
Ein Kind interessiert sich für Fußball, Freundschaft oder spannende Abenteuer und legt das Buch nach der ersten Seite wieder weg. Nicht die Geschichte ist das Problem. Der Weg durch den Text ist noch zu mühsam.
Für Kinder, die Deutsch als Zweitsprache lernen oder beim Lesenlernen mehr Zeit brauchen, können sprachlich entlastete Bücher eine Brücke sein. Sie ermöglichen, einer altersgemäßen Geschichte zu folgen und beim Lesen Erfolg zu erleben. Entscheidend ist dabei nicht allein, wie viele Seiten ein Buch hat. Thema, Sprache und Schriftbild müssen zum Kind passen.
Bei der Auswahl lohnt sich ein Blick auf eine aufgeschlagene Doppelseite. Hilfreich sind:
eine überschaubare Textmenge und kurze Leseabschnitte,
überwiegend kurze, klar gebaute Sätze,
gebräuchliche Wörter und eine verständliche Alltagssprache,
eine gut lesbare, ausreichend große Schrift,
ein ruhiges Zusammenspiel von Bild und Text.
Für Kinder mit DaZ ist außerdem wichtig, ob Bilder beim Verstehen helfen und ob sich unbekannte Wörter vor dem Lesen kurz klären lassen. Ein Buch muss nicht jedes schwierige Wort vermeiden. Die Geschichte sollte aber auch dann verständlich bleiben, wenn ein Kind noch nicht jedes Wort kennt.
Beltz bietet Kurzfassungen bekannter Kinder- und Jugendbücher in Einfacher Sprache an. Das ist besonders interessant, wenn Kinder mit unterschiedlichen Lesefähigkeiten dieselbe Geschichte kennenlernen sollen: Einige lesen die Originalausgabe, andere die sprachlich entlastete Fassung. Beispiele:
Milena Baisch: Anton taucht ab – eine mögliche Lektüre für die spätere Grundschule.
Stefanie Höfler: Mein Sommer mit Mucks – für ältere Kinder mit Interesse an einer Geschichte über Freundschaft und schwierige Erfahrungen. Hier würde ich Thema und Inhalt vorab besonders sorgfältig auf die Lerngruppe abstimmen.
Bei beiden Titeln ist für diese Empfehlung ausdrücklich die Kurzfassung in Einfacher Sprache gemeint. Die Reihe ordnet Anton taucht ab dem Bereich Klasse 3 bis 5 und Mein Sommer mit Mucks dem Bereich Klasse 5 bis 7 zu.
Die Reihe verbindet Geschichten für ältere Grundschulkinder mit einem niedrigeren Leseniveau. Der Verlag unterscheidet dabei zwischen Lebensalter und Leseniveau. Das ist eine hilfreiche Orientierung, wenn ein Kind inhaltlich schon mehr möchte, als es derzeit selbstständig lesen kann. Beispiele:
Guy Bass: Noah Unendlich – eine fantasievolle, humorvolle Geschichte über Noah und seine immer zahlreicher werdenden Doppelgänger.
Christine Stahr: Hanna und der Flug des Adlers – eine Geschichte rund um Karate, Freundschaft und den Umgang mit Schwierigkeiten.
Beide Titel werden für ein Lebensalter ab etwa neun Jahren und ein Leseniveau ab etwa sieben Jahren geführt. Das ist eine Orientierung, keine feste Grenze: Eine Leseprobe mit dem Kind sagt meist mehr aus als eine Alterszahl.
Die Leseprojekte dieser Reihe bereiten Geschichten für Leseeinsteigerinnen und Leseeinsteiger auf und verbinden die Lektüre mit Aufgaben. Für die Grundschule kommen beispielsweise infrage:
Die Wilden Fußballkerle – Leon, der Slalomdribbler, nach dem Kinderbuch von Joachim Masannek – für Kinder, die Fußballgeschichten mögen.
Ein Schaf fürs Leben, nach dem Kinderbuch von Maritgen Matter – eine Geschichte über die ungewöhnliche Begegnung von Wolf und Schaf.
Beim Auswählen lohnt es sich, genau auf die Ausgabe zu achten: Gemeint sind hier die „Einfach lesen!“-Leseprojekte, nicht automatisch die jeweiligen Originalbücher.
Die Reihe bietet kurze Lektüren mit Themen aus dem Alltag und dem sozialen Miteinander. Zwei Beispiele sind:
Petra Bartoli y Eckert: Du bist doch nur so ein Hauptschul-Assi!
Armin Kaster: Den Kleinen verkloppen wir mal wieder!
Beide Titel sprechen belastende Erfahrungen wie Abwertung oder Gewalt an. Ich würde sie deshalb vor allem für ältere Kinder und nach einem Blick in die Leseprobe auswählen. Eine leicht lesbare Sprache allein macht eine Geschichte noch nicht für jede Gruppe passend.
Rüdiger Bertram: Coolman und ich kann Kinder durch Humor und Illustrationen zum Lesen locken. Ob die konkrete Ausgabe sprachlich gut passt, sollte man mit einer gemeinsamen Probeseite prüfen.
Anna Lott: Eine Oma für Fridolina eignet sich eher als Bilderbuch zum Vorlesen und Erzählen als als selbstständig zu lesende Lektüre für ältere Grundschulkinder. Gerade für DaZ kann es wertvoll sein, Bilder zu betrachten, Vermutungen zu äußern und über Familie zu sprechen. Die Geschichte spielt rund um einen Oma-Tag in der Kita.
Ich lasse Kinder möglichst mitentscheiden. Zwei oder drei Bücher liegen zur Auswahl bereit; Cover, Klappentext und eine aufgeschlagene Seite geben erste Hinweise. Danach lesen wir ein kurzes Stück gemeinsam. Das Kind darf sagen: „Das interessiert mich“, „Das verstehe ich schon“ oder „Dabei brauche ich noch Hilfe.“
Auch ein passendes Buch muss nicht sofort allein gelesen werden. Ein Abschnitt kann vorgelesen, gemeinsam gelesen oder nach dem Lesen mit Bildern und wenigen Fragen besprochen werden. Für manche Kinder ist genau diese Begleitung der Schritt, der aus mühsamem Entziffern eine Geschichte macht, der sie folgen wollen.
Mein wichtigster Auswahlgrundsatz: Das Buch soll dem Kind etwas zutrauen, ohne es auf jeder Seite zu überfordern. Wer eine Geschichte zu Ende lesen und darüber sprechen kann, bekommt einen guten Grund, zum nächsten Buch zu greifen.
Eure Madame Plume – Ideen und Materialien für sprachsensiblen Deutschunterricht und Leseförderung in der Grundschule
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