Seit fünf Jahren bin ich als Autorin Teil des Kunstprojekts K.I.D.S. der Stadt München. Künstler gehen in Brennpunktschulen, um mit Kindern und Jugendlichen kreativ zu sein – leistungsfrei und ohne Wertung.
Geschichtenwerkstatt heißt mein Kurs. Die jungen Menschen freuen sich, wenn ich komme, weil sie keinen Unterricht haben, aber sie stöhnen, weil sie mit mir Lesen und Schreiben sollen. Es ist ein mühsames Unterfangen. Ein Lehrer meinte: „Meine Schüler kennen nur zwei Emotionen: Alles schei*egal oder ich verklopp dich!“

Der Satz brachte mich ins Grübeln, denn in Geschichten spielen Emotionen eine große Rolle. Eine Geschichte wird nur spannend, wenn Leser_innen mitfühlen, mitfiebern, sich mit Helden verbünden und Fieslinge besiegen. Geschichten sind immer Spiegel und Fenster.
Sie spiegeln mein Innenleben: Ich fühle mich verstanden und entdecke eine Lösung. Geschichten öffnen ein Fenster in eine andere Welt: Ich sehe Perspektiven und bleibe neugierig.
So begeisternd das für mich ist, die Kids und Teens hängen träge auf ihren Tischplatten. Ich brauche ihre Wachheit und die bekomme ich über Körperarbeit.
Ich bin gelernte Ergotherapeutin in der Pädiatrie und jetzt verschmilzt mein Wissen aus zwei Fachbereichen. Wachheit erzeuge ich mit Muskelanspannung (propriozeptive Impulse), Rhythmus und Tempo – genauso wie Geschichten aus Spannung, Rhythmus und Tempo bestehen.
Wenn die Schüler eine Figur für ihre Geschichte gefunden haben, lasse ich sie deren Haltung einnehmen. „Wie steht und bewegt sich deine Figur? Zeig es! Wie agiert dein Held und wie dein Bösewicht? Zeig es!“
Wir nutzen den Klassenraum, Flur oder Pausenhof, um alle Bewegungsqualitäten durchzuspielen. Damit das nicht im Chaos endet, gebe ich akustische Signale, wann was passieren soll.
Über Bewegung suchen wir Synonyme aus dem Wortfeld Gehen. Oft lasse ich die Kids in Mannschaften antreten und plötzlich sind die beliebtesten Spieler die, die viel lesen. Für manche ein AHA-Erlebnis: „Lesen ist ja geil.“
Wenn wir Dialoge erarbeiten, sollen sie zuerst den Klang der Stimmen mit einer Fantasiesprache erzeugen, gemäß dem Motto „Der Ton macht die Musik“. Stimme lässt sich mit Dynamik, Tempo, Rhythmus, Harmonie und Klangfarbe variieren. Dazu gibt es wunderbare Spiele aus der Theaterpädagogik (z. B. Dolmetscherspiel). Lautes Sprechen erzeugt eine tiefe Atmung. Das ist Körperarbeit! Tiefes Atmen schenkt Wachheit.
Wenn die Schüler verstanden haben, wie ihre Figuren aus der Geschichte reden und sich bewegen, arbeiten wir am Innenleben der Figur. Was motiviert sie? Was mag sie? Welche Charakterzüge hat sie? Ich gebe mich nicht damit zufrieden, wenn sie schreiben, dass der Pirat wütend oder die Prinzessin traurig ist? „Show don´t tell“ lautet der Schreibtipp. „Wie bewegt sich eine traurige Prinzessin? Wie sind Gestik und Mimik? Woran erkennst du, dass der Pirat wütend ist?“ Jetzt müssen die Schüler gut beobachten, sich anschauen und Verhalten deuten. Ein schönes Bewegungsspiel ist Zipp-Zapp-Boing. Es funktioniert nur, wenn man sich wachsam anschaut.
Wer versteht, was hinter einem Gefühl steckt, kann handeln. Es gibt mehrere Gründe, um wütend zu sein wie Hunger, Ausgrenzung, eine Gemeinheit, ein Missverständnis, Müdigkeit oder Schmerzen.
Ich bleibe immer bei der Geschichtenidee der Kinder. Wir versuchen herauszufinden, warum der Pirat wütend oder die Prinzessin traurig ist. Weil Geschichten immer ein Spiegel sind, werden die Kinder ausdrücken, was sich in ihnen bewegt. Weil Geschichten ein Fenster sind, offenbaren sie, was sich die Kinder wünschen oder wonach sie sich sehnen.
Geschichten kann man lesen, schreiben, spielen, zeichnen oder erzählen. Sie schaffen einen Raum zum Sein, abtauchen und gestalten. Schreiben ist eine schöpferische Arbeit und es ist spannend zu sehen, was Kinder und Jugendliche aus sich selbst schöpfen, wenn sie schreiben.
vor der Wittelsbacher Mittelschule mit dem Münchner Kindl
!!!Zwei Materialsammlung stehen kostenfrei zur Verfügung zu den Gefühlen Freude und Wut!!!

Ich bin deutschlandweit unterwegs. Frag mich gerne an z. B. für Projekttage, Tag des Buches, Vorlesetag etc. post@susanne-ospelkaus.de Flexibel bin ich im Großraum München und in den Landkreisen Ebersberg, Erding und Rosenheim.
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