
Lesen bedeutet weit mehr, als Wörter zu entschlüsseln und Informationen aus einem Text zu entnehmen. Wer literarische Texte liest, begegnet anderen Menschen, Gedanken, Erfahrungen und Lebenswelten.
Und genau darin liegt eine besondere Kraft von Literatur:
Geschichten ermöglichen uns, die Welt für eine Weile mit den Augen eines anderen Menschen zu betrachten.
Kaspar H. Spinner beschreibt in seinen elf Aspekten literarischen Lernens unter anderem die Auseinandersetzung mit den Perspektiven literarischer Figuren. Beim Lesen fragen wir nicht nur: Was tut eine Figur? Sondern auch:
Warum handelt sie so? Was denkt und fühlt sie? Wie erlebt sie die Situation?
Kinder lernen dabei, die eigene Sichtweise für einen Moment zu verlassen und sich auf eine andere Perspektive einzulassen. Das bedeutet nicht, jedes Verhalten gutzuheißen. Empathie heißt zunächst, nachvollziehen zu können, warum ein anderer Mensch möglicherweise so denkt, fühlt oder handelt.
Geschichten schaffen dafür einen besonderen Schutzraum. Kinder können Situationen gedanklich durchspielen:
Was hätte ich getan? Warum hat die Figur geschwiegen? Wie hätte sich die andere Person gefühlt? Was wäre passiert, wenn jemand anders gehandelt hätte?
Literatur ermöglicht damit eine Form des fiktiven Probehandelns. Kinder können Erfahrungen nachvollziehen, die sie selbst vielleicht nie gemacht haben: Ausgrenzung, Verlust, Angst, Mut, Freundschaft, Schuld oder Versöhnung.
Sie können feststellen:
Ich hätte vielleicht anders gehandelt. Aber ich kann verstehen, warum diese Figur so handelt.
Genau darin liegt für mich ein großes Potenzial literarischen Lesens.
Empathie entsteht allerdings nicht automatisch, nur weil Kinder Bücher lesen. Entscheidend ist auch, wie wir über Literatur sprechen.
Neben Fragen zum Textverständnis brauchen wir deshalb Fragen wie:
Wie fühlt sich die Figur?
Warum könnte sie so gehandelt haben?
Verstehst du ihre Entscheidung?
Hat sich deine Meinung über die Figur verändert?
Wie hätte eine andere Figur die Situation erlebt?
Was hättest du getan?
So wird Literaturunterricht zu einem Raum, in dem unterschiedliche Perspektiven wahrgenommen, begründet und diskutiert werden können.
Hier lässt sich eine Verbindung zu Immanuel Kant herstellen. Schon Immanuel Kant formulierte mit dem kategorischen Imperativ die Frage nach der Verallgemeinerbarkeit unseres Handelns: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Für Kinder lässt sich dieser anspruchsvolle Gedanke auf eine erstaunlich einfache Frage herunterbrechen: Was wäre, wenn alle so handeln würden? Was wäre, wenn jeder wegschaut? Wenn niemand hilft? Wenn jeder nur an sich denkt?
Literatur bietet unzählige Situationen, in denen Kinder genau darüber nachdenken können. Dabei lernen sie, zwei Dinge miteinander zu verbinden: das Handeln eines anderen Menschen zu verstehen und es zugleich zu beurteilen.
Wenn wir Kinder für Bücher begeistern, fördern wir deshalb nicht nur Leseflüssigkeit, Wortschatz und Textverständnis.
Wir geben ihnen die Möglichkeit, für einige Seiten die Perspektive eines anderen Menschen einzunehmen, Entscheidungen gedanklich zu erproben und über menschliches Handeln nachzudenken.
Lesen erweitert nicht nur unseren Wortschatz. Es erweitert im besten Fall auch unseren Blick auf andere Menschen.
Vielleicht brauchen Kinder deshalb nicht nur mehr Zeit zum Lesen, sondern auch mehr Zeit, über Figuren zu sprechen.
Denn Empathie beginnt möglicherweise mit einer ganz einfachen Frage:
Wie sieht die Welt aus, wenn ich sie für einen Moment mit deinen Augen betrachte?
Liebe Grüße
Madame Plume
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