Wenn mich jemand fragt, was ich von meiner eigenen Schulzeit noch weiß, dann kommen Erinnerungen von der Klassenfahrt nach Bad Segeberg und wie ich zum ersten Mal Bogenschießen ausprobiert habe, eine Wanderung zum Grunewaldturm und die Sachunterrichtsstunde, in der wir einen echten Fisch untersucht haben.
Meine eigene Schulzeit ist auch schon ein wenig her, aber wenn ich meine Schüler nach einer gewissen Zeit frage, woran sie sich noch besonders erinnern, dann zeigt sich ein ähnliches Bild. Nur selten nennen die Kinder bestimmte Unterrichtsinhalte. Vielmehr erinnern sie sich an Erlebnisse.
Alles, was ihr Herz berührt hat.
Alles, was sie mit dem ganzen Körper gespürt haben.
Alles, was wir als Klasse gemeinsam erlebt haben.
Der Frühlingsspaziergang, das Sammeln und Zeichnen der Pflanzen
Das Bepflanzen der Beete auf dem Schulhof
Das Hütten bauen im Wald
Ein Besuch auf dem Markt und das anschließende Picknick
Das Theaterstück, das wir gemeinsam geschrieben und inszeniert haben
Die Führung im Museum, bei der wir anschließend im Atelier selbst malen durften
Der Besuch der Backstube und das Verkosten der verschiedenen Brote
Der Besuch einer Wetterstation und wie wir ganz oben auf den Wetterturm gestiegen sind
Die Wasserforschung am See
Die Wanderung auf den Teufelsberg
Ich könnte diese Liste unendlich fortsetzen und merke, wie es mir selbst ein Lächeln aufs Gesicht zaubert. Wenn man mich fragt, sollte Schule nur aus 3 Bausteinen bestehen: Erlebnisse, eigene Forschung und Spielen.
Noch habe ich meine eigene Schule noch nicht gegründet. Das heißt, bisher bin ich immer wieder mit den Vorbehalten des normalen Schulsystems konfrontiert, aber auch das ist kein Hindernis.
“Wie kann es sein, dass die 4a schon wieder einen Ausflug macht?”
“Wie sollen sie nur so den ganzen “Stoff” schaffen?”
“Dann fällt doch so viel Unterricht aus!”
Und dann erkläre ich…immer wieder. Ich mache das, weil ich davon überzeugt bin, dass es die einzige, nachhaltige Form von Lernen ist. Wir machen keinen “Ausflug”, sondern das ist unsere Form von Unterricht und deshalb fällt auch kein Unterricht aus, nur weil wir den Klassenraum verlassen. Ihr müsst euch keine Sorgen machen! Wir “schaffen” den Unterrichtsstoff und noch viel mehr darüber hinaus, weil glücklichen, ausgeglichenen Menschen das Lernen viel leichter fällt. Und weil Lernen für uns etwas Spannendes und Tolles ist, das wir mit Neugier und neuen Erlebnissen verbinden.
Die Eltern muss ich übrigens nur ganz am Anfang um ihr Vertrauen bitten, dann geht alles von selbst. Wenn sie sehen, wie ihre Kinder aufblühen, wie gerne sie in die Schule gehen und welche Fortschritte sie machen. Und wenn doch etwas mehr Überzeugung nötig ist, lässt sich ein Blick in die Wissenschaft werfen.
Was ich in meinem Unterricht beobachte, hat einen neurobiologischen Hintergrund. Gerald Hüther beschreibt Begeisterung als “Dünger für das Gehirn”. Wenn Kinder etwas erleben, das sie wirklich berührt, wenn sie staunen, lachen oder mit allen Sinnen bei der Sache sind, dann werden im Gehirn Botenstoffe ausgeschüttet, die dafür sorgen, dass sich das Erlebte tief verankert. Kein Arbeitsblatt der Welt kann das leisten.
Draußen ist nichts vorhersehbar, nichts vorgefertigt. Kinder müssen selbst entscheiden, selbst einschätzen, selbst gestalten.
“Was nutzt es denn, wenn sie schneller das Einmaleins können, dafür aber ängstlicher und weniger kreativ sind? Wir werden Menschen brauchen, die wie Bäume in echten Wäldern wachsen: mit dichtem Holz, guter Rinde, tiefen Wurzeln. Lebendige, widerstandsfähige, sozial kompetente, kreative Menschen. Menschen mit einem Fundament.”
Zitat aus einem meiner Lieblingsbücher: “Wie Kinder heute wachsen” von Renz-Polster und Hüther
Wenn wir also mit unserer Klasse rausgehen, dann ist das kein netter Zusatz zum „eigentlichen” Unterricht. Es ist die wirksamste Form davon.
Wie wäre es mit einer Challenge? Nimm dir deinen Lehrerkalender und trage dir in jeder Woche bis zu den Sommerferien einen Tag ein, den du mit deiner Klasse außerhalb des Klassenraums verbringst. Es geht nicht um pädagogisch wertvolle, strukturierte Lernorte, sondern um das echte Leben. Erkundet die Welt um euch herum.
Das geht übrigens nicht nur mit kleinen Kindern. Man könnte meinen, dass wir nur mit Kindern der Grundschule den Tag im Wald, an einem Bach oder auf einer Wiese verbringen können. Klar, auf den ersten Blick “spielen” 10.-Klässler vielleicht nicht so frei herum wie jüngere Schüler. Ich denke aber, dass sie es genauso brauchen. An der frischen Luft, in der Natur sein. Ruhe. Zeit zum Nachdenken, sich unterhalten, vielleicht malen oder Karten spielen. Gedichte schreiben, kleine Theaterstücke inszenieren, musizieren, turnen oder tanzen. Das alles ist vom Alter komplett unabhängig und wird in der Schule fast vollständig verdrängt von Kurvendiskussionen und Erörterungen oder im Alltag erstickt durch die permanente Nutzung von Smartphones.
Nichts davon braucht ein großes Budget oder wochenlange Vorbereitung. Es braucht nur die Entscheidung, es zu tun. Und den Mut, den Klassenraum zu verlassen, auch wenn im Lehrerzimmer jemand die Augenbrauen hochzieht.
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