Impulse für die Unterrichtspraxis:
Ein Drittklässler sitzt mit einemErstklässler zusammen. Beide haben ein Buch ausgewählt. Zunächst betrachtet derErstklässler die Bilder und erzählt, was er entdeckt. Dann liest das ältereKind einen Abschnitt vor. Bei einfachen Wörtern oder wiederkehrenden Sätzenliest der Erstklässler mit. Am Ende sprechen beide darüber, wie die Geschichteweitergehen könnte.So kann eine Lesepatenschaft aussehen: Ein leserfahrener Menschbegleitet ein Kind regelmäßig beim Entdecken von Geschichten und beim eigenenLesen. Lesepaten können ältere Schülerinnen und Schüler sein, gleichaltrigeKinder oder Erwachsene – etwa Ehrenamtliche, Eltern oder Großeltern.
Was leisten Lesepatenschaften?
Die besondere Stärke der Methodeliegt in der persönlichen Beziehung. Ein Kind hat jemanden, der sich Zeitnimmt, zuhört und sich mit ihm über Bücher austauscht. Das kann Neugier wecken,Sicherheit geben und positive Leseerfahrungen ermöglichen.
Fachdidaktisch gehörenLesepatenschaften vor allem zur Leseanimation und Lesemotivation. Siesind jedoch kein festgelegtes Leseverfahren. Je nachdem, wie die Treffengestaltet werden, können sie weitere Bereiche der Leseförderung unterstützen:Liest das Kind regelmäßig selbst, gewinnt es Lesezeit. Lesen beide wiederholtgemeinsam laut, lässt sich gezielt an der Leseflüssigkeit arbeiten. WerdenFiguren, Ereignisse und Vermutungen besprochen, rückt das Textverstehen in denVordergrund.
Wer liest mit wem?
Lesepatenschaften lassen sich andie Klassenstruktur der Schule anpassen. Die Beteiligten müssen nicht immerunterschiedlich alt sein. Wichtig ist, dass sie gern miteinander lesen undbeide ihre Rolle verstehen.
Klasse 3 und Klasse 1: Drittklässler lesen Erstklässlern vor und beziehensie durch Bilder, Fragen und kurze Textstellen ein. Sobald die jüngeren Kindererste Wörter lesen können, übernehmen sie kleine Leseanteile.
Klasse 4 und Klasse 2: Zweitklässler können häufig schon kurze Abschnitteselbst lesen. Die Viertklässler hören zu, helfen bei schwierigen Stellen undsprechen mit ihnen über die Geschichte.
Parallelklassen derselbenJahrgangsstufe: GleichaltrigeKinder können sich ebenfalls als Lesepaten begleiten. Sie lesen abwechselndvor, empfehlen einander Bücher oder sprechen über ihre Lektüre. Bei derPaarbildung können neben den Lesefähigkeiten auch gemeinsame Interessenberücksichtigt werden.
Jahrgangsgemischte Lerngruppen: Hier bieten sich feste Lesepaare an. Die Rollendürfen wechseln: Ein jüngeres Kind kann beispielsweise ein vertrautesBilderbuch vorstellen, während das ältere Kind einen neuen Text vorliest.
Ältere Schülerinnen und Schüler: Auch Kinder aus höheren Klassen oder weiterführendenSchulen können Grundschulkinder begleiten. Eine kurze Einführung hilft ihnen,geduldig zuzuhören, passende Fragen zu stellen und beim Lesen so viel Hilfe wienötig zu geben.
Die Paare sollten über mehrereTreffen zusammenbleiben, damit Vertrauen entstehen kann. Gleichzeitig lohnt essich, die Zusammensetzung gelegentlich zu überprüfen: Fühlen sich beide wohl?Kommen beide zum Lesen und Sprechen? Macht ihnen die gemeinsame Zeit Freude?
Wie läuft eine Lesepatenstunde ab?
Ein wiederkehrender Ablauf gibt denKindern Orientierung, ohne das Lesen zu einer Prüfung zu machen. Für einTreffen von etwa 15 bis 20 Minuten genügen drei Schritte:
Ein Buch auswählen: Beide betrachten Bücher und entscheiden gemeinsam, was sie lesen möchten.
Gemeinsam lesen: Die Lesepatin oder der Lesepate liest vor, beide lesen abwechselnd oder das begleitete Kind liest selbst. Die Gestaltung richtet sich nach seinem Lesestand.
Über das Gelesene sprechen: Was war spannend? Welche Figur mochtest du? Wie könnte die Geschichte weitergehen?
Gerade zu Beginn der ersten Klassemuss ein Kind noch keine längeren Texte selbst lesen. Es kann Bilderbeschreiben, Wörter wiedererkennen, Reime ergänzen oder einen wiederkehrendenSatz mitsprechen. Mit wachsender Lesefähigkeit übernimmt es nach und nach mehrText.
Kinder auf ihre Rolle als Lesepaten vorbereiten
Vor dem ersten Treffen können dieKinder diese Situationen in kurzen Rollenspielen üben. So erleben siebeispielsweise, wie sich eine hilfreiche Rückmeldung anhört und warum es besserist, einem lesenden Kind einen Moment zum Nachdenken zu lassen, statt jedesWort sofort vorzusagen.
Erwachsene als Lesepaten
Erwachsene können ein Kindbesonders kontinuierlich und individuell begleiten. Sie können vorlesen, sichvorlesen lassen, gemeinsam Bilder betrachten und Gespräche über den Textanregen. Eine solche Patenschaft kann Kindern helfen, die bislang wenig Zugangzu Büchern hatten oder beim Lesen noch unsicher sind.
Eine gute Lesepatin oder ein guterLesepate passt die Unterstützung an den aktuellen Lernstand an: mal vorlesenund Interesse wecken, mal gemeinsam lesen, mal geduldig zuhören, während dasKind selbst liest. Eine konkrete Rückmeldung wie „Du hast das schwierige Wortnoch einmal angeschaut und selbst herausgefunden“ macht Fortschritte sichtbar.
Für die Zusammenarbeit mit derSchule sind Absprachen sinnvoll: Welche Bücher passen zum Kind? Soll vor allemdie Freude an Geschichten gestärkt werden, oder soll es auch gezielt laut lesenüben? So ergänzen die Treffen die schulische Leseförderung.
Worauf es ankommt
Lesepatenschaften gelingenbesonders gut, wenn sie regelmäßig, zugewandt und passend zum Lesestand desKindes gestaltet werden. Das Kind sollte bei der Buchauswahl mitentscheidendürfen. Gespräche über Bilder, Figuren und eigene Erfahrungen gehören ebensodazu wie das Lesen selbst.
Steht die Förderung derLeseflüssigkeit im Mittelpunkt, braucht es darüber hinaus eine bewusst geplanteÜbung, beispielsweise das wiederholte Lautlesen eines kurzen Textes mit klarenRollen und unterstützender Rückmeldung.
Lesepaten eröffnen Kindern einen persönlichen Zugang zum Lesen. Aus gemeinsamer Zeit mit einem Buch kann die Erfahrung wachsen: Lesen ist etwas, das ich kann, über das ich sprechen möchte und das mir Freude macht.

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