Bunt ist nicht gleich ablenkend – warum ich Lernmaterialien bewusst visuell gestalte
Wenn ich Unterrichts- und Kita-Materialien gestalte, spielt für mich nicht nur der Inhalt eine Rolle. Ich frage mich auch: Wie muss eine Seite aussehen, damit ein Kind sich darin zurechtfindet, neugierig wird und Informationen möglichst gut erfassen kann?
Dabei greife ich bewusst auf Farben und Illustrationen zurück.
Aber ist das eigentlich sinnvoll? Oder lenken bunte Materialien Kinder am Ende sogar eher ab?
Ich habe mich mit dieser Frage beschäftigt – und die Antwort ist spannender als ein einfaches Ja oder Nein.
Bilder können beim Lernen unterstützen
Visuelle Darstellungen können Kindern helfen, Informationen zu verstehen und miteinander zu verknüpfen. Besonders dann, wenn ein Bild nicht nur Dekoration ist, sondern tatsächlich etwas erklärt.
Wenn Kinder beispielsweise lernen, wie aus einem Korn Brot entsteht, können sie den Prozess nicht nur lesen oder hören. Sie sehen gleichzeitig Korn, Ähre, Mühle, Mehl und Brot und können die einzelnen Schritte miteinander verbinden.
Ähnlich ist es bei Sachthemen wie Wald, Strom, Pilzen oder dem Jahreslauf eines Baumes. Eine gute Illustration kann etwas sichtbar machen, das sich allein mit Worten für ein Kind viel schwerer vorstellen lässt.
Auch das Konzept des Universal Design for Learning (UDL) berücksichtigt, dass Lernende Informationen unterschiedlich aufnehmen und empfiehlt deshalb verschiedene Formen der Darstellung – darunter auch visuelle. CAST – Universal Design for Learning Guidelines
Und was ist mit Kindern mit ADHS oder anderen Aufmerksamkeitsbesonderheiten?
Gerade hier finde ich eine Unterscheidung wichtig.
Ich würde nicht behaupten, dass buntes Material grundsätzlich besser für Kinder mit ADHS ist. Dafür sind Kinder viel zu unterschiedlich.
Es gibt aber Forschung dazu, wie visuelle Hinweise die Aufmerksamkeit auf relevante Informationen lenken können. Entscheidend ist also weniger, wie viel auf einer Seite zu sehen ist, sondern was die Gestaltung mit der Aufmerksamkeit macht.
Ein Bild neben einem Begriff, eine klare farbliche Zuordnung oder ein dargestellter Ablauf können Orientierung geben. Das kann auch für Kinder hilfreich sein, denen es schwerer fällt, ihre Aufmerksamkeit über längere Zeit auf einen Text zu richten.
Mehr Gestaltung bedeutet allerdings nicht automatisch besseres Lernen.
Das ist für mich die andere wichtige Seite.
Eine Seite voller Figuren, Muster, Sticker und Dekoration kann wunderschön aussehen und trotzdem schlecht funktionieren. Forschung zu sogenannten seductive details zeigt, dass interessante, aber für den eigentlichen Lerninhalt irrelevante Elemente vom Wesentlichen ablenken können.
Deshalb versuche ich bei meinen Materialien einen Mittelweg zu finden:
farbig, aber strukturiert – illustriert, aber nicht wahllos dekoriert – kindgerecht, ohne die eigentliche Information untergehen zu lassen.
Wenn ich beispielsweise eine Eiche erkläre, dürfen Eiche, Blatt und Eichel selbstverständlich groß und schön illustriert sein. Sie sind Teil des Lerninhalts.
Ein Hase, drei Schmetterlinge, Regenbogen und Luftballons daneben würden die Information dagegen nicht unbedingt verständlicher machen. 😉
Für mich darf Lernmaterial deshalb schön sein.
Kinder leben heute in einer ausgesprochen visuellen Welt. Ich finde nicht, dass pädagogisches Material deshalb aussehen muss wie ein Unterhaltungsmedium. Aber ich sehe auch keinen Grund dafür, dass Lernen grundsätzlich grau, nüchtern oder rein textbasiert sein muss.
Gute Gestaltung und guter Inhalt schließen sich nicht aus.
Im Gegenteil: Mein Ziel bei PapierStudioFlora ist es, beides miteinander zu verbinden.
Eine Illustration soll ein Kind neugierig machen – und gleichzeitig beim Verstehen helfen.
Vielleicht ist genau das der entscheidende Unterschied zwischen Dekoration und Visualisierung.
Und mich würde interessieren:
Wie erlebt ihr das in der Praxis? Arbeiten eure Kinder oder Schüler:innen lieber mit visuell gestalteten Materialien – oder merkt ihr, dass manche Kinder gerade von sehr reduzierten Seiten profitieren?
Denn am Ende gilt wahrscheinlich auch hier: Nicht jedes Material passt zu jedem Kind.
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