Soziale Phobie/Soziale Ängstlichkeit

1. Soziale Ängstlichkeit (SÄ)

Beteiligen sich Schüler/Innen wenig am Unterricht, liegt es nicht unbedingt an Desinteresse oder Faulheit. Der Grund kann hierfür oft eine Soziale Phobie bzw. Soziale Ängstlichkeit (SÄ) sein. Die Soziale Phobie ist eine der häufigsten Erkrankungen. Die meisten Studien belegen, dass der Beginn der Störung in der Kindheit vor dem 16. Lebensjahr eintritt.

1.1 Begriffsbestimmung

Das zentrale Merkmal der SÄ, ist eine „ausgeprägte und anhaltende Angst vor einer oder mehreren sozialen oder Leistungssituationen, in denen die Person […] von anderen Personen beurteilt werden könnte. Der Betroffene befürchtet, ein Verhalten (oder Angstsymptome) zu zeigen, das demütigend oder peinlich sein könnte“ (DSM IV). Daher werden diese gefürchteten Situationen sehr oft von den Betroffenen vermieden oder aber unter intensiver Angst ertragen. Die Betroffenen sind zudem sehr selbstkritisch (DSM IV). In den gefürchteten Situationen reagieren die Betroffenen mit gesteigerter Selbstaufmerksamkeit, negativer Selbstbewertung und physiologischen Symptome der Angst, wie z. B. Zittern, Erröten etc. Unterschieden wird, wie auch aus der Definition hervorgeht, zwischen Angst vor Leistungssituationen und Angst vor sozialen Interaktionssituationen. Leistungssituationen, die von den sozial ängstlichen gefürchtet werden sind z. B. eine Prüfung abzulegen, eine Rede in der Öffentlichkeit zu halten, einen Raum voller Menschen zu betreten, in der Anwesenheit von anderen Menschen zu essen und zu trinken. Soziale Interaktionssituationen sind z. B. Blickkontakt zu anderen Menschen aufzunehmen, Umgang mit Autoritätspersonen, mit Fremden oder gegengeschlechtlichen Personen zu sprechen, langweilig zu klingen, sich zu versprechen, etc. (Mattick & Clark, 1998; Stangier & Heidenreich, 1997).

Die Soziale Phobie ist eine der häufigsten Erkrankungen. Betroffene haben Beeinträchtigungen im Berufs- und Privatleben, haben meist ein niedriges Bildungsniveau, sind häufiger arbeitslos und ledig (Kessler, McKonagale, Zhao, Nelson, Echleman, Wittchen et al., 1994; Wittchen, 2005).

 

1.2 Ätiologie

An der Entstehung und Aufrechterhaltung von SÄ können unterschiedliche Faktoren beteiligt sein. Auf einige dieser Faktoren soll im Folgenden eingegangen werden.

Biologische Faktoren

Zum einen spielt die Genetik eine wichtige Rolle (Fyer, 1993). Aus Zwillingsstudien weiß man, dass die SÄ zu 30 % genetisch vererbt wird.

Lerntheorie

Aus lerntheoretischer Sicht wird die Entstehung aber auch die Aufrechterhaltung anhand der klassischen und operanten Konditionierung begründet. Eine negative, traumatisierende Erfahrung in einer sozialen Situation kann schon SÄ auslösen, da die empfundene Angst mit der Situation assoziiert wird. So werden die sozialen Situationen vermieden, was wiederum die Angst aufrechterhält, da positive Lernerfahrungen ausbleiben (Bohn & Stangier, 2009; Öst & Hugdahl, 1981).

Eltern-Kind-Beziehung

Ein weiterer Faktor ist die Eltern-Kind Beziehung bzw. die Bindungstheorie von Bowlby (1982). Wenn Eltern ihre Kinder stark kritisieren oder sie sehr stark zu kontrollieren versuchen, sie zurückweisen und emotional distanziert sind, kann dieses Verhalten zu SÄ führen (Bruch & Heimberg 1994; Kashdan & Herbert, 2001). Eine ablehnende Haltung der Mutter kann zu einem unsicheren Bindungsstil und so zur SÄ führen (Bumariu & Kerns, 2008; Bar-Haim, Eshel & Sagi-Schwartz, 2007; Erozkan, 2009; Roring 2008).

 

1.3 Einschränkungen in Beziehungen

Personen mit SÄ haben weniger gut funktionierende Freundschaften (Rodebaugh, Fernandez & Levinson, 2012). Generell haben sozial ängstliche Individuen im Vergleich zu anderen weniger Freunde, ein kleineres soziales Netzwerk und zudem auch weniger intime Freundschaften (Schneier et al., 1994). In einer zwei-monatigen Längsschnittstudie von Biggs, Vernberg und Wu (2012) konnte gezeigt werden, dass sozial Ängstliche eine schlechtere Freundschaftsqualität haben, was hauptsächlich durch den sozialen Rückzug verursacht wird und was wiederum zu weniger Intimität und Kameradschaft führt.

La Greca und Lopez (1998) konnten zeigen, dass Personen mit SÄ weniger Unterstützung von ihren Klassenkameraden erhalten und dass sie weniger von diesen akzeptiert werden. Abgesehen davon, dass sozial Ängstliche meist weniger Freunde und weniger intime Freundschaften haben, werden sie oft von anderen schikaniert (Holleb, Erdley & Kingery, 2008). Die Schikane von Peers führt einerseits zur SÄ. Andererseits wiederum führt das unsichere, verletzliche und unbeholfene Verhalten von sozial ängstlichen Personen auch dazu, dass sie von Peers schikaniert werden (Crick & Bigbee, 1998).

Bei SÄ kommt es zu einer selbst-erfüllenden Prophezeiung. Denn sozial Ängstliche neigen dazu mehrdeutige Verhaltensweisen als negativ bzw. als negative Bewertung zu interpretieren. In mehrdeutigen sozialen Situationen neigen sozial ängstliche Personen dazu, dem Gegenüber eine feindselige Absicht zu unterstellen. Daraufhin zeigen sie inadäquate Verhaltensweisen wie z. B. Aggression und dies führt wiederum dazu, dass man vom Gegenüber negativ bewertet bzw. zurückgewiesen wird. Auch führen ihr vermeidendes Verhalten, das sie an den Tag legen um negative Bewertung zu verhindern, und das Fehlen angemessener sozialer Interaktionsmuster dazu, dass sie von anderen abgelehnt werden (Sperrevohn & Rapee, 2009).

 

1.4 Einsamkeit und Depressionen

Sozial ängstliche Personen berichten, dass sie sich einsam fühlen. Da sozial ängstliche Personen, wie bereits erwähnt, die gefürchteten sozialen Situationen vermeiden und sich zurückziehen, werden auch die Kontakte zu anderen Menschen reduziert und man hat weniger Bezugspersonen. Dadurch fühlt man sich wiederum sozial isoliert und einsam (Rao, Beidel, Turner, Ammermann, Crosby,  & Salee, 2007).

Aber sozial Ängstliche fühlen sich nicht nur einsam; das Einsam-Sein führt auch zu Depressionen. Untersuchungen zeigen, dass Soziale Ängstlichkeit eine hohe Komorbidität mit Depressionen aufweist (Bögels und Tarier, 2004; Buckner 2008; Jong, Sportel, Hullu & Nauta, 2012; Darlrymple, 2012; Schneier, Johnson, Horning, Liebowitz, & Weissman, 1992; Wenzel & Holt, 2001). Ingram, Ramel, Chavira & Scher (2005) sagen sogar, dass SÄ und Depression sich überlappen.

In einer Untersuchung mit Jugendlichen konnte gezeigt werden, dass diese sich häufiger einsam fühlen und sie zudem auch an depressiven Symptomen litten (Beidel, Turner, Young, Ammerman & Sallee 2007).

 

 

1.5 Einschränkungen in Schule

SÄ beeinflusst auch die schulische und berufliche Funktionsfähigkeit und führt zu Einschränkungen in diesen Bereichen. Sozial ängstliche Personen haben ein geringeres Einkommen und sind weniger gebildet (Wittchen et al., 2000).

Obwohl sozial ängstliche Individuen nicht weniger intelligent sind als andere, schneiden sie schlechter in der Schule ab. Sie reden meist nur wenig, leise und undeutlich. Auch meiden sie Blickkontakt und sind schnell verlegen. Aus diesem Grund melden sie sich beispielsweise selten von sich aus.  Referate oder mündliche Prüfungen lösen extreme Angst bei diesen Schüler/Innen aus. Solche Situationen können bei ihnen sogar Panikattacken mit Herzrasen und Erröten auslösen (Schneier et al., 1994; Topham & Russel, 2012).

Um auch in der Schule nicht aufzufallen und keine Aufmerksamkeit zu erregen, verhalten sie sich dort, als seien sie „unsichtbar“. Sie versuchen so eine negative Bewertung zu verhindern. Sie werden deshalb auch in der Schule von Lehrern und anderem Personal vernachlässigt und übersehen (Kashdan & Herbert, 2001). Durch ihr Vermeidungsverhalten entgeht ihnen aber auch gleichzeitig die Chance von Lernsituationen in der Schule zu profitieren

Nicht nur die mündlichen Leistungen können darunter also leiden, sondern auch die gesamte schulische Laufbahn, da auch das Selbstwertgefühl und die Motivation unter der Angst leiden.

 

 

1.6 Was können Lehrer/Innen tun?

·         Sozial ängstliche Schüler/Innen immer mit einem Partner zusammenarbeiten lassen, dem er/sie vertraut.

·         Schüler/Innen nicht drängen, Referate zu halten oder an die Tafel zu kommen, sondern geduldig sein und mit dem/ der Schüler/In gemeinsam nach Alternativen suchen. Gleichzeitig ist es aber auch wichtig, die Schüler/In zu ermutigen, Schritt für Schritt aus sich herauszukommen.

·         In Angstauslösenden Situationen ein Objekt mitnehmen lassen oder zur Verfügung stellen, das die Angst verringern kann.

·         Schüler/Innen loben.

·         Lehrer/Innen sollten die Schüler/Innenbezüglich ihrer Schüchternheit nicht vor der ganzen Klasse ansprechen und sie so bloßstellen.

·         Dafür sorgen, dass Kinder sich nicht gegenseitig auslachen, auch wenn es aus ihrer Sicht nur Spaß ist.

·         Im Rahmen eines Projektes das Thema „Angst“ behandeln. Hierbei den Schüler/Innen deutlich machen, dass alle Menschen Ängste haben, dass es aber auch Möglichkeiten gibt, Ängste zu reduzieren.

·         Entspannungstraining (z.B. Autogenes Training) einführen

·         In Extremfällen kann es zu einer Schulverweigerung kommen.

Wenn man merkt, dass ein/e Schüler/In, sich sehr zurückzieht, keinen Anschluss findet oder wenn er/sie in der Schule fehlt, weil es psychosomatische Beschwerden wie Kopfschmerzen oder Bauchschmerzen hat, für die sich keine körperliche Ursache finden lässt, sollte etwas unternommen werden. Oft dauert es viel zu lange, bis Eltern sich professionelle Hilfe holen.

 

Tags: Psychologie, Soziale Phonie, Soziale Ängstlichkeit, Schulverweigerung

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Kommentare und Fragen von anderen Nutzern
Miss_V
25. Mai 2021
Sehr wichtiges Thema. Einige meiner stilleren Schüler*innen kommen mit dem Wechsel vom Hybridunterricht zurück zur großen Gruppe leider gar nicht gut klar und zeigen nun auch viele dieser Symptome.
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