
Ich interessiere mich in meinem Privatleben sehr für das Thema Minimalismus. Kleine Wohnräume faszinieren mich, die Idee von einem einfachen Leben lässt mich nicht mehr los. In meinem Privatleben habe ich das mehr oder weniger konsequent umgesetzt: Im November 2017, nach einer langen Semesterpause mit viel Input durch Bücher und Videos, wollte ich schnell „ausmisten“. Aus Stunden des Wühlens und Sortierens wurden Tage, Wochen, Monate und schließlich Jahre des Minimalisierens. Ich lebte mit meinem Freund in einer 42qm Wohnung inklusive kleinem Kellerabteil. Alleine die Wohnungsgröße fanden viele meiner Freunde und Familienmitglieder minimalistisch, an einen Umzug war wegen des Wohnungsmarktes aber nicht zu denken. Durch den vielen Krempel wirkte die Wohnung winzig, ich hatte vor allem Unmengen an Bastelmaterial und Kleidung gehortet. Angefangen habe ich ganz intuitiv: Mit einer Kiste in der Hand bin ich durch die Wohnung getigert und habe alles hineingelegt, was mich emotional nicht berührt hat und kaum benutzt wurde - das waren Backutensilien, ein paar Bücher und CDs, erste Klamotten. Im Sinne der Nachhaltigkeit wurden die Gegenstände verkauft, gespendet und verschenkt.
Nach und nach leckte ich Blut, erste Schränke leerten sich komplett, sodass auch Möbel aussortiert werden konnten. Drei Jahre später sitze ich in einer noch nicht minimalistischen, aber wesentlich luftigeren Wohnung. Das ist aber nicht das Ende der Geschichte vom Minimalismus, auch meine „digitale Wohnung“ wurde minimalisiert, soziale Medienkanäle gelöscht, Apps deinstalliert, ein werbefreies Postfach installiert. Mein Mann wurde angesteckt, und gemeinsam haben wir das Thema weitergedacht und vermeiden so gut es geht Verpackungsmüll und tierische Produkte.
Lange Vorrede, kurzer Sinn: Ich dachte immer, dass diese Einstellung im Privaten bleiben wird. Im Juni diesen Jahres hatte ich diesbezüglich einen hellen Moment. In meinem Praxissemester sollte ich ein Klassenzimmer vor den Sommerferien besenrein „aufzuräumen“. Ich besorgte eine handvoll Umzugskartons beim Hausmeister und legte los. Kiste um Kiste füllten sich, dabei hatten die Schülerinnen und Schüler doch all ihre Materialien mit nach Hause genommen. Mir begegneten kistenweise didaktische Materialien, alte Schulbücher, Ordnungssysteme, Geschenke für die Kinder, Gemaltes von den Kindern, Geschirr und Besteck als Einweg- und Mehrwegvariante, Sticker, Stempel, CDs, Kinderbücher, Saftpakete, abgelaufene Salzstangen und immer wieder Kreidestücke und angefangene Taschentuchpäckchen.
Durchgeschwitzt setzte ich mich ans Pult und blickte auf den Turm an Kisten. Der Raum fühlte sich so viel heller an. Ich drehte mich zum Fenster und sah zum ersten Mal in den Monaten des Praktikums die schöne, grüne Umgebung. Der Raum war verstopft gewesen, ein dauerndes Summen im Hintergrund war nun verschwunden. Da ich die Zeugnisvergabe übernehmen sollte, hatte ich noch allerhand zu tun, und holte mir die Unterlagen ans Pult. Mit wunderbarem Blick ins Grüne arbeitete ich entspannt den Stapel ab. Während die Hände mit dem Eintüten der Zeugnisse beschäftigt waren, wanderte mein Blick wieder zum Kistenturm an der Wand. Wie viel von diesem Material war wohl in diesem Jahr benutzt worden? Mir war klar, dass eine erste Klasse anderes Material benötigt als eine dritte Klasse, sodass immer ein gewisser Anteil gelagert werden muss. Aber wieso Steckwürfel, Rechenschieber, Rechenplättchen, Murmeln und Rechenplättchen für die Tafel lagern, wenn sowieso vor allem das Tafelmaterial und das Arbeitsheft verwendet werden? Lesen die Kinder die abgegrabbelte Medizini und das zwanzig Jahre alte Kinderbuch wirklich noch in der Pause, wenn sowieso nur über Pokemon gesprochen wird?
Viele Lehrkräfte sind Messi und Konsumopfer gleichzeitig. Alles „kann man noch gebrauchen“, trotzdem wird jedes Jahr auf den neuen Lehrmittelkatalog hingefiebert. Auch wenn ich diese Tendenzen ebenso bei mir entdeckt habe (Stichwort Laminierfolie), möchte ich bewusst dagegen arbeiten. Ich wünsche mir ein übersichtliches Klassenzimmer mit viel Licht und Platz für die Produkte der Kinder. Ich möchte aus wenigen Materialien viel rausholen, um nicht regelmäßig das halbe Gehalt bei namenhaften Verlagen und Lehrmittelproduzenten zu lassen. Und ich möchte mir selber das Ordnung halten erleichtern, um nicht jedes Jahr nach dem Leerräumen der Klasse den einzigen hellen Moment im Schuljahr zu erleben.
Bildnachweis: https://pixabay.com/de/photos/buch-adressbuch-lernen-lesen-1171564/
Wenn du den Blog-Artikel magst dann klicke auf das Herz. Das hilft uns zu verstehen, welche Artikel besonders lesenswert sind.
