zumindest) eine Prüfung ansteht, in der die Schülerinnen und Schüler etwas zeigen sollen, das sie im Praktikum gelernt haben. Warum fragen Sie also nicht im März eines Jahres nach, ob Ihre Ehemaligen eine kleine Hilfestellung dafür brauchen? Leihen Sie Materialien und Werkzeuge aus, lassen Sie Fotos machen...und fragen Sie dabei, ob er/sie sich eine Zukunft bei Ihnen vorstellen kann. Eine Erinnerung in Outlooks Wiedervorlage hilft Ihnen, den richtigen Zeitpunkt abzuschätzen – und der ist im März eines jeden Jahres.Oder notieren Sie sich den Geburtstag Ihres Praktikanten.


Eine ganz kurze E-Mail oder noch besser eine WhattsApp o.ä. mit der Gratulation und die Erinnerung an die guten Leistungen desjenigen sind Honig für die Seele eines Jugendlichen. So bringen Sie Ihr Unternehmen in gute Erinnerung – und zwar nicht durch einen Kugelschreiber mit Ihrer Adresse.

Berufswahlentscheidungen brauchen ihre Zeit. Die Jungendlichen, die ich kenne, sind sehr scheu, wenn es um einen erneuten Kontakt zu ihrem Praktikumsbetrieb geht. Nehmen Sie das in die Hand. Es lohnt sich langfristig.

Und selbst wenn sich jemand nicht für Ihr Berufsfeld oder Ihren Betrieb entscheidet. Glauben Sie mir: Die jungen Menschen sind wie Sie und ich, als wir jung waren: Sie glauben weder Eltern noch Lehrern – aber wenn ihre Freunde eine Empfehlung machen, dann hören sie zumindest zu und erwägen sie. Multiplikatoren für Ihre gute Ausbildung – gänzlich kostenfrei.

Wenn ich meine Zeilen hier so lese, lese ich das, was ich immer wieder mit meinen Seminarteilnehmern bespreche, die wirklich große Schwierigkeiten haben, Azubis zu finden:

Die „Generation Z“ besteht zwar aus „digital natives“. In erster Linie sind sie aber weiterhin Menschen, die als solche behandelt und wertgeschätzt werden wollen. Wenn Sie ein Praktikum gestalten, das informiert, orientiert, begeistert sowie die jungen Menschen ernst nimmt und nicht abwertet, dann haben Sie dem Fachkräftemangel schon mal ein Schnippchen geschlagen.

Tags: Praktikum, Unternehmenssicht

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