Legasthenie hat man ein Leben lang - Warum ich diese Aussage nicht mag!

Löst sich eine Legasthenie in Luft auf?

Eine Legasthenie hat man ein Leben lang. Dieser Satz mag vielen einleuchtend klingen. Kann sich eine Legasthenie in Luft auflösen? Sicher nicht! Und sie tut es auch nicht! Das weiß ich und dennoch erzeugt diese Aussage immer Bauchschmerzen bei mir.

„Ich bin Analphabetin, aber ich kann lesen.“

Das sagte mir eine junge Frau. Ihre Geschichte bewegte mich sehr, denn als Kind und Jugendliche hatte sie immer wieder gehört, dass sie dumm sei. Nach ihrer Ausbildung beschloss sie: „Ich bin zu dumm, um zu schreiben. Ich bin für einen guten Job zu dumm.“ Deshalb putzte sie, bis ihr Mann sagte, sie solle doch versuchen, eine Umschulung zu bekommen.

„Sie sind ausbildungsresistent!“

Er sah, wie hart ihr Job war und dass sie viel mehr wollte, als immer nur putzen. Beim Jobcenter würde man ihr doch sicher helfen. Sie könnte eine Umschulung machen. Sie musste einen Test machen, danach bekam sie gesagt: „Sie sind ausbildungsresistent, wir können Ihnen nicht helfen!“ Sie war am Boden zerstört.

Der Ehepartner machte ihr weiterhin Mut

Er fand mich im Internet und so standen sie eines Tages in meiner Tür. Sie vertraute mir sehr schnell und willigte ein, eine Lerntherapie bei mir zu machen.

Legasthenie hat man ein Leben lang

„Alle sagen mir, dass ich das nicht mehr lernen kann. Ich habe mich längst abgeschrieben. Ich weiß, dass ich dumm bin.“ Das waren ihre Aussagen. Mir erschien es vom ersten Augenblick an merkwürdig – sie konnte lesen, wollte aber Analphabetin sein.

In der ersten Stunde zitterte sie vor Angst und Scham

Ich begann mit dem Lernen sehr vorsichtig – mit Silben. Sie zitterte vor Angst und Scham. Ich ließ Sie einfache Wörter schreiben, sie schrieb alle fehlerlos. Ich diktierte ihr das Wort Mutter. Sie schrieb es auf Anhieb mit tt. Das, was ich vermutete, wurde nun offensichtlich. Sie konnte schreiben, jedoch mit Fehlern.

Zwei Jahre Therapie, einmal in der Woche

Zwei Jahre Therapie reichten, denn wir gingen alle Strategien und Regeln durch. Viele Aha-Erlebnisse und ihre Erfolge ließen ihr Selbstvertrauen wachsen. Sie schrieb mir die erste SMS in ihrem Leben. Die erste Karte, die sie jemals im Urlaub verschickte, bekam ich. Nach zwei Jahren fühlte sie sich so sicher, dass wir die Therapie beenden konnten.

Die Leichtigkeit und Sicherheit beim Schreiben

Die Leichtigkeit und Sicherheit beim Schreiben, wie ich es kenne, wird sie noch lange nicht haben. Das ist, was vielleicht bleiben wird. Das Anwenden der Strategien und Regeln wird und muss bleiben. Die Sicherheit stellt sich irgendwann Wort für Wort ein, jedoch nicht generell. Wenn wir ehrlich sind, ist niemand bei jedem Wort absolut sicher. Der Duden ist heute im Internet abrufbar, also kein Problem.

Der Glaube an sich selbst

Der Glaube an sich selbst muss zunächst einmal wieder hergestellt werden. Der Glaube daran, dass auch eine Legasthenie in den meisten Fällen in den Griff zu bekommen ist. Es ist möglich! Das ist harte Arbeit und kostet Geld. Leider zahlt kein Jobcenter und ganz selten das Sozialamt diese Therapie. Manche Arbeitgeber zahlen ihren besten Arbeitnehmern die Therapie. Es wäre schön und nützlich, wenn es viel mehr davon geben würde.

 


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