Der offene Schulanfang

Wie ein Morgenritual meine Vorstellung von Schule verändert hat

Es ist früh morgens. Wie jeden Morgen stehe ich in meinem Klassenraum und schaue aus dem Fenster. So langsam kommen die ersten Kinder auf den Schulhof.

Ich beobachte das bunte Treiben. Manchmal richte ich meinen Blick auf einzelne Kinder. In meinem Kopf die Gedanken, wie sie wohl ihren Morgen bisher verbracht haben. Wie sie sich fühlen. Mit welchen Erwartungen sie in die Schule kommen.

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Wenn es klingelt, begrüße ich meine Schüler schon im Flur. Es ist ein erster Moment des Austausches. Manche Schüler schenken mir eine Umarmung oder winken mir freudig zu.

“Schau mal, Frau Karcher, ich habe neue Schuhe.”

“Können wir heute das Plakat weitermachen?”

“Hast du gestern auch den Regenbogen gesehen?”

Unterhaltungen unterschiedlichster Art entstehen. Wer an der Garderobe fertig ist, geht in den Klassenraum.

Im Klassenraum spielt sich nun folgendes Bild ab: Zwei Mädchen machen Gymnastik-Übungen, die sie gestern gelernt haben und einige Kinder schauen zu. Eine Gruppe Kinder versammelt sich um die Harry Potter Zeichnungen eines Mitschülers. Einige Kinder sitzen an ihren Plätzen. Sie frühstücken oder beenden Aufgaben vom Vortag. Manche schreiben im Schreibschrift-Heft oder machen Spiele aus der Mathe-Ecke. Ein Junge malt an seinem Kunstbild weiter und einige Kinder sitzen oder liegen eingekuschelt in der Leseecke.

Und was mache ich? Das ist genauso individuell wie bei den Kindern. An manchen Morgen frühstücke ich meine Haferflocken, trinke Tee und unterhalte mich. Manchmal bereite ich den Klassenraum auf den Schultag vor, mache ein Tafelbild oder hänge einen Wortspeicher auf. Wenn es sich anbietet, arbeite ich Aufgaben mit einem Kind nach, das den Tag zuvor gefehlt hat oder etwas noch nicht verstanden hat. Oder ich bin einfach da und beobachte.

Niemand ist bereit, wenn es klingelt.

Natürlich habe ich es im Referendariat anders gelernt. Es klingelt. Sitzen, Arbeitsmaterial raus und los geht’s. Damals rümpften die Seminarleiter sogar die Nase, wenn das länger als fünf Minuten dauerte. Die Kinder müssen funktionieren und dafür habe ich als Lehrerin zu sorgen.

Wenn es nicht klappt, bin ich nicht gut genug oder die Kinder sind nicht gut genug.

Für mich fühlte sich die erste Stunde aber schon immer an wie Fake. Denn tatsächlich ist niemand “bereit”. Jeder ist noch in seiner eigenen Welt. In der Welt, in der wir leben, die uns ausmacht und die wir mit dem Schließen der Klassentür nicht einfach wegsperren können.

Mir ist daher wichtig, dass ich zunächst mit den Kindern in Kontakt trete und ihnen die Möglichkeit gebe, untereinander in Kontakt zu treten. In echten Kontakt als Menschen auf Augenhöhe und nicht in meiner Lehrerrolle oder in Form einer Gruppenarbeit. Ich möchte wissen, wie es ihnen geht und was in ihnen vorgeht. Ich möchte wissen, dass Leons Mama heute morgen abgereist ist, weil sie eine Tagung in Paris hat. Ich möchte wissen, dass Lynn müde ist, weil sie gestern zu lange vor dem Computer saß und ich möchte wissen, dass Max einen Alptraum hatte, der ihm nicht mehr aus dem Kopf geht.

Denn nur wenn ich das weiß, kann ich auf jeden einzelnen wirklich eingehen, kann ich verstehen, warum sie bestimmte Dinge tun oder nicht tun.

Außerdem haben die Kinder häufig auch einen Plan für ihren Schultag. Nicht nur ich als Lehrerin. Das merkt man, wenn man sich morgens mit seinen Schülern unterhält. Sie denken noch an die gestrige Matheaufgabe und möchten die Übungen beenden. Sie möchten die Geschichte über die Oper weiter schreiben oder sie haben neue Ideen zu ihren Forscher-Aufgaben und möchten diese notieren.

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Wenn ich also ohne jeglichen Austausch einfach mit “meinem Plan” beginne, dann ersticke ich all das, was aus den Kindern heraus entstehen könnte.

So habe ich es umgesetzt

Zunächst begann ich, den offenen Schulanfang an den Tagen umzusetzen, an denen ich selbst in der ersten Stunde in meiner Klasse war. Es brauchte keine Absprachen oder Erlaubnis der Schulleitung. Schließlich kann ich meinen Unterricht so gestalten, wie ich möchte.

Als ich gemerkt habe, wie alle davon profitieren, sprach ich meine Schulleitung zum ersten Mal darauf an. Ich erzählte ihr, was ich in den letzten Wochen beobachtet habe.

Soziales Miteinander.Ich konnte beobachten, wie sich die Kinder wirklich kennenlernten. Durch entspannte Gespräche im Klassenraum entstand eine ganz neue Verbindung. Die Kinder bekamen endlich Zeit, sich zu unterhalten und zu teilen, was sie beschäftigte. Manchmal brachte jemand Spielzeug, ein Poesiealbum, ein Witzbuch, Sticker oder ähnliches von zuhause mit, um es den anderen zu zeigen. Auch Konflikte und Streits wurden seltener, einfach weil wieder ein wenig Druck aus dem System genommen wurde.

Produktivität.Tatsächlich haben wir durch den offenen Schulanfang nicht weniger Lernzeit, sondern mehr. Wenn die Kinder wirklich lernbereit sind, sind wir viel produktiver und die Kinder schaffen ihre Aufgaben in kürzerer Zeit. Während der Lernzeit gibt es keine Gespräche mit dem Sitznachbarn mehr oder es wird heimlich unter dem Tisch im Witze-Buch geblättert.

Differenzierung.Ich habe durch den offenen Schulanfang viel mehr Möglichkeiten, auf einzelne Kinder einzugehen. Ich kann in Ruhe beobachten und in Gesprächen herausfinden, wie es den Kindern geht. Ich kann die freie Zeit nutzen, um mit einzelnen Kindern das Lesen zu üben oder verpasste Aufgaben nachzuholen. Bestimmte Kinder können gemeinsam das Gedicht üben oder sich Einmaleinsaufgaben abfragen.

Als ich meine Beobachtungen überzeugend vorgetragen hatte, bat ich darum, im nächsten Schuljahr immer in der ersten Stunde in meiner eigenen Klasse eingesetzt zu werden.

Das war übrigens der Anfang davon, dass in dieser Schule nun grundsätzlich die Klassenleitung in der ersten Stunde unterrichtet.

Es ist wichtig, dass du den offenen Anfang auch für dich annimmst und du nicht gestresst auf die Uhr schaust, weil du nun endlich anfangen solltest. Oder der offene Anfang wird zur Nachhilfestunde, in der die Kinder überwiegend korrigieren und nacharbeiten.

Entspanne dich! Und ist das Ritual neu für dich, nimm dir einen Tee und besonders in den ersten Wochen die Zeit, deine Klasse zu beobachten, die neu entstehende Freiheit und Dynamik zu betrachten. Gibt es Dinge, die du ansprechen musst? Gelten auch während des offenen Anfangs bestimmte Regeln? Oder braucht es kleine Veränderungen im Klassenraum?

Was der offene Anfang mich über Schule gelehrt hat

Für mich ist der offene Schulanfang eine von vielen Möglichkeiten, in einer normalen Regelschule bedürfnisorientiert zu unterrichten. Aber er ist auch ein Türöffner. Denn er hat mir gezeigt, wie viel möglich ist, wenn man Kindern Raum gibt und wie wenig von dem, was wir selbstverständlich hinnehmen, tatsächlich notwendig ist.

Wenn ich an Schola Vera, meine eigene Schule, denke, dann ist das, was hier morgens nur in den ersten 20 bis 40 Minuten passiert, dort die Regel. Die Prinzipien des offenen Anfangs sollen sich durch den ganzen Schultag ziehen.

Dann gibt es keine starre, erfundene Struktur, vorgegeben durch Unterrichtsstunden und Schulfächer, sondern der ganze Schultag folgt einem natürlichen Rhythmus.

Eine Schule ohne Schulfächer

Es beginnt schon damit, dass es keine Schulfächer gibt. Ja, du hast richtig gelesen. Ich möchte und kann das, was die Kinder tun und lernen, nicht in bestimmte Schubladen einordnen. Ich möchte, dass wir frei sind von Kategorien und Hierarchien.

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Ein Kind beobachtet die Vögel im Schulgarten. Ihm fällt auf, dass sie sich unterscheiden. Ihre Körperform, die Farbe des Gefieders, die Form des Schnabels, die Laute, die sie von sich geben. Anschließend blättert es in einem Vogelbuch und findet zufällig einige der Vögel aus dem Garten. Es versucht, die Namen zu lesen und herauszufinden, was die Vögel fressen.

Die Lehrerin kommt vorbei:“Hast du Lust, dein eigenes Vogelbuch zu entwerfen, mit den Vögeln aus unserem Garten? Du könntest uns deine Entdeckungen dann vorstellen, wenn du möchtest.”

Welches Schulfach ist das? Biologie? Deutsch? Kunst? Nein! Es ist viel mehr als das.

Sobald wir Kategorien haben, beginnen wir uns einzuschränken. Dürfen die Kinder im Deutschunterricht die Vögel malen oder müssen sie ausschließlich schreiben? Können wir uns mit der Frage beschäftigen, warum ein Vogel fliegen kann, oder muss ich dabei auf den Physikunterricht verweisen? Und in welchem Unterrichtsfach darf ich einfach im Garten sitzen und den verschiedenen Vogelstimmen lauschen?

Darüber hinaus entstehen Hierarchien, sobald wir verschiedene Kategorien entstehen lassen. Ist Mathematik wichtiger als Musik? Ist Kunst nur Zeitvertreib und was ist, wenn ich mich nicht für Geschichte interessiere?

Spielen und Lernen

Außerdem gefällt mir am offenen Anfang, dass es keine Trennung von Spielen und Lernen gibt. Alles ist erlaubt und niemand denkt darüber nach, ob das Kind jetzt gerade lernt oder nur spielt. Denn es geht um das, was das Kind gerade jetzt braucht. Es folgt den eigenen, natürlichen Bedürfnissen.

Gerald Hüther bringt es auf den Punkt, wenn er sagt, dass Spielen die höchste Form des Lernens ist. Kinder lernen nicht trotz des Spielens, sondern genau dadurch. Im Spiel sind sie intrinsisch motiviert, konzentriert und kreativ. Alles Zustände, die wir im Unterricht oft mühsam herzustellen versuchen.

Und genau das möchte ich für Schola Vera. An jedem Tag, zu jeder Zeit. Nicht als kurzes Morgenritual, sondern als Grundhaltung.

Vom offenen Schulanfang zur offenen Schule

Wenn ich zurückschaue, war der offene Schulanfang für mich viel mehr als ein Ritual. Er war der Beginn eines Umdenkens. Er hat mir gezeigt, dass Kinder, denen man Raum gibt, diesen Raum nicht missbrauchen, sondern füllen. Mit Neugier, mit Beziehung, mit echtem Lernen.

Vieles von dem, was ich in meinem Klassenraum in der Regelschule ausprobiert und beobachtet habe, fließt jetzt in meine eigene Schule ein. Der natürliche Rhythmus statt starrer Stundenpläne. Das Vertrauen in die Neugier der Kinder statt vorgegebener Lernwege. Die Überzeugung, dass echtes Lernen nur dann entsteht, wenn Kinder sich gesehen, gehört und sicher fühlen.

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Tags: offener anfang, offener unterricht, classroom management, kindgerechtes lernen, individuelles lernen

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