Elterngespräche: Wir müssen nicht immer einer Meinung sein

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Elternarbeit gehört zum Schulalltag.

Und trotzdem gibt es wohl kaum einen Bereich, der Lehrpersonen so unterschiedlich fordert.

Da sind die unkomplizierten Gespräche zwischen Tür und Angel. Die Eltern, mit denen man schnell auf einer Wellenlänge ist. Die Rückmeldungen, bei denen beide Seiten dasselbe sehen und gemeinsam überlegen können, was dem Kind hilft.

Und dann gibt es die anderen Gespräche.

Die, vor denen man schon am Morgen ein leicht mulmiges Gefühl hat.
Die, bei denen ein einziger Satz genügt und plötzlich Spannung im Raum ist.
Die, nach denen man nach Hause fährt und noch dreimal überlegt:

„Hätte ich das anders sagen sollen?“

Dabei beginnt gute Elternarbeit lange vor dem schwierigen Gespräch.

Beziehung entsteht nicht erst dann, wenn es schwierig wird

Ein kurzer positiver Satz beim Abholen. Eine Nachricht, weil etwas richtig gut gelaufen ist. Eine transparente Information. Eine Rückmeldung, die nicht erst kommt, wenn ein Problem entstanden ist.

All diese kleinen Kontakte schaffen etwas, das wir später dringend brauchen können: Vertrauen. Denn wenn Eltern von der Schule hauptsächlich dann hören, wenn ihr Kind Schwierigkeiten macht, entsteht schnell das Gefühl: Jetzt kommt schon wieder etwas. Wer dagegen erlebt hat, dass die Lehrperson auch die Stärken des Kindes sieht, geht anders in ein schwieriges Gespräch.

Man könnte fast sagen:

Das schwierigste Elterngespräch beginnt manchmal schon Wochen vorher – mit der Beziehung, die wir bis dahin aufgebaut haben.

Elternarbeit ist keine Nebensache

Schule und Elternhaus erleben ein Kind aus unterschiedlichen Perspektiven. Eltern kennen ihr Kind seit vielen Jahren. Sie erleben es in der Familie, kennen seine Geschichte, seine Ängste, seine Eigenheiten und seine Stärken.

Wir Lehrpersonen erleben dasselbe Kind in einer anderen Welt: in einer Gruppe mit vielen anderen Kindern, mit Anforderungen, Regeln, Leistungsdruck, Freundschaften und Konflikten.

Beide Seiten sehen also etwas Wichtiges. Aber eben nicht immer dasselbe. Genau deshalb ist gute Elternarbeit so wertvoll.

Sie bedeutet nicht, dass Eltern und Lehrpersonen immer einer Meinung sein müssen. Sie bedeutet vielmehr, dass wir auch dann miteinander im Gespräch bleiben können, wenn wir etwas unterschiedlich wahrnehmen.

Unterschiedliche Sichtweisen dürfen sein

Vielleicht sagt eine Lehrperson: „Ihr Kind braucht bei Arbeitsaufträgen sehr viel Unterstützung.“

Und die Eltern antworten: „Zu Hause kann es das problemlos allein.“

Beides kann stimmen. Vielleicht erleben Eltern ihr Kind als selbstbewusst und durchsetzungsfähig, während es in der Schule sehr still und zurückhaltend ist. Auch das kann stimmen. Schwierig wird es oft erst dann, wenn aus unterschiedlichen Wahrnehmungen ein Kampf darum wird, wer recht hat.

Dabei müsste das gar nicht das Ziel eines Elterngesprächs sein. Viel hilfreicher sind die Fragen:

„Was erleben Sie?“

„Was erleben wir?“

„Und was braucht das Kind jetzt von uns?“

Denn bei allen unterschiedlichen Sichtweisen gibt es etwas, das Schule und Eltern verbindet:

Wir wollen, dass es dem Kind gut geht und dass es sich entwickeln kann.

Dorthin zurückzukehren, kann ein festgefahrenes Gespräch manchmal wieder in Bewegung bringen.

Und dann gibt es diese Eltern …

Wer schon länger unterrichtet, erkennt vermutlich manche Gesprächsmuster wieder.

Da sind die besorgten Eltern, die sehr viele Fragen stellen und immer wieder nachfragen. Nicht unbedingt, weil sie der Lehrperson misstrauen – sondern vielleicht, weil sie Angst haben, dass ihr Kind zu kurz kommen könnte.

Die verteidigenden Eltern, bei denen auf eine kritische Rückmeldung sofort ein „Ja, aber …“ folgt. Dahinter kann der verständliche Impuls stehen, das eigene Kind schützen zu wollen.

Die fordernden Eltern, die ziemlich genau wissen, was die Schule ihrer Meinung nach tun müsste – und das auch deutlich formulieren.

Die stillen Eltern, die im Gespräch kaum etwas sagen, allem zustimmen und bei denen man am Ende trotzdem nicht genau weiss, was sie eigentlich denken.

Oder die emotionalen Eltern, bei denen Sorgen, Enttäuschung oder Ärger plötzlich sehr viel Raum einnehmen.

Natürlich sind das keine festen Schubladen.

Der fordernde Vater kann im nächsten Gespräch vor allem besorgt sein. Die stille Mutter wird vielleicht sehr deutlich, sobald ein bestimmtes Thema angesprochen wird.

Es geht nicht darum, Eltern zu kategorisieren. Aber typische Gesprächsmuster zu erkennen, kann helfen, nicht jede Reaktion sofort persönlich zu nehmen. Denn hinter Ärger kann Sorge stecken. Hinter Forderungen vielleicht Hilflosigkeit. Hinter Rechtfertigungen die Angst, dass das eigene Kind negativ gesehen wird.

Das erklärt nicht jedes Verhalten. Und es bedeutet auch nicht, dass wir alles akzeptieren müssen. Aber es kann helfen, besser zu verstehen, was gerade passiert.

Und was passiert eigentlich bei mir?

Bei schwierigen Elterngesprächen schauen wir verständlicherweise sehr stark auf unser Gegenüber. Dabei sitzt noch jemand mit am Tisch:

wir selbst.

Auch Lehrpersonen bringen Erfahrungen, Erwartungen und Empfindlichkeiten mit.

Manche Eltern bringen uns schneller aus der Ruhe als andere. Manche Aussagen treffen uns persönlich. Vielleicht fühlen wir uns ungerecht kritisiert, nicht ernst genommen oder in unserer Professionalität infrage gestellt. Das ist menschlich. Professionell zu handeln bedeutet nicht, nichts davon zu empfinden. Es bedeutet eher, es wahrzunehmen und sich kurz zu fragen:

„Was passiert gerade bei mir?“

Muss ich mich wirklich weiter rechtfertigen?

Muss ich diese Diskussion jetzt gewinnen?

Oder kann ich einen Schritt zurückgehen und wieder auf die Sachebene zurückkehren?

Diese kleine innere Pause kann manchmal mehr verändern als der perfekte Gesprächssatz.

Ein gutes Gespräch muss nicht mit Einigkeit enden

Dieser Gedanke kann enorm entlasten: Ein erfolgreiches Elterngespräch erkennt man nicht daran, dass am Ende alle derselben Meinung sind. Manchmal ist ein gutes Ergebnis auch:

Wir haben einander zugehört.

Wir wissen, wo unsere Sichtweisen auseinandergehen.

Wir haben unsere jeweiligen Rollen geklärt.

Wir wissen, was als Nächstes passiert.

Und wir können uns beim nächsten Mal trotzdem wieder an einen Tisch setzen.

Auch das ist Zusammenarbeit.

Gerade in schwierigen Gesprächen hilft Klarheit

Wenn Gespräche emotional werden, versuchen wir manchmal besonders viel zu erklären. Wir reden länger, begründen ausführlicher und hoffen, dass unser Gegenüber uns dann besser versteht.

Oft hilft jedoch das Gegenteil: weniger erklären – klarer sprechen.

Zum Beispiel:

„Ich höre, dass Sie das anders wahrnehmen.“

„Wir müssen das heute nicht gleich beurteilen.“

„Ich möchte gern bei der konkreten Situation bleiben.“

„Ich merke, dass uns dieses Thema gerade im Kreis führt.“

„Diesen Punkt kann ich heute nicht abschliessend beantworten. Ich kläre ihn und melde mich wieder.“

Solche Sätze lösen nicht jedes Problem. Aber sie geben Halt. Und manchmal ist genau das nötig.

Freundlich sein heisst nicht, alles mitzumachen

Gute Elternarbeit bedeutet nicht permanente Erreichbarkeit. Und sie bedeutet auch nicht, jedem Wunsch entsprechen zu müssen.

Wir dürfen ein Gespräch zeitlich begrenzen.

Wir dürfen sagen, dass wir etwas zuerst abklären möchten.

Wir dürfen eine Diskussion vertagen, wenn sie sich im Kreis dreht.

Wir dürfen bei persönlichen Angriffen eine Grenze setzen.

Und wir dürfen bei unserer professionellen Einschätzung bleiben, auch wenn Eltern diese nicht teilen.

Freundlichkeit und Klarheit sind keine Gegensätze.

Wir können Verständnis zeigen und Grenzen setzen.

Wir können Eltern ernst nehmen und anderer Meinung sein.

Wir können sagen:

„Ich sehe, dass wir diesen Punkt unterschiedlich beurteilen.“ - Und trotzdem weiter zusammenarbeiten.

Vorbereitung nimmt Druck heraus

Schwierige Elterngespräche lassen sich nicht vollständig planen. Aber wir können uns vorbereiten. Vor einem Gespräch helfen Fragen wie:

Was ist mein eigentliches Ziel?

Welche zwei oder drei Beobachtungen möchte ich unbedingt ansprechen?

Was sind Fakten – und was ist meine Interpretation?

Wo kann ich entgegenkommen?

Wo muss ich klar bleiben?

Was könnte bei diesem Thema für die Eltern schwierig sein?

Welchen nächsten Schritt möchte ich am Ende vereinbart haben?

Und manchmal lohnt es sich sogar, einen oder zwei Sätze vorher im Kopf zu haben, von denen man weiss: Wenn es schwierig wird, kann ich darauf zurückgreifen.

Nach dem Gespräch: Wer macht jetzt eigentlich was?

Ein Gespräch kann intensiv, offen und wertschätzend gewesen sein – und trotzdem wenig verändern, wenn am Ende niemand genau weiss, wie es weitergeht. Deshalb lohnt sich zum Abschluss die ganz praktische Klärung:

Was machen wir jetzt konkret?

Wer übernimmt welchen Schritt?

Bis wann?

Wann schauen wir gemeinsam wieder darauf?

Gerade nach schwierigen Gesprächen geben solche Vereinbarungen beiden Seiten Sicherheit. Und sie machen aus einem Gespräch tatsächlich Zusammenarbeit.

Gute Elternarbeit bedeutet nicht, es allen recht zu machen

Vielleicht ist das einer der wichtigsten Gedanken.

Eine gute Zusammenarbeit mit Eltern bedeutet nicht, Kritik vermeiden zu müssen oder unangenehme Themen möglichst vorsichtig zu umschiffen. Sie bedeutet auch nicht, dass Eltern und Schule am Ende dieselbe Sichtweise haben müssen. Gute Elternarbeit bedeutet für mich vielmehr:

einander ernst nehmen, klar miteinander sprechen, unterschiedliche Perspektiven aushalten und trotzdem das gemeinsame Ziel nicht aus den Augen verlieren.

Das Kind.

Vielleicht ist genau das die Kunst guter Elternarbeit:

Nicht immer einer Meinung zu sein – und trotzdem miteinander weiterzugehen.

Wenn du dir für Elternarbeit etwas mehr Sicherheit wünschst …

Rund um dieses Thema sind inzwischen verschiedene Klara-Stark-Materialien entstanden. Nicht, weil es für jedes Gespräch den perfekten Satz gibt. Sondern weil ein klarer Ablauf, eine gute Vorbereitung und ein paar Formulierungen, auf die man im richtigen Moment zurückgreifen kann, enorm entlasten können. Von der Vorbereitung eines Elternabends über schwierige Gesprächssituationen bis hin zu konkreten Rettungssätzen findest du unterschiedliche Materialien rund um Elternarbeit & Kommunikation.

Vielleicht brauchst du nicht alles.

Vielleicht aber genau die eine Checkliste, die dir vor dem nächsten Elternabend Sicherheit gibt. Oder den einen Satz, bei dem du im schwierigen Gespräch denkst:

„Ja. Genau so kann ich es sagen.“

♡
Klara Stark

Praxisnah. Klar. Direkt aus dem Schulalltag.

Tags: elternarbeit, elternkommunikation, elterngesprache , schwierige laute, kommunikation

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