
„Jetzt entschuldigst du dich.“
Diesen Satz hört man in der Grundschule ständig. Meistens ist vorher irgendetwas passiert: Ein Kind hat geschubst, etwas Gemeines gesagt, beim Spiel unfair reagiert oder einem anderen etwas weggenommen. Für uns Erwachsene scheint der nächste Schritt dann oft ziemlich klar zu sein. Das Kind soll sich entschuldigen, der Konflikt ist damit zumindest offiziell beendet und alle können weitermachen.
In der Praxis funktioniert das aber erstaunlich oft nicht so gut.
Manche Kinder sagen das geforderte „Entschuldigung“ sofort, aber man merkt eigentlich schon am Tonfall, dass sie noch überhaupt nicht so weit sind. Andere verweigern sich komplett. Wieder andere murmeln irgendetwas vor sich hin, während sie demonstrativ auf den Boden schauen. Und manchmal eskaliert genau dieser Moment noch einmal, obwohl der eigentliche Streit schon fast vorbei war.
Ich glaube, der Grund dafür ist häufig nicht, dass ein Kind grundsätzlich uneinsichtig oder unhöflich ist. In vielen Situationen ist es schlicht noch zu aufgebracht, zu beschämt oder zu sehr mit der eigenen Sicht beschäftigt, um sich wirklich in das andere Kind hineinversetzen zu können.
Gerade nach einem Konflikt erleben Kinder die Situation oft noch völlig aus ihrer eigenen Perspektive. Für sie steht dann vielleicht im Vordergrund, dass der andere „angefangen“ hat, dass etwas unfair war oder dass sie selbst verletzt wurden. Wenn wir in diesem Moment sofort verlangen, Verantwortung für das eigene Verhalten zu übernehmen, verlangen wir manchmal einen Schritt, für den innerlich noch gar kein Platz ist.
Das bedeutet natürlich nicht, dass verletzendes Verhalten einfach stehen bleiben sollte. Ich finde es trotzdem wichtig, dass Kinder lernen, Verantwortung zu übernehmen und Konflikte wieder gutzumachen. Die Frage ist für mich eher, wann und wie wir diesen Prozess begleiten.
Oft hilft es schon, erst einmal ein bisschen Abstand in die Situation zu bringen. Wenn das Kind wieder ansprechbar ist, kann man gemeinsam schauen: Was ist eigentlich passiert? Was hast du gemacht? Wie könnte das beim anderen angekommen sein? Was hättest du dir an seiner Stelle gewünscht?
Gerade dieser Perspektivwechsel ist für manche Kinder deutlich schwieriger, als wir Erwachsenen manchmal denken. Ein Kind kann durchaus wissen, dass Schubsen nicht in Ordnung ist, und trotzdem in einer konkreten Situation völlig davon überzeugt sein, dass es „keine andere Wahl“ hatte. Deshalb finde ich es hilfreich, nicht nur über Regeln zu sprechen, sondern konkrete Situationen immer wieder gemeinsam zu betrachten.
Auch die Form der Wiedergutmachung muss nicht immer aus einem einzigen Wort bestehen. Eine echte Entschuldigung kann heißen, etwas zurückzugeben, beim Aufräumen zu helfen, einen Schaden zu ersetzen oder später noch einmal ruhig mit dem anderen Kind zu sprechen. Entscheidend ist für mich eher, dass das Kind versteht, was sein Verhalten beim Gegenüber ausgelöst hat und was es tun kann, um die Situation wieder in Ordnung zu bringen.
Genau da liegt für mich auch ein wichtiger Unterschied zwischen einer erzwungenen und einer echten Entschuldigung. Das schnelle „Sag jetzt Entschuldigung“ sorgt zwar für einen sichtbaren Abschluss, verändert aber nicht unbedingt etwas für das nächste Mal. Wenn ein Kind dagegen verstanden hat, warum eine Situation gekippt ist und welche andere Reaktion möglich gewesen wäre, hat es überhaupt erst die Chance, beim nächsten Konflikt anders zu handeln.
Solche Gespräche brauchen allerdings Ruhe. Mitten im Streit ist dafür oft der schlechteste Zeitpunkt. Deshalb finde ich es sinnvoll, typische Konfliktsituationen auch unabhängig von einem akuten Vorfall aufzugreifen. Kinder können dann viel leichter überlegen, wie sich verschiedene Beteiligte fühlen könnten, welche Reaktionen hilfreich sind und welche einen Streit eher noch größer machen.
Genau dafür nutze ich gerne soziale Geschichten. In meinem Material „Was hätte ich getan? – 5 soziale Geschichten mit Mitmachfragen“ werden typische Situationen aus dem Grundschulalltag aufgegriffen, bei denen Kinder überlegen können, wie sie selbst reagieren würden und welche anderen Möglichkeiten es gibt. Gerade für Kinder, die in Konflikten immer wieder ähnlich reagieren, kann es hilfreich sein, solche Situationen einmal ohne Druck und ohne aktuelle Aufregung zu betrachten.
Denn manchmal ist eine Entschuldigung gar nicht der erste Schritt. Manchmal muss ein Kind erst verstehen, was überhaupt passiert ist.
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