Wir gründen eine Schule

Wird veröffentlicht am: 29. Mai 2026, 08:23

Und ich denke dabei an einen Jungen, der Dinosaurier liebt, ein Mädchen, das sich nicht traut, und eine Teenagerin mit einem eigenen Business

Geht es jetzt wirklich los? Gemeinsam mit meinem Mann gründe ich eine eigene Schule, Schola Vera. Ich weiß das schon seit langem, aber jetzt soll es endlich so richtig losgehen.

Warum ist es, obwohl ich es ja schon so lange weiß, doch plötzlich super aufregend?

Vielleicht weil ich meine große Vision jetzt endlich bis ins kleinste Detail ausmalen kann. Ich denke nicht mehr nur an Konzepte und Werte, sondern konkret an einzelne Kinder, die wir in unserem Umfeld kennen und daran, wie sie von unserer Schule profitieren können.

Ich denke an Jack

Jack ist ein lebendiges, wildes und lebensfrohes Kind. Seine Eltern finden, er ist zu laut, und sie erzählen mir, dass er in der Schule, wo er gerade ist, überhaupt nichts lernt und das Lesen total verweigert.

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Ich dagegen denke an Jack und seine absolute Liebe und Begeisterung zu Dinosauriern. Ich sehe mich, wie ich mit ihm draußen mit Dinos spiele. Wir bauen im Garten Behausungen für Dinosaurier, sammeln Stöcke und Steine und überlegen gemeinsam, welcher Dino welche Behausung braucht. Ich bastle Schilder mit den Namen der Dinos, die Jack dann zuordnen darf. Wir schauen Dinosaurierbücher an und lesen die Namen, finden heraus, was sie fressen, wie lange sie lebten und warum sie ausgestorben sind. Plötzlich liest Jack. Nicht weil er muss, sondern weil er wissen will, wer wo wohnt und wer wen frisst.

Wir stellen uns vor, wie groß die Dinos waren. Wir messen Längen mit Schritten aus und zeichnen sie in den Sand. Ein Brachiosaurus wird plötzlich ganz real, wenn man fünfundzwanzig Schritte abzählen muss, um seine Länge zu zeigen. Wir vergleichen: Wie viele Jacks passen in einen T-Rex? Wie viele Triceratops würden in unseren Garten passen? So lernt Jack die ersten Mathe-Aufgaben, ohne dass er es merkt. Und er lernt sie nicht im Sitzen am Tisch, sondern springend, zählend, mit dem ganzen Körper.

Ich denke an Anna

Annas Eltern finden, dass sie schnell abgelenkt ist und sich nicht fokussieren kann. Außerdem habe sie vor allem Angst.

Ich dagegen denke an Anna und sehe, wie fröhlich und fantasievoll sie ist, wie sie meine Tochter Mila liebevoll an die Hand nimmt und sie rücksichtsvoll ins Spiel einbindet. Was für tolle Ideen sie hat, wenn man ihr nur zuhört. Ich sehe uns in der Schule Feenhäuser bauen, aus Moos, Rinde und kleinen Zweigen, mit winzigen Möbeln aus Eicheln und Blättern. Ich sehe uns Theater spielen, Anna als Schauspielerin oder vielleicht in der Rolle der Erzählerin, weil sie so wunderbare Geschichten erfinden kann. Ich sehe uns ihre Geschichten aufschreiben und illustrieren. Vielleicht entsteht daraus ein kleines Buch, das wir gemeinsam binden.

Ich sehe, wie mutig Anna ist, wenn man ihr vertraut und ihr Mut macht. Wie offen und neugierig sie wird, wenn sie spürt, dass sie keine Fehler machen kann. Wie sie ihre eigene Stimme findet, wenn niemand sie korrigiert oder bewertet. Anna muss nicht mutiger werden. Sie ist schon mutig. Sie braucht nur einen Ort, an dem sie das spüren darf.

An unserer Schule gibt es keine Milestones, keine Deadlines. Jeder entwickelt sich in seinem Tempo und baut seine Stärken aus.

Ich denke an Phoebe

Phoebe ist schon ein Teenager und folgt zuhause einem Homeschooling-Programm. Phoebe muss nicht noch mehr theoretische Dinge am Computer lernen, sie muss jetzt raus in die Welt mit all ihren Ideen.

Zum Beispiel backt und kocht sie unglaublich gerne. Sie entwickelt eigene Rezepte, die sie von Hand aufschreibt, mit kleinen Pfeilen, Notizen am Rand, Varianten zum Ausprobieren. Dazu malt und zeichnet sie eigene Designs zu jedem Rezept. Neulich fragte sie mich, was ich für ein Bananenbrot bezahlen würde und ob ich eine Idee habe, wo sie ihres verkaufen könnte.

Ich sehe Phoebe an unserer Schule und sehe, wie sie ihre Rezepte ausprobiert, immer wieder verfeinert, einen kleinen Stand vor der Schule oder auf dem lokalen Wochenmarkt aufbaut. Ich sehe sie mit Kunden sprechen und lernen, wie sie ihre Produkte präsentiert. Ich sehe sie ausrechnen, was eine Zutat kostet, was am Ende übrig bleibt, ob es sich lohnt, größere Mengen zu kaufen. Ich sehe sie Etiketten gestalten, einen Namen für ihr Business finden, vielleicht ein Logo entwerfen.

Phoebe braucht eine Schule, die sie dabei unterstützt, ihre Ideen umzusetzen und zu testen. Sei es dabei, wie man ein Produkt entwirft und verkaufsfertig macht, wie man ein Branding entwickelt oder vielleicht sogar, wie man ein eigenes Kochbuch herausbringt.

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Bei Schola Vera nehmen wir die Ideen der Kinder ernst. Wer Fotografie liebt, kann zwei Tage die Woche in einem Fotolabor mitarbeiten oder seine eigene Fotoausstellung planen. Wer Theater macht, leitet die schuleigene Theatergruppe. Wer ein Business gründen will, wird mit interessanten Menschen vernetzt und bekommt einen Arbeitsplatz, an dem er das umsetzen kann. Es gibt kein “Das machst du dann nach der Schule”, denn Schola Vera bereitet uns nicht auf das Leben vor, sondern sie ist das Leben.

Eine Schule, in der Verschiedenheit gelebt wird

Bei uns lernen Kinder verschiedener Altersstufen zusammen. Nicht aus pädagogischem Kalkül, sondern weil das der natürliche Zustand ist, in dem Menschen miteinander leben.

Arno Stern hat es so beschrieben: Wo Verschiedenheit gelebt wird, entsteht keine Konkurrenz. Kinder vergleichen sich nicht, wenn es nichts zu vergleichen gibt. Wenn der eine vier ist und die andere acht, dann macht jeder, was er gerade macht. Niemand ist “voraus” oder “hinten dran”.

Genau diesen Raum möchten wir bei Schola Vera schaffen. Einen Raum, in dem Jack mit seiner ganzen Persönlichkeit willkommen ist. In dem Anna nicht mutiger werden muss. In dem Phoebe nicht warten muss, bis sie “fertig mit der Schule” ist, um das zu tun, was sie wirklich liebt.

Vielleicht kennst du auch ein Kind wie Jack, Anna oder Phoebe. Vielleicht ist es dein eigenes. Vielleicht das eines Freundes. Vielleicht das Kind, das du selbst einmal warst.

Tags: individuelles lernen, bedurfnisorientiert, offener unterricht

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