Über das Wandern im Lehrerleben

Ich schaue auf die gelbgrüne Plane meines Zeltes, bevor mein Blick durch einen schmalen Spalt über die magisch anmutende Landschaft der schottischen Highlands schweift. Während der Nieselregen für ein beständiges leichtes Rauschen sorgt, schlafe ich ein. Müde von den zwölf Kilometern, die hinter mir liegen. Müde von den 20 Kilo auf meinem Rücken, die ich seit Tagen verfluche. 

Es muss beim nächsten Mal leichter gehen! 

Einen ähnlichen Gedanken habe ich jedes Jahr, wenn das Schuljahr neu begann. Dieses Mal muss es leichter gehen, aber schon steckte ich wieder im Schleuderprogramm der Bildungsmaschine.

Allerdings hat sich eine Sache im Laufe der letzten Jahre geändert, die mir meinen Berufsalltag, trotz der gegenwärtigen Krisen wie überquellender Lehrpläne, Lehrermangel, großen Klassen und einer generell schlechten Stimmung in der Welt, zumindest etwas leichter macht. Meine innere Haltung! Oder wie es im modischen Design Thinking heißen würde, ich habe ordentlich gereframed.

Schon seit längerem steht die Art des Reisens für mich metaphorisch für eine Einstellung, Bildung zu vermitteln. Bildung erscheint mit dabei immer mehr wie eine geplante Pauschalreise, die billig und schnell hinter sich gebracht werden soll und bei der sich am Ende auf jeden Fall alle wohlfühlen sollen.  

Ich wandere aber gerne. Und ehrlich, die Reisebilder, die ich meinen Freunden anschließend zeige, offenbaren oft nichts von den Mückenstichen, dem harten Boden oder schlechtem Essen.

Dennoch kann die Haltung eines Wanderers, ein passendes Bild dafür sein, wie man die Welt einem Sammelsurium pubertierender Monster näher bringen kann und ihnen hilft ein gelingendes Leben zu führen.

Nun ja, als Wanderer ist man langsam und schleppt im schlimmsten Fall einen 20 Kilo schweren Rucksack mit sich rum. Aber das Schöne an der ganzen Sache ist, dass man Zeit und Muse hat, die Wunder der Welt wahrzunehmen. Wenn man dann noch die Freiheit hat, sein Zelt an jedem erdenklichen Ort aufzuschlagen…ein Traum! Genauso ein Traum, wie jeden Schüler und jede Schülerin individuell zu fordern und fördern zu können.

Der Inhalt eines gut gepackten Rucksacks reicht aus, jedes Ziel zu erreichen und sich überall hinzubewegen. Zelt, Kocher, Schlafsack, Messer sind somit Wissen und Methodenkoffer bzw. Rucksack. Aber ich rede nicht von den Methoden wie Fishbowl-Diskussionen, Kahoot-Spielen oder  von spezifischem Fachwissen. Das sind eher die Handlungswegweiser der hippen VW-Bullie- Reisenden auf ihrem Weg Wissen in den Kinderkopf zu bringen. Menschen, die mit ihrem Camper-Van von wilden Parkplätzen aus die Natur betrachten, aber leider gebunden sind an die asphaltierten Straßen oder zumindest an Feldwege. Sie genießen die Bequemlichkeit des Vanlifes und verlassen selten ihre Komfortzone. Manchmal rasen sie wegfixiert sogar an dem ein oder anderen Naturwunder achtlos vorbei. Mein Minimalgepäck besteht aus Selbstbewusstsein, die Erfahrung von Selbstwirksamkeit und den Umgang mit Frustration, innere Motivation und Humor. Wenn ich von Methoden spreche, meine ich eher Verhaltensweisen und Haltungen, die stark mit der Lehrerpersönlichkeit verbunden sind. Wie soll man die Lust auf Bildung vermitteln, wenn man beispielsweise selbst keine Lust auf den vorgegebenen Stoff hat? Wie motiviere ich mich selbst und wie kann ich dies Schülern und Schülerinnen vermitteln?

Eine Loslösung von den inhaltlichen Vorgaben der Rahmenpläne in Schule hin zu einer reinen Fokussierung auf die Kernkompetenzen, könnte hier den Lehrkräften wieder eine Bildungsautonomie zugestehen. Man könnte mit Schülern und Schülerinnen diskutieren, welche Inhalte man mit den Kompetenzen verbinden möchte und damit auch wieder die intrinsische Motivation stärken. Das heisst nicht, dass Faust I auf Dauer aus dem Bildungskanon verschwinden würde. Vielleicht würde aber die Lust auf Literatur wieder mehr geweckt, wenn Werke nicht zur Obligatorik würden. 

Aber wollmützetragende Hipster sind mir immer noch lieber, als die Bewohner eines Vier Sterne Luxushotels, die zwar die Aussicht genießen, aber nicht bereit sind, sich auf das Gelände einzulassen. Vielleicht waren es mal mutige Wanderer, doch mittlerweile hat die Bequemlichkeit gesiegt. Gleichzeitig wird noch erwartet, dass man mit einer Planierraupe alles passend und eben macht, damit sie vom Balkon aus einfach nur das Meer sehen können. Von denen, die in diese Luxushotels fliegen, möchte ich erst gar nicht anfangen zu reden. Das Bildungsministerium ist eine Sache für sich. 

Meist stehen die Menschen auf einem Ignoranzgipfel, den sie nur ungern verlassen wollen. Natürlich wäre die Welt umso schöner bzw. verständlicher, wenn alles so wäre, wie man es selbst sieht. Aber gerade im Bildungssystem sollte man sich doch ständig gewahr sein, dass man nicht alles weiß und Lernen ein lebenslanger Prozess ist. Ähnlich wie Hattie es für den Bildungsprozess feststellt, dass die Selbsteinschätzung des eigenen Leistungsniveaus einen großen Einfluss auf den Lernerfolg hat, sollte auch das deutsche Bildungssystem realisieren, dass die Leistungsfähigkeit nachgelassen hat.   

Aber was zeichnet nun einen Wanderer aus. Ich denke, als Erstes benötigt jeder Reisende die Neugier auf die Welt. Die Lust sie sich anzuschauen und sich mit ihr auseinanderzusetzen. Man muss einfach Bock auf die Welt haben bzw. sich für Kinder interessieren. Am besten sie mögen. Und zwar jedes Kind! Auch wenn mir das selbst manchmal schwerfällt. Zum Beispiel, wenn eine achte Klasse mit 30 Kindern gerade aus dem Sportunterricht kommt. Der Geruchssinn beeinflusst doch stark die Sympathie. Aber auch wenn ich langsam auf die 50 zugehe, setzte ich mich immer noch mit der Lebenswirklichkeit von Kindern und Jugendlichen auseinander. Versuche Kind im Kopf zu bleiben und mir immer wieder vorzustellen, wie langweilig oder toll meine Lehrer früher waren. Wie sie mich begeistert haben oder warum ich ihren Unterricht nicht mochte. Diese Neugierde ist gepaart mit einer intellektuellen Demut. 

Genau dieser Demut, die ich erfahre, wenn ich in der majestätischen Landschaft Schottlands stehe, erfasst mich, wenn mich ein junger Mensch plötzlich überrascht, weil er Heureka ruft.

Und bleiben wir in Schottland, so sind Beharrlichkeit und Ausdauer für einen Wanderer unabdingbar. So kommt man auch im schwierigsten Gelände weiter. Man mag es drehen und wenden wie man will, ein Lernprozess braucht Zeit. Man braucht Zeit, sich selbst zu verstehen. Zeit, das Kind als Subjekt kennenzulernen, und umgekehrt brauchen Kinder Zeit, um zu lernen.  

Beim Wandern tauchen auch immer wieder unerwartete Situationen auf. Man muss Flüsse durchwaten, einen Unterschlupf finden oder bei Wind und Wetter Feuer machen. Man sollte offen bleiben. Sich einlassen können und Lust darauf haben, kreative Wege einzuschlagen. Offenheit und didaktische Kreativität sind unabdingbar. Bei all der Digitalisierung ist es manchmal traurig zu sehen, wie angehende Lehrkräfte hilflos ohne WLAN bzw. Internet werden. Tafel und Kreide verschwinden zwar allmählich aus den Klassenräumen und ich bin auch fasziniert von den digitalen Möglichkeiten, aber froh, dass ich genug im Leben erlebt habe, um bei Stromausfall auch einfach eine spannende lehrreiche Geschichte aus meinem Leben zu erzählen. Offen und kreativ kann ich nur bleiben, wenn ich die Welt erfahren möchte und zuhöre. In Kambodscha traf ich 2011 den australischen Lehrer Peter May, der den Tipp gegeben hatte, als ich ihn fragte, was einen guten Lehrer ausmache. „Zuhören!“ Leider merke ich aber auch immer mehr, dass der stressige Alltag gerade dieses wichtige Mittel unterdrückt.

Wenn der Alltag und das System so erdrückend wird, erfordert es umso mehr jetzt den Mut, selbst von kleinen Trampelpfaden abzuweichen und querfeldein zu laufen. Leider erlebe ich aber in der Bildungslandschaft immer häufiger, die Angst, die weißen Sneaker im Schlamm dreckig zum machen. Manche Lehrkraft sitzt lieber im polierten Bulli. Hofft darauf, dass erlernte Methoden und Fachwissen alleine ausreichen, um das Herz und den Verstand eines Kindes zu erobern. 

Vielen Lehrkräften wird immer häufiger gesagt, auf welchen Straßen sie bleiben sollen, als ihnen die Freiheit zu geben, sich auszuprobieren. Selbst zu lernen, dass man Feuer auch ohne Streichhölzer entfachen kann. Viele trauen sich nicht, die eigene Begeisterung für das Lernen vorzuleben oder verstecken sich hinter einem selbstproduziertem Lehrerhabitus. Wichtige Werte und Haltungen werden nicht vorgelebt.  

Es erfordert also mehr Mut, manchmal geradezu Zivilcourage, um sich gegen den Irrsinn einiger Beobachter der Welt und ihrer Vorstellungen, wie sie den sein solle, durchzusetzen. Die Vielzahl an Ideen über die Vorstellung, was Bildung sei, oder was guten Unterricht ausmache, verunsichert so sehr, dass gerade junge Lehrkräfte sich sklavisch am Mainstream Gedankengut festhalten und ähnlich wie meine Schüler und Schülerinnen nur Noten im Blick haben. Der eigentliche Prozess des sich Bildens geht unter der gesellschaftlichen Erwartung verloren. Ein gelungener Bildungsprozess hat aber für mich nichts mit dem reinen Erlernen von Fähigkeiten und Fertigkeiten für die Berufswelt zu tun.

Beim Wandern ist man der Natur nahe. Man kann sie erleben, aber muss sich auch auf ihre Gewalten einlassen. Ich begegne der Natur geradezu mit Respekt und auf Augenhöhe. Gleichzeitig fühle ich mich lebendig, wenn ich den Naturgewalten ausgesetzt bin. Ich mag es im Wind an Steilküsten zu stehen oder auf Bergpfaden zu balancieren. Ich mag es, meine Schüler und Schülerinnen herauszufordern und über sich hinauswachsen zu lassen. Damit meine ich nicht, ihnen immer schwerer Aufgaben zu geben, sondern ihnen die Zeit und die Möglichkeiten einzuräumen, ihren eigenen Weg selbst zu finden. Das erfordert von mir als Lehrkraft die Haltung das schulische Umfeld in dem Maße zu nutzen, dass ich nach meinen Möglichkeiten den besten Bildungsprozess anregen kann. Beispielsweise einen Minimalkonsens zwischen den Vorgaben der Lehrpläne zu finden, der es ermöglicht auch aktuelle Themen einzubinden oder auf Schülerinteressen zu reagieren. Mutig Freiräume jeglicher Art zu finden, damit zumindest einmal im Schulleben jedes Kind erfährt, was ein gelungener Bildungsprozess bewirken kann. Und bei all dem Idealismus muss man lernen, die Akzeptanz zu entwickeln, dass in übervollen Klassen und bei einer oberflächlichen Wissensvermittlung durch überquellende Lehrpläne viele Schüler und  Schülerinnen unnötig viel Zeit in Schulgebäuden verbringen. Oder wie ein ehemaliger Schüler es neulich formulierte, man sollte keine verquirlten Erwartungen folgen.    


Michael Wagener, 2023/24

Tags: erfahrungen, sachunterricht, lehrerdasein, gedankenexperiment

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