
Naturbeobachtung gehört für viele Kinder zu den schönsten Momenten draußen. Ein Igel läuft am Abend durch den Garten, auf einer Wiese tauchen plötzlich Maulwurfshügel auf oder auf dem Weg zur Schule wird eine Spur entdeckt. Meist bleibt es bei diesem einen Moment: Wir schauen hin, freuen uns über die Begegnung und gehen weiter.
Dabei kann genau diese Beobachtung Teil von etwas Größerem werden.
Bei Citizen Science, also Bürgerwissenschaft, beteiligen sich Menschen an echter Forschung. Sie beobachten, zählen, dokumentieren oder melden Funde und stellen ihre Daten wissenschaftlichen Projekten zur Verfügung. Für Kinder ist das eine besondere Erfahrung: Sie bearbeiten keine Aufgabe, deren Ergebnis die Lehrkraft bereits kennt. Ihre Beobachtung kann tatsächlich zu einer Datensammlung beitragen, die Forschende für ihre Arbeit benötigen.
Genau dafür gibt es bei Bella Wildherz jetzt den neuen Bereich Mitforschen. Dort sammle ich ausgewählte Citizen-Science-Projekte für Kinder, Familien, Schulen, Horte und Outdoorgruppen. Neben zeitlich begrenzten Aktionen gibt es auch Projekte, bei denen unabhängig von einem bestimmten Termin mitgeforscht werden kann. Wichtig ist mir dabei, dass der wissenschaftliche Zweck erkennbar ist, die Teilnahme auch für Nicht-Fachleute verständlich bleibt und Tiere durch die Beobachtung möglichst nicht gestört werden.
Zum neuen Mitforschen-Bereich:
https://bellawildherz.de/Mitforschen
Ein besonders schöner Einstieg bietet sich gerade jetzt an. Vom 18. bis 28. September 2026 läuft die bundesweite Aktion Deutschland sucht Igel und Maulwurf. Gesucht werden Beobachtungen von Igeln sowie von Maulwürfen und Maulwurfshügeln. Die Funde können über NABU|naturgucker gemeldet werden.
Hinter der Aktion stehen unter anderem die Deutsche Wildtier Stiftung, NABU|naturgucker, das Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung, die Deutsche Gartenbau-Gesellschaft, der NABU und der LBV. Das Projekt ist langfristig angelegt: Seit 2023 werden Daten gesammelt, seit 2024 findet das Monitoring zweimal jährlich statt. Ziel ist es, über viele Jahre bessere Informationen über Verbreitung und Vorkommen von Igel und Maulwurf in Deutschland zu gewinnen. Auf dieser Grundlage sollen Veränderungen sichtbar und Schutzmaßnahmen besser geplant werden können.
Gerade das macht die Aktion für pädagogische Arbeit interessant. Es geht nicht darum, möglichst viele Igel zu finden. Es geht darum, genau hinzusehen und ehrlich zu dokumentieren, was tatsächlich beobachtet wurde.
Im Unterricht bekommen Kinder häufig Aufgaben, bei denen Erwachsene das Ergebnis bereits kennen. Wie viele Beine hat ein Insekt? Welche Tiere halten Winterschlaf? Wie unterscheidet sich ein Säugetier von einem Vogel?
Das ist wichtiges Lernen. Citizen Science ergänzt es aber um etwas anderes.
Wenn eine Gruppe einen Maulwurfshügel entdeckt und die Beobachtung meldet, weiß vorher niemand, ob genau dort ein Maulwurf erfasst werden wird. Wenn ein Kind am Abend einen Igel im Garten beobachtet, entsteht eine neue Information. Zusammen mit Tausenden anderen Beobachtungen kann daraus langfristig ein Bild darüber entstehen, wo eine Art vorkommt und wie sich ihre Verbreitung verändert.
Kinder erleben dadurch einen wichtigen Teil naturwissenschaftlichen Arbeitens: Wissen beginnt mit Beobachtung.
Und manchmal gehört auch dazu, nichts zu finden.
Eine Exkursion ohne Igel ist deshalb nicht misslungen. Wissenschaft bedeutet nicht, das gewünschte Tier unbedingt aufzuspüren. Es bedeutet, aufmerksam zu beobachten und nur das festzuhalten, was tatsächlich da war.
Für eine Klasse oder Outdoorgruppe braucht es daraus kein großes mehrwöchiges Projekt zu werden. Schon wenige Schritte reichen aus.
Zu Beginn kann die Gruppe gemeinsam klären, woran Igel, Maulwurf und Maulwurfshügel erkannt werden und warum Forschende überhaupt Beobachtungen aus vielen verschiedenen Orten benötigen. Danach wird nicht einfach losgezogen, um möglichst viele Tiere zu finden. Gemeinsam können geeignete Beobachtungsorte überlegt werden: Gärten, Grünflächen, Parks, Wiesen oder Wege im Wohnumfeld.
Beim Maulwurf ist die Suche besonders niedrigschwellig, weil nicht das Tier selbst entdeckt werden muss. Seine Hügel können auch tagsüber Hinweise auf sein Vorkommen geben. Beim dämmerungs- und nachtaktiven Igel bietet sich eher an, Beobachtungen aus den Familien zusammenzutragen oder eine passende Outdoorgruppe einzubeziehen. Kinder müssen dafür nicht nachts auf Igelsuche geschickt werden.
Anschließend können die Beobachtungen verglichen werden: Wo wurde etwas gefunden? Wo nicht? Welche Lebensräume lagen dort? Welche Angaben benötigt das Meldeprojekt? Und warum ist ein Fundort für Forschende überhaupt interessant?
Am Ende steht nicht ein Arbeitsblatt, das abgegeben wird, sondern – wenn tatsächlich etwas beobachtet wurde – eine Meldung an ein reales Forschungsprojekt.
Gerade dieser Punkt lässt sich mit Kindern sehr gut besprechen. Naturbeobachtung ist kein Sammelwettbewerb. Niemand sollte einen Igel aufscheuchen, einen Maulwurf suchen oder ein Tier für ein Foto bedrängen.
Auf Bellas Mitforschen-Seite gilt deshalb als Grundsatz: Tiere werden möglichst nur beobachtet und nicht gestört. Für Gruppen ist es sinnvoll, Aufgaben zu verteilen. Ein Kind kann den Ort beschreiben, ein anderes die Beobachtung notieren, jemand kann auf die Uhrzeit achten und anschließend kann gemeinsam geprüft werden, welche Angaben für eine Meldung gebraucht werden.
Dadurch wird aus Wir haben einen Igel gesehen Schritt für Schritt eine dokumentierte Naturbeobachtung.
Und genau darin liegt für mich der pädagogische Wert von Citizen Science.
Zur Bestandsentwicklung des Igels gibt es in Deutschland bislang nur begrenzte verlässliche Langzeitdaten. Genau deshalb wurde das deutschlandweite Monitoring aufgebaut. Seit Beginn der Aktion wurden bereits mehr als 10.000 Igel gemeldet. Die wiederkehrenden Frühjahrs- und Herbstaktionen sollen langfristig Daten liefern, anhand derer Veränderungen besser beurteilt werden können.
Für Kinder lässt sich daraus eine große Frage ganz konkret machen:
Wie können Forschende wissen, ob es in Deutschland mehr oder weniger Igel gibt, wenn niemand aufschreibt, wo sie gesehen werden?
Plötzlich bekommt die einzelne Beobachtung einen Zusammenhang. Ein Kind liefert nicht die Antwort auf die große Forschungsfrage. Aber seine Beobachtung kann ein winziger Teil der Datengrundlage sein, aus der über viele Jahre überhaupt erst Antworten entstehen.
Die Igelzählung ist ein schöner aktueller Anlass, aber sie soll bei Bella Wildherz nicht die einzige Möglichkeit zum Mitforschen bleiben. Im neuen Bereich Mitforschen finden sich deshalb sowohl Termine und Saisonfenster als auch Projekte, bei denen ganzjährig oder über längere Zeiträume beobachtet werden kann. Die Forschung stammt jeweils von den beteiligten Fachorganisationen; Bella hilft dabei, geeignete Projekte zu finden und schnell zu verstehen, worum es geht, wann eine Teilnahme möglich ist und weshalb die Beobachtungen gebraucht werden.
Für Schule, Hort und Naturgruppe kann daraus etwas sehr Einfaches entstehen: Nicht für jedes Thema muss erst ein künstlicher Forschungsauftrag erfunden werden. Manchmal gibt es draußen bereits eine echte Frage, an der Kinder mitarbeiten können.
Und vielleicht beginnt Wissenschaft dann mit etwas so Unspektakulärem wie einem kleinen Erdhügel auf der Wiese.
Oder mit einem Igel, der am Abend durch einen Garten läuft.
Mitforschen bei Bella Wildherz:
https://bellawildherz.de/Mitforschen
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