
„Ich dachte, du machst das.“
Ein Satz, der wahrscheinlich in erstaunlich vielen Schulhäusern schon gefallen ist. Vielleicht ging es um eine Elterninformation.
Um Material für die nächste Lektion. Um ein Kind, bei dem eigentlich jemand nachfragen wollte. Oder um eine Entscheidung, von der eine Person dachte, sie sei längst gemeinsam abgesprochen. Dabei wollen meistens alle dasselbe: gute Schule für die Kinder.
Und trotzdem kann Zusammenarbeit manchmal ganz schön anstrengend sein. Denn eine gemeinsame Klasse, ein gemeinsamer Stundenplan oder zwei Lehrpersonen im selben Zimmer machen noch kein Team. Gute Zusammenarbeit braucht etwas mehr.
Die Zeiten, in denen eine Lehrperson ihre Klassenzimmertür schloss und den Schulalltag weitgehend allein gestaltete, sind vielerorts vorbei. Rund um eine Klasse arbeiten heute unterschiedliche Personen:
Klassenlehrpersonen, Fachlehrpersonen, schulische Heilpädagog:innen, Teamteaching-Partner:innen, Jobsharing-Partner:innen und weitere Fachpersonen.
Das ist eine grosse Chance.
Unterschiedliche Erfahrungen, Blickwinkel und Kompetenzen kommen zusammen. Kinder können differenzierter begleitet werden. Verantwortung verteilt sich auf mehrere Schultern. Aber mit jeder zusätzlichen Person entstehen auch neue Schnittstellen.
Wer informiert wen?
Wer entscheidet?
Wer übernimmt welche Aufgabe?
Was besprechen wir gemeinsam?
Und was darf jede Person selbst entscheiden?
Genau an diesen scheinbar kleinen Fragen beginnt gute Zusammenarbeit.
Viele Schwierigkeiten im Team entstehen gar nicht durch grundsätzliche Konflikte. Sie entstehen durch unterschiedliche Erwartungen. Die eine Lehrperson denkt: „Natürlich informiert die KLP die Eltern.“
Die andere:
„Ich dachte, das machst du, weil es deine Lektion betrifft.“
Oder:
„Ich ging davon aus, dass wir das gemeinsam entscheiden.“ Während die Kollegin längst entschieden hat – ohne böse Absicht. Deshalb gehört für mich eine Frage ganz weit nach oben auf die Teamagenda:
Nicht jede Kleinigkeit muss geregelt werden. Aber die Bereiche, bei denen unterschiedliche Erwartungen später Ärger verursachen könnten, sollten geklärt sein. Zum Beispiel:
Wer plant welche Unterrichtsteile?
Wer bereitet Material vor?
Wer informiert über wichtige Vorkommnisse?
Wer behält Förderziele und besondere Abmachungen im Blick?
Wer kommuniziert mit Eltern?
Welche Entscheidungen treffen wir gemeinsam?
Wie halten wir einander auf dem Laufenden?
Das klingt wenig spektakulär. Ist es auch. Aber manchmal verhindern zehn Minuten Klarheit ziemlich viel späteren Ärger.
Einer der häufigsten Sätze in Teams dürfte sein:
„Das wusste ich gar nicht.“
Gerade Fachlehrpersonen erleben manchmal, dass Informationen hauptsächlich innerhalb des Klassenteams zirkulieren. Gleichzeitig kann eine KLP unmöglich jede Information mehrfach an jede beteiligte Person weitergeben.
Deshalb hilft nicht die Frage:
„Wer hätte mich informieren müssen?“
Sondern:
Vielleicht über ein gemeinsames digitales Gefäss.
Vielleicht über einen kurzen wöchentlichen Austausch.
Vielleicht über eine klare Vereinbarung, welche Informationen tatsächlich für alle relevant sind.
Entscheidend ist weniger das perfekte System.
Entscheidend ist, dass es eines gibt.
Zwei Lehrpersonen stehen im Klassenzimmer. Eine unterrichtet. Die andere geht herum, beantwortet Fragen, verteilt Blätter und hilft Kindern, die nicht weiterkommen. Kann sinnvoll sein. Wenn es aber immer so aussieht, lohnt sich eine Frage:
Die zweite Lehrperson kann viel mehr sein als eine zusätzliche helfende Hand. Je nach Unterrichtsziel können zwei Lehrpersonen beispielsweise beobachten, parallel unterrichten, unterschiedliche Gruppen übernehmen, Lernprozesse gemeinsam begleiten oder den Unterricht tatsächlich gemeinsam führen. Nicht jede Form passt zu jeder Lektion. Die interessantere Frage lautet deshalb nicht:
„Wie machen wir normalerweise Teamteaching?“
Sondern:
„Was sollen die Kinder heute lernen – und welche Form der Zusammenarbeit unterstützt dieses Ziel am besten?“
Plötzlich wird aus „Wer hilft heute wem?“ eine gemeinsame Unterrichtsentscheidung.
Gerade in der Zusammenarbeit von Klassenlehrperson und schulischer Heilpädagogik kann sich unbemerkt eine Aufteilung einschleichen:
Meine Klasse. Deine Förderkinder.
Die KLP unterrichtet. Die SHP kümmert sich um „ihre“ Kinder. Dabei liegt gerade in der Verbindung beider Perspektiven eine grosse Stärke. Die SHP bringt heilpädagogische Expertise zu Lernprozessen, Förderung, Barrieren und Teilhabe ein. Die KLP kennt Klasse, Unterricht und Gruppendynamik aus einer anderen Perspektive. Beides gehört zusammen. Deshalb mag ich einen kleinen sprachlichen Wechsel:
Nicht:
„Was machst du mit diesem Kind?“
Sondern:
Aus meinen und deinen Kindern werden unsere Kinder. Das verändert mehr, als man zunächst denkt.
Auch Fachlehrpersonen erleben Kinder regelmässig und oft in ganz anderen Situationen als die Klassenlehrperson.
Sport, Gestalten, Musik, Fremdsprachen oder andere Fachbereiche können Seiten eines Kindes sichtbar machen, die im Klassenunterricht kaum auffallen.
Diese Beobachtungen sind wertvoll. Gleichzeitig brauchen Fachlehrpersonen relevante Informationen, wenn besondere Situationen, Vereinbarungen oder Unterstützungsbedarfe bestehen. Gute Zusammenarbeit bedeutet deshalb nicht, dass alle alles wissen müssen.
Sondern:
Die richtigen Personen wissen das, was sie für ihre Arbeit brauchen.
Es wird passieren. Jemand hält eine Absprache nicht ein. Eine Person fühlt sich übergangen. Die Arbeit scheint unfair verteilt. Zwei Lehrpersonen haben unterschiedliche pädagogische Vorstellungen.
Oder jemand merkt:
„Eigentlich ärgert mich das schon länger.“
Dann gibt es eine ziemlich verführerische Lösung: Nichts sagen. Ein bisschen ärgern. Noch ein bisschen ärgern. Vielleicht mit einer dritten Person darüber sprechen.
Und irgendwann geht es gar nicht mehr um die ursprüngliche Situation, sondern um die Kollegin oder den Kollegen als Person.
Deshalb:
Der Einstieg entscheidet häufig darüber, wie ein schwieriges Gespräch weitergeht.
„Du informierst mich nie!“ führt ziemlich zuverlässig zu:
„Das stimmt doch überhaupt nicht!“
Und schon diskutieren zwei Menschen darüber, wer recht hat.
Anders klingt:
„Mir fehlen manchmal Informationen, die ich für meine Arbeit brauche. Können wir vereinbaren, wie wir uns künftig informieren?“
Das Problem ist dasselbe. Der Gesprächseinstieg nicht. Ein hilfreiches kleines Muster ist:
Beobachten → Wirkung beschreiben → sagen, was mir wichtig ist → konkrete Vereinbarung suchen.
Nicht:
„Du entscheidest sowieso immer alles allein.“
Sondern:
„Bei dieser Entscheidung hätte ich gern vorher mitgesprochen. Können wir klären, welche Dinge wir künftig gemeinsam entscheiden?“
Klar sein und wertschätzend sein sind keine Gegensätze.
Vielleicht ist das sogar einer der wichtigsten Punkte. Gute Zusammenarbeit bedeutet nicht, dass alle gleich denken. Nicht alle unterrichten gleich. Nicht alle setzen dieselben Schwerpunkte. Und nicht jede pädagogische Frage muss mit vollständigem Konsens enden. Ein gutes Team kann Unterschiede aushalten. Es weiss aber auch:
Wo brauchen wir eine gemeinsame Linie – und wo dürfen wir verschieden sein?
Gerade gegenüber Kindern und Eltern gibt es Bereiche, in denen Klarheit wichtig ist. In anderen Bereichen können unterschiedliche Stärken und Arbeitsweisen eine Bereicherung sein.
Ziel ist nicht Gleichheit.
Ziel ist Verlässlichkeit trotz Unterschiedlichkeit.
Wenn ihr eure Zusammenarbeit nicht gleich grundsätzlich analysieren möchtet, probiert beim nächsten Austausch einfach fünf Fragen:
1. Was steht diese Woche an?
2. Wer übernimmt was?
3. Welche Kinder haben wir besonders im Blick?
4. Wo brauchen wir eine gemeinsame Linie?
5. Gibt es etwas, das wir kurz klären sollten?
Mehr nicht.
Zehn Minuten reichen oft. Und vielleicht verhindert genau dieser kurze Austausch irgendwann den berühmten Satz:
„Ich dachte, du machst das.“ 😉
Zum Mitnehmen ♡
Gute Zusammenarbeit entsteht nicht zufällig.
Sie entsteht, wenn Menschen bereit sind,
zu klären statt vorauszusetzen,
zu fragen statt zu vermuten,
Aufgaben zu verteilen statt still zu übernehmen,
Rollen auch einmal zu wechseln,
Irritationen anzusprechen statt zu sammeln
und zuzuhören, bevor sie sich verteidigen.
Wir müssen nicht gleich denken, gleich arbeiten oder immer einer Meinung sein. Aber wir können lernen, gut miteinander Verantwortung zu tragen. Und am Ende profitieren davon nicht nur wir Erwachsenen. Sondern vor allem die Kinder. ♡
Wenn du die Zusammenarbeit in deinem Team nicht nur besprechen, sondern konkret angehen möchtest, habe ich daraus einen neuen Praxisbegleiter gemacht:
„Ich dachte, du machst das.“ – Klare Absprachen & gute Zusammenarbeit im Schulteam
Darin findest du unter anderem den 10-Minuten-Teamcheck, 8 Formen des Teamteachings, Impulse für die Zusammenarbeit von KLP und SHP, Reflexionshilfen sowie konkrete Formulierungen für schwierige Gespräche im Team.
Für Teamteaching · Jobsharing · KLP/SHP · Fachlehrpersonen
Klara Stark ♡
Chaos, Kaffee & Klassenzimmer
Wenn du den Blog-Artikel magst dann klicke auf das Herz. Das hilft uns zu verstehen, welche Artikel besonders lesenswert sind.