
„Warum darf der das und ich nicht?“
Ich glaube, diesen Satz kennt wirklich jeder, der mit Kindern in der Grundschule arbeitet. Ein Kind darf während der Arbeitsphase Kopfhörer tragen, ein anderes bekommt weniger Aufgaben, darf zwischendurch aufstehen oder sitzt auf einem besonderen Platz. Und schon meldet sich irgendwo jemand, der ganz genau beobachtet hat, dass hier offenbar nicht für alle dieselben Regeln gelten.
Aus Kindersicht ist die Frage erst einmal ziemlich nachvollziehbar. Gerade jüngere Kinder verbinden Gerechtigkeit häufig damit, dass alle das Gleiche bekommen und für alle dieselben Regeln gelten. Wenn ich zehn Aufgaben rechnen muss, warum muss mein Sitznachbar dann nur fünf machen? Wenn ich auf meinem Platz sitzen bleiben soll, warum darf ein anderes Kind zwischendurch aufstehen?
Im Schulalltag führt das manchmal dazu, dass individuelle Unterstützung fast heimlich stattfindet. Möglichst unauffällig andere Aufgaben hinlegen, leise Absprachen treffen oder hoffen, dass niemand bemerkt, dass ein Kind gerade eine Ausnahme bekommt. Ich kann das gut verstehen, denn niemand möchte ständig eine Diskussion darüber führen, warum für ein Kind etwas anderes gilt.
Eigentlich liegt genau darin aber auch eine Chance.
Für Kinder ist dieser Gedanke gar nicht so selbstverständlich. Sie sehen zunächst das Ergebnis: Einer bekommt etwas, was ich nicht bekomme. Dass dahinter ein unterschiedliches Bedürfnis steckt, können sie nicht automatisch wissen.
Dabei kennen Kinder das Prinzip aus anderen Bereichen längst. Ein Kind mit einer Brille bekommt schließlich auch keine Brille, weil alle anderen ebenfalls eine bekommen. Wer sich das Bein gebrochen hat, darf den Aufzug benutzen, ohne dass deshalb die ganze Klasse mitfahren muss. Bei Dingen, die man von außen sehen kann, ist für Kinder meistens ziemlich schnell klar, warum jemand Unterstützung bekommt.
Schwieriger wird es bei Bedürfnissen, die nicht sichtbar sind.
Dass ein Kind Geräusche vielleicht viel stärker wahrnimmt als andere, sieht man ihm nicht an. Genauso wenig sieht man, wie viel Kraft es ein Kind kosten kann, lange stillzusitzen, seine Aufmerksamkeit bei einer Aufgabe zu halten oder einen spontanen Impuls nicht sofort umzusetzen. Von außen sieht man dann nur die Kopfhörer, die Bewegungspause oder die veränderte Aufgabe.
Und genau dann kommt wieder: „Das ist unfair.“
Ich finde deshalb nicht, dass wir Kindern vermitteln müssen, dass sie solche Unterschiede einfach hinnehmen sollen. Im Gegenteil: Die Frage bietet einen ziemlich guten Anlass, um mit ihnen darüber zu sprechen, was Gerechtigkeit eigentlich bedeutet.
Dabei muss es gar nicht um ein bestimmtes Kind gehen. Das finde ich sogar wichtig. Kein Kind sollte vor der Klasse erklären müssen, warum es bestimmte Hilfen bekommt oder welche Diagnose dahintersteckt.
Viel sinnvoller finde ich die grundsätzliche Botschaft: Wir sind nicht alle gleich und deshalb brauchen wir auch nicht alle das Gleiche.
Der eine kann sich besser konzentrieren, wenn es ruhig ist. Die andere braucht zwischendurch Bewegung. Manche Kinder verstehen eine Aufgabe sofort, andere brauchen ein Beispiel oder etwas mehr Zeit. Es gibt Kinder, denen Veränderungen kaum etwas ausmachen, und andere, für die schon ein ungeplanter Raumwechsel richtig anstrengend sein kann.
Das alles gehört zu einer Klasse dazu.
Ich erlebe immer wieder, dass Kinder individuelle Unterstützung erstaunlich gut akzeptieren können, wenn sie grundsätzlich verstanden haben, warum Menschen unterschiedliche Dinge brauchen.
Natürlich verschwindet dadurch nicht jedes „Das ist unfair!“. Kinder bleiben Kinder und manchmal möchte man die Kopfhörer des Sitznachbarn eben auch einfach haben, weil sie cool aussehen. Aber es macht einen Unterschied, ob besondere Unterstützung grundsätzlich als Bevorzugung wahrgenommen wird oder ob in einer Klasse ein Verständnis dafür entstanden ist, dass jeder etwas anderes brauchen darf.
Das finde ich gerade in Klassen des Gemeinsamen Lernens wichtig. Neurodivergente Kinder sind schließlich nicht erst dann Teil der Klassengemeinschaft, wenn ihre Besonderheiten sichtbar werden oder es schwierig wird. Unterschiedliche Wahrnehmungen, Bedürfnisse und Arten zu lernen gehören von Anfang an dazu.
Und vielleicht müssen wir deshalb auch gar nicht jede einzelne Ausnahme erklären. Viel hilfreicher ist es, vorher eine gemeinsame Grundlage zu schaffen, auf die man später zurückgreifen kann.
Wenn dann irgendwann wieder die Frage kommt: „Warum darf der das und ich nicht?“, muss die Antwort nicht jedes Mal eine lange Erklärung sein.
Manchmal reicht irgendwann tatsächlich:
„Weil nicht jeder das Gleiche braucht.“
Genau für solche Gespräche habe ich mein Material „Wir ticken alle anders – Neurodivergenz der Klasse erklären“ entwickelt. Mir war dabei besonders wichtig, Neurodivergenz nicht nur über einzelne Diagnosen zu erklären, sondern Kindern verständlich zu machen, dass Menschen unterschiedlich wahrnehmen, lernen und reagieren können.
So kann das Thema mit der ganzen Klasse aufgegriffen werden, ohne dass ein bestimmtes Kind zum Anlass gemacht oder vor den anderen erklärt werden muss. Und vielleicht fällt die Antwort beim nächsten „Warum darf der das?“ dann schon ein kleines bisschen leichter.
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