Als ich meinen ersten eigenen Klassenraum übernahm, war ich aufgeregt. Endlich ein eigener Raum, ein Ort, den ich gestalten konnte. Was ich nicht wusste: Der Raum, den ich übernahm, war nicht leer. Er war voll. Voller Hinterlassenschaften einer Kollegin, die fast 30 Jahre darin unterrichtet hatte. Schränke voller selbstgebastelter Memorys, Wortkarten, Schaubilder. An den Wänden Poster. In den Ecken Kisten, die vermutlich seit Jahren nicht geöffnet worden waren.
Und ich, in meiner Berufsanfänger-Euphorie, freute mich sogar über den ganzen Kram. Ich versuchte, mich bei der Unterrichtsplanung immer daran zu erinnern, all die Materialien auch tatsächlich zu nutzen und auszuprobieren. Manchmal gelang es mir. Meistens nicht.
Das ging genau ein Schuljahr gut. Dann nutzte ich meine Chance, als unser Hausmeister vor den Sommerferien einen Container zum Ausmisten auf den Schulhof stellen ließ.
Der ganze Kram erdrückte mich, setzte mich unter Druck. Also setzte ich mich hin, nahm alles einmal in die Hand und sortierte. Ein Karton für den Müll. Ein Karton fürs Lehrerzimmer. Ein kleiner Haufen, den ich behalten wollte.
Aus einem Karton für den Müll wurden acht. Und im Lehrerzimmer entstand ein kleiner Flohmarkt, über den sich einige Kollegen freuten. Und ich stand in einem Klassenraum, der plötzlich viel größer wirkte.
Das war der Anfang von allem.

Ich habe in den Jahren danach verstanden, dass ein Klassenraum kein Lager ist. Er ist kein Ort, an dem man Dinge aufbewahrt, die man vielleicht irgendwann einmal brauchen könnte. Er ist eine Lernumgebung. Und eine Lernumgebung funktioniert nur, wenn sie klar ist und wenn ich sie zu einem Lebensraum für die Kinder gestalte.
Es bedeutet ganz konkret: Im Klassenraum ist nur das sichtbar, was wir regelmäßig brauchen. Die Buchstabenleiste, mit der die Kinder täglich arbeiten, bleibt. Das Lernplakat zu den Nomen, das seit September unberührt an der Wand hängt, kommt weg. Die Box mit den Lese-Memorys, die seit Wochen keiner benutzt hat, verschwindet in den Schrank oder ganz aus dem Raum.
Und die Wimpelketten, die Pflänzchen, die jahreszeitliche Dekoration? Für wen ist das eigentlich? Für die Kinder? Oder weil uns auf Instagram suggeriert wird, dass ein guter Klassenraum so auszusehen hat?
Kinder brauchen keine perfekt dekorierten Räume. Sie brauchen Klarheit. Einen Raum, in dem sie sich orientieren können, in dem sie wissen, wo was ist, und in dem sie nicht von Reizen überflutet werden.
Die zweite Erkenntnis kam erst später. Der Klassenraum ist nicht „mein Klassenraum”, wie wir Lehrer so gerne sagen. Es ist der Raum der Kinder.
Wenn ich etwas umstellen möchte, sage ich den Kindern warum und bitte um ihre Meinungen. Wenn wir nach Buchvorstellungen eine kleine Ausstellung im Klassenraum machen und es Zeit wird, die Plakate abzuhängen, frage ich die Kinder: Was wollt ihr damit machen? Nach Hause mitnehmen? Eine Ausstellung im Schulhaus organisieren? In der Stadtbücherei? Die Kinder kommen immer auf bessere Ideen als ich.
Wenn der Raum den Kindern gehört, verändert sich etwas. Es wird nicht mehr auf die Tische gekritzelt. Der Müll landet im Mülleimer. In der Leseecke zieht jeder selbstverständlich die Schuhe aus. Regeln werden überflüssig, weil die Kinder von sich aus sorgsam mit ihrem Raum umgehen.
Was ich über die Jahre gelernt habe, lässt sich auf einen Satz reduzieren. Ein Klassenraum muss funktionieren, nicht gut aussehen.
Das heißt nicht, dass er hässlich sein soll. Das heißt nicht, dass wir uns mit einer renovierungsbedürftigen Höhle zufrieden geben sollen. Es heißt, dass jede Entscheidung, die ich für den Raum treffe, eine funktionale Frage ist. Der große Teppich liegt nicht dort, weil er gemütlich aussieht, sondern weil er der wichtigste Ort im Raum ist: Sitzkreis, Arbeitsplatz, Treffpunkt für kooperative Methoden, Ort für den offenen Anfang. Die Leseecke ist nicht Dekoration, sondern ein wichtiger Rückzugsort und Lesebereich in einem. Der Freiarbeitsbereich steht nicht da, weil es sich gehört, einen zu haben, sondern weil er den Kindern ermöglicht, selbstständig zu arbeiten, ohne auf mich warten zu müssen.
Natürlich sah mein Klassenraum nicht von heute auf morgen so aus, wie er heute aussieht. Es hat Jahre gedauert. Ich habe jedes Jahr aussortiert, umgestellt, ausprobiert und verworfen. Ich habe Fehler gemacht. Meine erste Leseecke war viel zu bunt. Mein erster Freiarbeitsbereich war eine Belohnung für schnelle Kinder, nicht ein gleichwertiger Teil des Lernens. Und es hat lange gedauert, bis ich verstanden habe, dass der Raum nicht nur eine Frage der Möbel ist, sondern eine Frage der Haltung und meines Unterrichtsstils.
All das, was ich in fast fünfzehn Jahren über Klassenraumgestaltung und Unterrichtsstil gelernt habe, habe ich in einen Kurs gepackt. Fünf Module, von den Grundsätzen über die Einrichtung bis zu den Methoden, die den Raum zum Leben erwecken. Schritt für Schritt, mit persönlichen Geschichten, konkreten Anleitungen und Materialien zum Download.


Wenn du das Gefühl hast, dass in deinem Klassenraum mehr möglich wäre, aber nicht weißt, wo du anfangen sollst, ist dieser Kurs für dich.
Deine Tatiana
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