Die Uhr-Methode: Wie man eine gute Balance im Classroom Management finden kann

Tausende Möglichkeiten für das eine Problem

So alt wie Schule sind auch die Diskussionen rund um die Notwendigkeit, SuS eine passende Umgebung zu bieten, in der sie gern lernen und gut lernen können. Mit anderen Worten: Wie schafft man es, dass alle aufpassen und ihre Arbeit machen?

Inzwischen wird das auch im deutschsprachigen Raum als Classroom Management bezeichnet. Zum Thema sind tausende Bücher erschienen, und fragt man 10 Experten, bekommt man wohl circa 12 Meinungen, wie man es richtig macht. Hinter jeder Meinung steht natürlich eine andere Philosophie, wie mit Menschen in Gruppen, die gemeinsam an einem Ort nicht ganz freiwillig versammelt werden, um etwas in geordneter Weise zu tun, verfahren werden sollte. Das möchte ich gleich voranschicken, da ich die Methode, die ich hier vorstellen möchte, genauso gut auch kritisieren könnte (was ich auch tun werde). Das ergibt sich logischerweise daraus, dass es nicht die eine richtige Lösung gibt, wie Classroom Management aussehen sollte. Es ist deshalb nur ein Vorschlag, mit welcher Systematik man dies tun könnte – ein Vorschlag, den ich seit etwa zwei Jahren ausprobiere und mit dem ich bisher gut fahre. Deswegen möchte ich ihn nun teilen.

Eine Inspiration aus den USA

Vorher möchte ich jedoch auf eine Seite verweisen, die ich für die Thematik sehr hilfreich finde: https:/smartclassroommanagement.com/

Michael Linsin ist ein absoluter Experte für dieses Thema und hat darüber hinaus auch mehrere Bücher zum Lehrberuf verfasst. Am Anfang meiner Lehrerkarriere, der noch nicht so lang zurückliegt, habe ich versucht, mich an seinen Ideen zu orientieren. Auch deutschsprachige Quellen gibt es zu dem Thema genug, aber am Ende stand für mich immer wieder das gleiche Problem im Raum: Ich habe Schüler*innen (SuS), die im Prinzip gern lernen, aber sich nicht immer so verhalten, was für Unruhe im Klassenzimmer sorgt.

Eine (leicht gesagte) Lösung: Besseren Unterricht machen

Gründe für Unruhe gibt es viele, und meistens liegen sie außerhalb unserer Kontrolle: Die SuS hatten gerade vorher eine Klassenarbeit, es ist die letzte Stunde des Tages, es gab gerade einen Streit in der Klasse. Manchmal beobachte ich aber in meinem Unterricht, dass Unruhe genau dann aufkommt, wenn ich meinen Job schlecht mache: Die Aufgabenstellung ist unklar oder die SuS sehen keinen Sinn in ihr, oder ich wähle eine schwierige Aufgabe oder ziehe eine Diskussion zu einem Zeitpunkt in die Länge, zu dem eine ganz andere Aktivität besser gewesen wäre. Erfahrene Lehrkräfte können dies sicher bestätigen, aber für Neulinge kann dies eine wichtige Einsicht sein, die ich selbst erst mit der Zeit bemerkt habe: Manchmal liegt es daran, dass ich eine falsche pädagogische Entscheidung treffe oder nicht gut genug vorbereitet bin.

Das ist natürlich wenig tröstlich, da dies bedeuten könnte, dass man immer perfekt vorbereitet in den Unterricht kommen und in diesem immer die richtige Entscheidung treffen müsste, und alle, die in diesem Beruf arbeiten, wissen, dass es die perfekte Lehrkraft nicht gibt. Aber diese Einsicht, dass die momentane Unruhe am eigenen Unterricht liegen könnte, hilft mir immer wieder dabei, mich zu motivieren, es besser zu machen (und mit mehr Ruhe belohnt zu werden). Außerdem sorgt diese Einsicht bei mir für größeres Verständnis gegenüber den SuS – es ist nicht unbedingt ihre Schuld, dass sie sich gerade falsch verhalten, und mit größerem Verständnis reduziert sich bei mir immer der Ärger über unpassendes Verhalten.

Eine (leicht gemachte) Lösung: Die Uhr-Methode

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Zu Beginn einer jeden Doppelstunde (ich habe nur solche) male ich eine Uhr an den linken Teil der Tafel. Außerdem das Level – beim ersten Mal 1/3, beim nächsten Mal 2/3… Sobald es ein Fehlverhalten der Klasse gibt, ziehe ich eine Linie in Länge einer Stunde und schreibe den Grund an. Das hat den Vorteil, dass die SuS nachvollziehen können, was falsch läuft. In meinem Beispiel (Englischunterricht) sind das

- late: nicht alle waren zu Beginn der Stunde am Platz/einsatzbereit

- talking: es wurde zu viel durcheinander geredet

- Ge: es wurde Deutsch statt Englisch gesprochen

- loud: es ist viel zu laut während einer Arbeitsphase

Die Methode ist also für unterschiedliches Verhalten flexibel einsetzbar. Ich muss dies dann auch gar nicht kommentieren, da die SuS es sehen und sich zuverlässig gegenseitig regulieren.

Schaffen die SuS es, bis zum Ende der Stunde nicht bis "18 Uhr" (anders gesagt, bis zur Hälfte des Kreises) zu kommen, wie im Foto abgebildet, beginnen sie die nächste Doppelstunde im nächsten Level (also 2/3). Wird mindestens "18 Uhr" erreicht, verbleiben sie auf dem Level und steigen nicht auf. Wenn sie alle drei Level geschafft haben, wird in den letzten 15 Minuten gespielt.

Sollten sie die Uhr einmal komplett füllen, gibt es eine Extra-Hausaufgabe für die gesamte Klasse (das ist noch nie passiert, weil es spätestens ab „21-22 Uhr“ mucksmäuschenstill wird).

Wenn einzelne SuS stören, nicht aber die Klasse, schreibe ich deren Namen unter den Kreis mit einem Strich. Bei drei Strichen gibt es eine Nachricht an die Eltern + eine Extra-Hausaufgabe (ist ebenfalls noch nie geschehen).

Zu Beginn eines Schuljahres mit einer neuen Klasse erkläre ich die Methode. Es gibt dann meist ein oder zwei Nachfragen, aber ab da läuft die Sache ohne Erklärungen. Ich bitte die Klassensprecher*innen, sich zukünftig das Level der Klasse zu merken und es mir zu Beginn der nächsten Stunde mitzuteilen, weil man bei mehreren Klassen schnell durcheinanderkommt. Man kann es sich auch selbst notieren, aber SuS freuen sich über die zusätzliche Verantwortung und das entgegengebrachte Vertrauen.

Warum die Methode nicht perfekt ist

Wie bereits angekündigt, möchte ich noch auslegen, warum diese Methode sicherlich nicht für alle geeignet ist. Dabei geht es mir nicht um die Anwendung selbst, sondern um den Gedanken, der dahintersteckt: Im Prinzip ist es eine Zucker- und Peitschen-Methode, die ein wenig an vergangene Jahrhunderte anmutet. SuS werden hier extrinsisch durch Belohnung und Strafe motiviert, sich konform zu verhalten. Dies läuft dem goldenen Ziel, SuS intrinsisch zu motivieren, natürlich ein Stück weit entgegen. Ich kann mir also vorstellen, dass einige beim Lesen innere Bedenken angemeldet haben, und ich habe diese ebenfalls. In einer idealen Welt bräuchte es diese Methode nicht.

Warum benutze ich sie dann trotzdem? Weil ich, wie erwähnt, zwar leistungswillige, aber auch sehr unruhige SuS habe, und teilweise an meine Grenzen gekommen bin. Durch die Methode bin ich entspannter, muss viel weniger meine Stimme benutzen und sorge für eine positivere Umgebung, in der ich viel weniger ermahnen und die Stimme erheben muss – allein deshalb rechtfertigt sich meiner Meinung nach trotz aller Bedenken diese Methode.

Eine weitere Idee: Achtsamkeit

Eine weitere Methode, die ich seit Jahren erfolgreich einsetze, ist ein kurzes Achtsamkeitsritual zu Beginn jeder Stunde. Auch dies sorgt dafür, dass es weniger Anlass zu Classroom Management gibt. Dies werde ich jedoch in einem anderen Blog-Eintrag erläutern.

Tags: Classroom Management

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