
Es gibt Sätze, die wir im Schulalltag wahrscheinlich alle schon unzählige Male gesagt haben. „Jetzt hör bitte auf.“ „Lass das.“ „Du weißt doch, dass wir das so nicht machen.“ Manchmal reicht ein kurzer Hinweis und das Kind reagiert sofort. Manchmal nickt es sogar, sagt „Okay“ – und zwei Minuten später passiert genau dasselbe wieder.
Ich glaube, jede Lehrkraft kennt diese Momente. Irgendwann fragt man sich automatisch, ob das Kind überhaupt zuhört oder ob ihm das alles einfach egal ist. Vor allem dann, wenn man weiß, dass das Kind die Regeln eigentlich kennt. Im Gespräch kann es genau erklären, warum man andere nicht schubsen sollte oder weshalb man jemanden ausreden lässt. Trotzdem klappt es in der Situation selbst wieder nicht. Früher habe ich mich darüber oft geärgert. Heute denke ich in solchen Momenten anders darüber.
Mir ist nämlich irgendwann aufgefallen, dass wir Erwachsenen sehr häufig sagen, was ein Kind nicht tun soll. Wir sagen: „Nicht rennen.“ „Nicht schreien.“ „Nicht ärgern.“ „Nicht hauen.“ Das ist völlig verständlich, weil wir die Situation möglichst schnell beenden möchten. Gleichzeitig bleibt aber oft eine Frage offen: Was soll das Kind stattdessen machen?
Für viele Kinder ist das gar nicht so einfach zu beantworten, wie wir vielleicht denken. Wenn ein Kind wütend ist, fühlt sich ungerecht behandelt oder von einem anderen Kind provoziert wird, läuft das nicht wie ein kleiner Film im Kopf ab, bei dem verschiedene Möglichkeiten zur Auswahl stehen. Die Reaktion kommt oft blitzschnell. Manche Kinder schubsen, andere schreien, wieder andere laufen weg oder ziehen sich komplett zurück. Das sind Verhaltensweisen, die sich über lange Zeit entwickelt haben und die in diesem Moment einfach automatisch ablaufen.
Deshalb reicht eine Ermahnung häufig nicht aus. Das Kind weiß zwar, dass es etwas nicht tun soll, aber es weiß in genau diesem Augenblick oft gar nicht, wie es stattdessen reagieren könnte. Ich finde, das ist ein wichtiger Unterschied. Es geht nicht darum, dass Regeln unwichtig wären. Natürlich brauchen Kinder Grenzen und natürlich müssen wir deutlich sagen, wenn Verhalten nicht in Ordnung ist. Aber Grenzen allein zeigen noch keinen neuen Weg.
Ich merke das besonders in Gesprächen nach einem Konflikt. Wenn ich ein Kind frage: „Was hättest du stattdessen machen können?“, kommt am Anfang oft erst einmal ein Schulterzucken. Nicht, weil das Kind nicht mitmachen möchte, sondern weil ihm tatsächlich keine Alternative einfällt. Erst wenn wir gemeinsam überlegen, entstehen Ideen. Vielleicht hätte das Kind den Erwachsenen holen können. Vielleicht hätte es sagen können: „Lass mich bitte in Ruhe.“ Vielleicht wäre es sinnvoll gewesen, kurz Abstand zu nehmen oder sich einen anderen Spielpartner zu suchen. Diese Möglichkeiten wirken für uns Erwachsene oft selbstverständlich. Für viele Kinder sind sie es nicht.
Genau deshalb finde ich es wichtig, solche Alternativen nicht erst dann zu besprechen, wenn der Konflikt schon vorbei ist. Eigentlich müssen Kinder diese Möglichkeiten immer wieder kennenlernen und ausprobieren, bevor sie sie in einer schwierigen Situation überhaupt nutzen können. So wie wir Lesen oder Rechnen üben, müssen manche Kinder auch neue Verhaltensweisen üben. Das passiert nicht nach einem einzigen Gespräch und oft auch nicht nach einer Woche. Es braucht viele kleine Situationen, in denen Kinder merken: Es gibt mehr als nur die eine Reaktion, die ich bisher immer gezeigt habe.
Ich glaube, das nimmt uns als Erwachsene manchmal auch ein Stück Druck. Wir erwarten häufig, dass ein Kind nach einem Gespräch alles verstanden hat und es beim nächsten Mal automatisch besser macht. In Wirklichkeit beginnt das Lernen oft erst danach. Kinder probieren neue Strategien aus, vergessen sie wieder, fallen in alte Muster zurück und brauchen immer wieder Erinnerungen. Das ist nicht ungewöhnlich, sondern Teil des Lernprozesses.
Mir hilft dieser Gedanke im Alltag sehr. Ich ärgere mich dadurch nicht weniger über schwierige Situationen, aber ich gehe anders damit um. Statt nur zu überlegen, wie ich ein Verhalten möglichst schnell stoppen kann, frage ich mich häufiger: Welche Alternative kennt dieses Kind eigentlich schon? Und wenn die Antwort lautet „keine“, dann weiß ich, wo ich ansetzen muss.
Aus genau diesem Gedanken ist auch mein Material „Was kann ich stattdessen tun?“ entstanden. Mir war wichtig, Kindern nicht nur zu zeigen, welches Verhalten problematisch ist, sondern gemeinsam mit ihnen echte Handlungsalternativen zu entwickeln. Denn wenn Kinder in einer schwierigen Situation überhaupt eine Wahl haben sollen, brauchen sie zuerst Ideen, zwischen denen sie wählen können.
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