Kritik des Schulpraktikums



Ein Praktikum im Lehramtsstudium gilt als goldene Eintrittskarte zur Praxis. Endlich dürfen die fleißigen Studierenden blendende Beispiele aus der Praxis ansehen und ihre Sammlung an Erfahrungen erweitern, juhu! In der Vorbereitung auf Praktika herrschte in meinen Kursen stets aufgeregte Vorfreude, die Seminarleitungen hatten gute Tipps parat. Alle wünschten uns „richtig viel Spaß“, denn es würde bestimmt „ganz ganz toll“ werden. Ich bin eine Optimistin und kann jeder Situation und Person viel abgewinnen. Aber ehrlicherweise würde ich nicht sagen, dass meine Praktika viel mit Spaß zu tun hatten. Es war der pure Stress. Dabei geht es mir nicht um die generelle Berufsbelastung, sondern um praktikumsbezogene Problematiken.

1) Du bist die Praktikantin/der Praktikant

Erster Praktikumstag, du kommst in die Klasse und wirst vorgestellt – als „Praktikant“/“Praktikantin“, du möchtest „gerne zuschauen und lernen“ und „selber Lehrkraft werden“. Kinder haben ein feines Gespür für Autorität, und deine kann in diesem Augenblick erheblich schwinden. Unabhängig von deiner (vielleicht vorhandenen) Unsicherheit und der wenigen Erfahrung hast du als Praktikant oder Praktikantin einfach einen anderen Stand. Zudem dauern Praktika häufig nur wenige Wochen, in denen du sporadisch unterrichten darfst. Es ist dadurch schwierig, zu allen Kindern eine Beziehung aufzubauen. Ich finde, es wird viel zu wenig beachtet, wie diese Umstände die Unterrichtsqualität beeinflussen. Wenn die Klasse während einer deiner Stunden halbwegs ruhig ist und mitarbeitet, war das nicht okay, sondern grandios!

2) Widersprüchliche Anforderungen

Gerade in deinem ersten Praktikum wirst du viele Anregungen kriegen, da es oft den ersten intensiveren Kontakt zur Schulwelt seit deiner eigenen Schulzeit darstellt. Ideen für das Klassenmanagement, das spannende Material für die Tafel, das Buch was dir empfohlen wurde, dieser Drucker oder die Seite mit der günstigen Laminierfolie. Tipps, Tricks und Beobachtungen werden auf die einprasseln, häufig schneller, als du schreiben kannst. Hinzu kommen Beobachtungsaufgaben für die Seminare oder deine eigenen Notizen, um die Kinder einschätzen zu können. Du hast gerade die zündende Idee für deine eigene Stunde, zückst den Stift – und dann ist Stillarbeit und du sollst dem netten Mädchen ganz vorne bei der Aufgabe helfen. Lehrkräfte, Seminarleitungen, Studienordnungen und nicht zuletzt du selber, alle haben unterschiedliche Aufgaben für dich und Erwartungen an dich. Und nicht alle sind klar kommuniziert, insbesondere zwischen den Akteuren an der Universität und den Schulen herrscht manchmal Funkstille. Das ist ärgerlich, aber halte dich nicht an dem Ärger auf und versuche, Lösungen zu finden. Leider stehen diese häufig in Verbindung mit dem schwierigen Wörtchen „Nein“: „Nein, ich kann nicht helfen, ich hospitiere heute.“ oder „Nein, ich kann keine Vertretung übernehmen, ich darf nicht alleine in die Klasse.“ Trotzdem möchte ich dich ermutigen, für dich und deine Grenzen einzustehen.

3) Uhrzeiten und Zeit

Schulpraktika starten zu den üblichen frühen Schulzeiten, die natürlich im späteren Berufsleben gleich sind. Allerdings ist es dann mein Beruf, Lehrerin zu sein und früh aufzustehen. Ich bin nicht Lehrerin, Studentin UND Jobberin. Mich hat dieser Rollenpluralismus mehrfach an die Grenzen der Belastbarkeit gebracht. Im ersten Pflichtpraktikum begann der Schultag durch einen langen Fahrtweg um 5 und endete um 21 Uhr mit dem Abschließen des Supermarkts, in dem ich jobbte. Problematisch ist, dass Studierende in der Regel arbeiten, um sich das Studium zu finanzieren, und nicht für ein Praktikum pausieren können. Gleichzeitig werden in der Uni und Schule hohe Ansprüche gestellt. Ich würde mir wünschen, dass Praktika entweder finanziell entschädigt oder eben Erwartungen realistischer werden. Bis ein Umdenken stattfindet, gebe ich dir hiermit feierlich die Erlaubnis, während deines Praktikums in der Schule müde zu sein, mit deinen Gedanken abzuschweifen, dich überfordert zu fühlen und nicht dein volles Potenzial entfalten zu können. Das heißt nicht, dass du keine engagierte und tolle Lehrkraft wirst.


P.S.: Auf Instagram verrate ich euch meine Top3 Lowlights während meiner Pflichtpraktika. Ich bin gespannt auf eure Stories!


Bildnachweis: https://pixabay.com/de/photos/frau-bibliothek-b%C3%BCcher-b%C3%BCcherei-3435842/

Tags: Praktikum, Überforderung, Lehramtsstudium

Wenn du den Blog-Artikel magst dann klicke auf das Herz. Das hilft uns zu verstehen, welche Artikel besonders lesenswert sind.


Autor Bärpunzel bietet 25 Materialien für Fachübergreifendes, Mathematik und 4 weitere Fächer an - zum Beispiel:

Kommentare und Fragen von anderen Nutzern
Mme_Sie
30. Oktober 2020
Toller Beitrag! Ich selbst fand mein Praktikum damals wirklich gut, ich habe auch in einer Klassenstufe 13 unterrichtet (damals noch G9) und die waren damals nur 2-3 Jahre jünger als ich und ich habe mich eigentlich nie als "Praktikantin" abgestempelt gefühlt. Aber besonders in Punkt 3 kann ich komplett zustimmen: Man hatte das Praktikum, nebenher Hausarbeiten für die Uni und jobben musste ich auch noch 3 Mal die Woche! Ich finde es wichtig, dass man sein Praktikum mehr auskosten kann- aktuell ist das nicht möglich. Andere bekommen in ihrem Praxissemester auch Geld! Viele Grüße!
Bärpunzel
30. Oktober 2020
Mega schön, dass du gute Erfahrungen sammeln konntest! Und beruhigend zu wissen, dass es auch dir so ging. Viele Grüße
Bitte melde dich an, um einen Kommentar zu hinterlassen.
Bitte beachte auch unsere Datenschutzbestimmungen.