Albert Einstein soll einmal gesagt haben: „Ich habe keine besondere Begabung, sondern ich bin nur leidenschaftlich neugierig.“ Ist dieser Einstieg nicht furchtbar stereotypisch? Dass dieser Artikel mit einem Zitat von Albert Einstein beginnt, soll eine verbreitete Assoziation zum Thema Hochbegabung in unserer Gesellschaft widerspiegeln. Meist wird dieses nämlich direkt mit einem Genie oder bestimmten bereits bekannten Persönlichkeiten, die durch außergewöhnliche Errungenschaften bekannt wurden, in Verbindung gebracht. Die Gruppe der Hochbegabten genießt hauptsächlich dann Aufmerksamkeit, wenn es um deren Erfolge und herausragende Leistungen geht. Das Erkennen und Fördern besonderer Begabung beginnt allerdings nicht erst nach großen Schlagzeilen, sondern muss heutzutage bereits im Grundschulalter beginnen. Das bedeutet, dass die Auseinandersetzung mit diesem besonderen Thema definitiv im Aufgabenbereich aller Lehrkräfte wiederzufinden ist . Was das bedeutet und wie dies aus schulpsychologischer Perspektive gelingen kann, wird dieser Artikel auf den folgenden Seiten genauer beleuchten. Zunächst wird ein kurzer definitorischer Abriss des Phänomens gegeben und im Anschluss daran der Zusammenhang mit Schulleistung kurz erläutert. Doch auch typische Stolpersteine und vorherrschende Klischees in Bezug auf hochbegabte Menschen finden folgend ihren Platz. Die Brücke zur Praxis schlagen im Abschluss Beispiele zu Möglichkeiten kindgerechter Förderung im schulischen Alltag, gepaart mit Erfahrungen dazu, wie auch die Kollaboration mit dem Elternhaus erfolgreich gelingen kann.
Im alltäglichen Sprachgebrauch finden sich vielerlei Begriffe, wie Genie, Inselbegabung oder Talent, die im Zusammenhang mit Hochbegabung erwähnt werden. Doch wie definiert die Psychologie als wissenschaftliches Fachgebiet für Intelligenz das Phänomen der Hochbegabung? Eine solche Definition wurde erst mit der Einführung und Entwicklung eines Intelligenzkonzepts möglich. So entstanden auch über die Zeit ein standardisierte Testverfahren durch das sich Resultate vergleichen ließen. Federführend hierfür war - neben Binet und Simon - David Wechsler, der Intelligenz als zusammengesetzte Fähigkeit eines Menschen zu „zweckvollen Handlungen, vernünftigem Denken und der wirkungsvollen Auseinandersetzung mit der Umwelt“ definierte (1944). Da unsere Umwelt sehr komplex erscheint und wir als Menschen viele verschiedene Kompetenzen und Fähigkeiten mitbringen müssen, um eine wirkungsvolle Auseinandersetzung zu bewältigen, versuchen moderne Intelligenztestungen verschiedene Bereiche dieses Konzepts möglichst objektiv und genau zu messen. Beispiele dafür sind das Allgemeinwissen, logisches Denken, Sprachverständnis, visuell-räumliches Vorstellungsvermögen oder auch die Verarbeitungsgeschwindigkeit bestimmter Informationen. Als besonders relevant für den schulischen Erfolg hat sich in neuerer Forschung das sogenannte Arbeitsgedächtnis gezeigt. Alloway und Alloway (2010) stellten sogar fest, dass die Arbeitsgedächtniskapazität im Vergleich zum Intelligenzquotienten einen besseren Prädiktor schulischer Leistungen (Lesen und mathematisches Denken) darstellt und somit die Funktionstüchtigkeit des Arbeitsgedächtnisses die wichtigste Determinante für schulischen Erfolg darstellt (Hasselhorn, M., & Zoelch, C., 2012). Durch die Verrechnung der oben genannten Subbereiche ergibt sich ein insgesamter Wert, der für die Begabung eines Menschen steht und den sogenannten Intelligenzquotient, kurz IQ beschreibt. Die erbrachte Leistung in Intelligenztests muss für eine objektive Einschätzung immer in Relation zu einer Vergleichsgruppe gesetzt werden. Diese Gruppe stellen andere, gleichaltrige Personen zur Testperson dar. Betrachtet man alle Personen einer Altersgruppe, reihen sich diese nebeneinander auf der Normalverteilung ein.
Die allermeisten (ca. 68%) werden sich in einem Bereich zwischen 85 und 115 IQ Punkten wiederfinden. Im Bereich zwischen 115 und 130 spricht man in der Intelligenzforschung von überdurchschnittlichem Potential. Der Bereich, auf den wir uns gemeinsam konzentrieren wollen, findet erst darüber statt: ab 130 IQ Punkten wird von einer „besonderen Begabung“ oder eben auch "Hochbegabung“ gesprochen, was einem ungefähren Wert von 2% aller Menschen in der jeweiligen Vergleichsgruppe entspricht. Um die Zahl etwas greifbarer zu machen, folgendes Beispiel: in zwei Klassen mit jeweils 25 Schüler:innen, insgesamt also 50 Kinder, wird sich im Schnitt ein Kind mit einer Hochbegabung finden lassen. Dies erscheint als eine eher geringe Zahl. Warum also all das Aufsehen und wozu der Aufwand der Diagnostik und der Planung von zusätzlichen Förderungen? Als Antwort auf diese berechtigte Frage sollten folgende Schlagworte aus pädagogisch-psychologischer und bildungspädagogischer Sicht herangezogen werden: konstruktiver Umgang mit Heterogenität und Umsetzung der Inklusion. Unter diesem Aspekt ist auch die Förderung von besonders Begabten zu sehen, wie es in Art. 128 der Verfassung des Freistaates Bayern verankert ist: „Jeder Bewohner Bayerns hat Anspruch darauf, eine seinen erkennbaren Fähigkeiten und seiner inneren Berufung entsprechende Ausbildung zu erhalten. Begabten ist der Besuch von Schulen und Hochschulen, nötigenfalls aus öffentlichen Mitteln zu ermöglichen.“.
Die Umsetzung von schülerorientiertem Unterricht geht somit in beide Richtungen und berücksichtigt Schüler:innen mit sonderpädagogischem Förderbedarf in gleichem Maße wie besonders begabte Kinder. Es liegt also nahe, dass wir als Gesellschaft ein vertieftes Interesse an der Entfaltung des Potentials Hochbegabter haben sollten. Nicht selten bringen sie kreative, neue, innovative Ideen zur Verbesserung unseres Lebens mit und helfen unsere Welt für alle verständlicher zu machen.
Die professionelle Diagnostik von Hochbegabung beschränkt sich auch in der Schulpsychologie nicht nur auf ein einzelnes Testverfahren. Damit würde man dem facettenreichen Verständnis von Begabung nicht gerecht werden. Vielmehr geht es um ein hypothesengeleitetes Vorgehen bei der Beantwortung schulpsychologischer Fragestellungen. Hierfür werden die Einschätzungen und Beobachtungen möglichst aller relevanten Ansprechpartner zu Rate gezogen. Dazu zählen beispielsweise Lehrkräfte, selbstverständlich die Eltern, aber auch der betreffende Kinderarzt oder Trainer aus dem Sportverein. Ziel ist die ganzheitliche Einschätzung des Kindes. Denn entgegengesetzt vieler in der öffentlichen Diskussion verbreiteten Meinungen, zeigen sich Hochbegabte beispielsweise im sozialen Bereich alles andere als zurückgezogen, wenig empathisch oder gar inkompetent. Rost und Kolleg:innen fanden bereits in den 1980er Jahren in ihrer bemerkenswerten Langzeitstudie heraus, dass besonders begabte Kinder im Vergleich zu ihrer Vergleichsgruppe (Engl. „Peers“) mindestens genauso gut sozial integriert waren wie andere Schüler:innen. Auch Stern (1910) nennt weitere Merkmale die mit Hochbegabung einhergehen. Dazu zählen eine ausgeprägte Kreativität, praktische Intelligenz (womit gesunder Menschenverstand gemeint ist) Leidenschaft für bestimmte Bereiche, aber auch kritisches und analytisches Denken in Bezug auf allerlei Themen. Zur Diagnostik sei abschließend noch gesagt, dass sich durch den ganzheitlichen Ansatz meist ein hilfreiches Profil aus Stärken und Schwächen ergibt, mit dem sich zum einen für die Eltern mehr Transparenz über ihr Kind und zum anderen eine Basis für die adäquate Förderung seitens der Schule und des Elternhauses schaffen lässt.
Ziel dieses Artikels ist unter anderem Licht ins Dunkel rund um verbreitete Klischees und Mythen zu Hochbegabung zu werfen, um so ein fundierteres Bewusstsein im Umgang mit Hochbegabung zu schaffen. Dass Menschen stereotyp-gesteuert ihren Alltag bewältigen, weil sich das als praktisch und effizient erwiesen hat, ist nichts Neues. Auch als besonders begabt geltende Personen blieben und bleiben im Zusammenleben mit ihren Mitmenschen davon nicht verschont. Sehen Sie die folgenden Sätze als Einladung, selbst kurz innezuhalten, um die eigene Einschätzung hierzu wahrzunehmen, bevor Sie die Antwort lesen. Die unten gesammelten Erkenntnisse stammen übrigens mehrheitlich aus der Studie von Herrn Rost und Kolleg:innen (2009).
„Bei Jungen liegt häufiger ein IQ von 130 oder höher vor.“
Tatsächlich ließ sich zeigen, dass der IQ bei Jungen, im Vergleich zu gleichaltrigen Mädchen, häufiger über 130 liegt. Zwei Ergänzungen lassen die Welt hiernach vielleicht wieder etwas fairer erscheinen. Zum einen werden hochbegabte Mädchen seltener erkannt. Es liegt also eine diagnostische beobachtungsbasierte Problematik vor. Zum anderen werden auch geistige Behinderungen bei Jungen häufiger festgellt als bei Mädchen.
„Frühes Lesen ist ein verlässliches Zeichen für Hochbegabung.“
Lesekompetenz steht im direkten Zusammenhang mit einer intensiven und kindgerechten Förderung. Wer früh beginnt das Lesen zu beherrschen, kann auch schlichtweg „nur“ in den Genuss eines bildungsnahen Elternhauses gekommen sein oder ältere Geschwister haben, deren Leidenschaft es ist, den jüngeren Geschwistern viel vorzulesen und sie so in den Leseprozess miteinzubeziehen.
„Hochbegabte besitzen in der Regel eine höhere soziale Reife als gleichaltrige Normalbegabte.“
Durch ihre Fähigkeit des kritischen und analytischen Denkens sowie ihrer meist gut entwickelten Reflexionsfähigkeit sind Hochbegabte häufig überdurchschnittlich emphatisch. Ihnen gelingt es auch im Vergleich zu Gleichaltrigen tendenziell besser die Perspektive des Gegenüber nachzuvollziehen. Dadurch neigen Hochbegabte dazu ältere Freunde zu bevorzugen und außerdem auf wenige, aber tiefe Freundschaften wert zu legen.
„Hochbegabte sind meist so intrinsisch motoviert, dass keinerlei Lob, Belohnung, Ermutigung oder Unterstützung von anderen Erwachsenen notwendig ist.“
Dem ist nicht so. Auch hochbegabte Kinder sind Kinder. Sie lechzen danach zu gefallen, ihre Sache gut zu machen und dabei gesehen zu werden. Hierzu sei auch erwähnt, dass es dabei insbesondere um die Bereiche gehen sollte, die mit Anstrengung verbunden sind. Denn meist entwickeln sich hochbegabte Kinder dyssynchron, d.h. sie zeigen ein heterogenes Stärkenprofil und bringen durchaus neben ihren herausragenden Stärken auch Entwicklungsfelder mit. Hier authentisch zu loben und auf die wahrgenommene Anstrengung hinzuweisen, kann viel in einer Kinderseele bewirken.
„Hochbegabte fallen häufiger durch unangepasstes Verhalten auf.“
Nach einer Studie von Prof. Hany an der Universität in Erfurt aus dem Jahre 2000 fallen besonders Begabte nicht häufiger durch Verhaltensprobleme auf als andere gleichaltrige Kinder. Wenig überraschend zeugen Verhaltensschwierigkeiten also nicht automatisch von Hochbegabung – egal ob zu Hause oder in der Schule.
Die hier angefangene Liste könnte noch mit zahlreichen weiteren stereotypisierten Behauptungen fortgeführt werden. Jedoch haben die ausgewählten Beispiele hoffentlich für den ein oder anderen kleinen „Aha!“-Moment gesorgt. Erzählen Sie einem Menschen, der Ihnen lieb ist, von dem für Sie spannendsten Fakt. Lernpsychologisch bleiben diese so geteilten Informationen am Nachhaltigsten im Gedächtnis.
Mit den aufgeführten und oftmals unberechtigten Ansichten über Hochbegabte lassen sich nun auch recht einfach beobachtete Stolpersteine für die pädagogische Praxis ableiten. Um diese soll es im Folgenden gehen, bevor im Abschluss auf die Möglichkeiten kind- und fachgerechter Förderung eingegangen wird.
Den ersten Stolperstein stellt die Erkennung von Hochbegabung bei einem Kind dar. Wie oben bereits erwähnt werden beispielsweise Mädchen durch ihre Sozialisation häufiger übersehen. Außerdem könnten gleiche Verhaltensweisen von Kindern auf unterschiedliche Ursachen zurückführbar sein. Was also tun? Egal ob Elternteil oder Lehrkraft; werden Sie zum genauen Beobachter und scheuen Sie nicht davor zurück, sich Notizen zu machen. Schülerbeobachtungen gehören zu den Aufgaben einer Lehrkraft. Aber auch als Eltern helfen diese manchmal Gedanken zu sortieren und eine gewissen Richtung zu finden. Folgende Fragen könnten als Beobachtungsimpulse dienen: Wie verhält sich das Kind bei Themen aus eigenen Interessensbereichen? Wie ist die Sprache des Kindes? Hat es einen ungewöhnlichen, schnell anwachsenden und erwachsenwirkenden Wortschatz? Hat es eine schnelle Auffassungsgabe und kann sich neue Inhalte unangestrengt merken? Versteht es Arbeitsanweisungen auf Anhieb und kann komplizierte Dinge/Sachverhalte in überschaubare Einheiten zerlegen? Überrascht das Kind manchmal durch unkonventionelle und kreative Ideen oder Problemlöseansätze, die der Aufgabe aber gerecht werden? Deuten die gesammelten Beobachtungen auf eine potenzielle Hochbegabung hin, sollte die schulpsychologische Fachkraft oder die Beratungslehrkraft, abhängig davon, wer an der jeweiligen Schule zuständig ist, hinzugezogen werden. Alternativ kann auch ein Termin beim Kinder- und Jugendpsychiater, also beim Facharzt helfen. So kann testdiagnostisch untersucht werden, ob und in welchen Bereichen das Kind außergewöhnlich begabt ist. Die im Vorfeld gesammelten Beobachtungen sind eine wertvolle und nicht zu vernachlässigende Ergänzung der Testdiagnostik. Einer der Grundsätze für die Schulberatung lautet, dass in den allermeisten Fällen die Eltern und die Klassenlehrkraft allein durch die gemeinsam verbrachte Zeit als Expert:innen für das Kind gelten.
Der zweite Stolperstein bezieht sich auf die Zeit unmittelbar nach der Feststellung einer tatsächlich vorliegenden Hochbegabung. Denn ganz natürlich verändert sich und sollte sich auch die Wahrnehmung sowie der Umgang seitens der Lehrkraft und der Eltern mit dem Kind verändern. Schnell schalten sich dann aber wieder Stereotype als Entscheidungs- und Umgangsgrundlage ein. Diesem Hindernis sollte also mit Bewusstsein und reflektierter Wahrnehmung begegnet werden. Eine positive Haltung hinsichtlich der gefundenen Stärken des Kindes und die Betrachtung als Bereicherung für Klasse, Lehrkraft und das Zuhause ist dabei ausschlaggebend. Selbstverständlich ist dies leichter gesagt als getan, denn ein wissbegieriges, selbstbewusstes und vielleicht sogar altklugwirkendes Kind ist anstrengend und zehrt Energie und Ressourcen aller Beteiligten auf.
Darüber hinaus soll in aller Kürze noch auf zwei weitere Aspekte eingegangen werden, die nicht allzu viel Raum einnehmen, aber auch nicht ganz hintenüber fallen dürfen. Das erste Phänomen umfasst die Gruppe unter den Hochbegabten, die als sogenannte „underachiever“ beschrieben werden. Damit sind Kinder und Jugendliche gemeint, die ihr vorliegendes großes Potential nicht in die entsprechende Performanz in der Schule umsetzen können. Da diese Gruppe mit ca. 12% innerhalb der Hochbegabten nur einen relativ überschaubaren Anteil ausmacht und man allein mit dieser Thematik einen Artikel füllen könnte, soll an dieser Stelle einiges nur kurz Erwähnung finden. Die Feststellung und der veränderte Umgang ist gerade bei dieser Untergruppe enorm wichtig und kann gewinnbringend für die Entwicklung der betroffenen Kinder sein. Die Identifikation dieser noch so kleinen Untergruppe unterstreicht zusätzlich die Bedeutung testdiagnostischer Sicherheit für die individuelle Schullaufbahn Einzelner. Der zweite Aspekt schlägt die Brücke zum nächsten Stolperstein. Die Frage, die sich viele Eltern stellen, nachdem eine Hochbegabung diagnostiziert wurde: Soll mein Kind davon wissen? Auf diese Frage gibt es keine Pauschalantwort. So individuell wie die Stärkeprofile der Kinder sind ihre Persönlichkeiten und Erfahrungswerte in ihrem bisherigen Leben. Ein möglicher Anker in der Entscheidungsfindung kann aber die Überlegung sein, welchen Leidensdruck das Kind mit sich trägt und über welche Konsequenzen hinsichtlich der besonderen Begabung nachgedacht wird. Ist bereits ein gewisses Bewusstsein des Kindes dafür vorhanden, dass es etwas anders zu sein scheint als andere Kinder oder wird ein Schulwechsel oder Überspringen in Betracht gezogen, dann erweist sich Transparenz und kindgerechte Aufklärung als gewinnbringend. Das Kind wird dabei unterstützt sich selbst besser zu verstehen und wird in seinem Selbstwert gestärkt. Wenn das Kind andererseits zu Anstrengungsvermeidung neigt und die Eltern gerne ein Podest vor Bekannten aufstellen, auf dem ihr kleines Genie platziert wird, würde die Beratung vermutlich in eine andere Richtung gehen.
Die Hochbegabung sollte nicht allgegenwärtig sein und alles andere überstrahlen. Dies gilt für das Kind selbst, die Eltern und die Schule. Der sogenannte Halo-Effekt, eben genau diese Überstrahlung einer Facette auf alles andere, ist der dritte und letzte erläuterte Stolperstein. Normalität und Alltag mit den dafür typisch einhergehenden Aufgaben sind genauso wichtig für das hochbegabte Kind wie die weitere Förderung von Stärken. Auch besonders Begabte sollten lernen, dass Leistung mit Anstrengung verbunden ist und Anstrengung belohnt bzw. gesehen wird. Dieser Aspekt fand bereits weiter oben Erwähnung. Das gelingt aber eben nur, wenn die Entwicklungsfelder des Kindes ebenso in den Fokus gerückt werden, wie die Intensivierung der Stärken. Für besonders mathematisch begabte Kinder könnte dies das Lesen und Schreiben darstellen.
Häusliche Pflichten als Vermittlung von Alltagskompetenz stellen einen ebenso wichtigen Bereich dar.
Denn hochbegabt oder nicht, Kompetenzen, wie günstiges Lern- und Arbeitsverhalten sind keine Veranlagung, sondern werden unter Anstrengung erlernt. Zum Abschluss dieses Artikels soll nun noch die Förderung, die besonders während der Schullaufbahn des Kindes stattfindet, beschrieben und im Detail vorgestellt werden. Dazu gehören in erster Linie die Akzeleration und das Enrichment.
Akzeleration meint dabei Maßnahmen, die das Lehr- und Lerntempo beschleunigen. Im schulpraktischen Alltag beinhaltet das entweder eine vorzeitige Einschulung oder das Überspringen einer Klassenstufe. Bedingungen, die hierfür gelten sind gesetzlich vorgegeben und finden sich für die Grundschule in der Grundschulordnung (GrSO §14) bzw. für die Mittelschule in der Mittelschulordnung (MSO §17). Beide Verordnungen setzen einen Antrag der Erziehungsberechtigten und einen erwarteten Erfolg durch die Reife und Leistungsfähigkeit des Kindes in der neuen Jahrgangsstufe voraus. Beim zweiten Überspringen bedarf es zusätzlich eines schulpsychologischen Gutachtens, wenn dies u.a. mit dem Übertritt an eine weiterführende Schule verknüpft ist. Möglicher Zeitpunkt ist immer zum Schuljahresende und zusätzlich in den Jahrgangsstufen 1-3 auch nach der Vergabe des Zwischenzeugnisses. Als hilfreich und effektiv hat sich ein Probezeitraum zwischen sechs und acht Wochen im Vorfeld zum gesetzten Überspringen erwiesen. So kann gezielt auf das Gefühl des Scheiterns eingegangen und aktiv reflektiert werden, falls der Schritt als falsch empfunden wird oder sich Unsicherheit bei allen Beteiligten ausbreitet. Wichtig beim Thema der Akzeleration ist das Bewusstsein dafür, dass das Überspringen keiner therapeutischen Maßnahmen entspricht. Bevor über das Überspringen einer Klassenstufe nachgedacht wird, sollten, potentielle soziale, psychische und verhaltensbezogene Probleme bewältigt werden. Eine enge Zusammenarbeit und Befürwortung aller Beteiligten, auch des Kindes, ist für das Gelingen essenziell.
Der Wechsel an eine Schule für Hochbegabte stellt eine weitere mögliche Reaktion auf Hochbegabung dar. Gab es hierfür in früheren Jahrzehnten einen größeren Zuspruch, hat sich dies im Zuge der Inklusionsbewegung stark gewandelt. Daher soll diese Möglichkeit nur der Vollständigkeit halber Erwähnung finden.
Mit Enrichment wird die Anreicherung des regulären Lernstoffs betitelt. Dies ist entweder horizontal(in die Breite) oder vertikal (in die Tiefe) möglich. Im Rahmen des schulischen Umfeldes sollte hier das Gebot für die sogenannte Binnendifferenzierung groß geschrieben werden. Der Grundsatz von inhaltlich vielfältigen Angeboten bei hohem Selbstbestimmungsgrad des Lernens. Die Lehrkraft ist mehr Begleiter als bei anderen Kindern und berät eher in der Informationsbeschaffung als in der Vermittlung von konkretem Wissen. Beispielsweise auch die Hausaufgaben könnten so geöffnet werden und mehr Recherche und Vertiefung erlauben. Nicht zu untergraben sind dabei aber die Pflichtaufgaben, die für ein günstiges Lern- und Arbeitsverhalten den Grundstein legen. Frei nach dem Motto: Anstrengung ja bitte, Langeweile nein danke. Bei fachspezifischen Hochbegabungen kann über einen Austausch bzw. eine Hospitation in höheren Jahrgangsstufen oder gar Universitäten nachgedacht werden. Dies ist im Vorfeld mit den gegebenen Rahmenbedingungen und Kooperationspartnern zu prüfen. Das schulische Enrichment ist aber nur die eine Seite der Medaille. Die Eltern sollten für das außerschulische Enrichment sorgen und können dafür auf zahlreiche Angebote der Gesellschaft zurückgreifen. Es ist also nicht notwendig selbst zum Genie zu werden. Allein die Ermöglichung der Teilnahme an Wettbewerben im Interessensbereich des Kindes, wie „Jugend forscht“, oder die Anmeldung zu Ferienkursen und/oder zu Onlinekursen können bereichernd und sinnstiftend sein. Die offenen Angebote regen das kreative Arbeiten an und um erneut Albert Einstein zu zitieren: „Kreativität ist Intelligenz, die Spaß hat.“ Die finanzielle Unterstützung kann von Seiten der Begabtenvereine oder Begabtenförderwerke hinzukommen. Hier wäre es unter anderem die Aufgabe der Lehrkraft, der Schule oder der Schulberatung bei der Beantragung und Suche zu unterstützen, um das in unserer Gesellschaft steckende Potential zu finden, zu fördern und im Sinne der Teilhabe auszuschöpfen.
Literatur
· Rost, Detlef H.; Sparfeldt, Jörn R.; Buch, Susanne R. (Hg.) (2018): Handwörterbuch Pädagogische Psychologie. 5., überarbeitete und erweiterte Auflage. Weinheim: Beltz.
· Rost, D.H. (2013). Handbuch Intelligenz. Weinheim: Beltz.
· Schrader FW., Helmke A. (2008) Determinanten der Schulleistung. In: Schweer M.K.W. (eds) Lehrer-Schüler-Interaktion. VS Verlag für Sozialwissenschaften.
· Zoelch, C., & Mähler, C. (2012). Zur Diagnostik von Arbeitsgedächtnisprozessen bei 3- bis 6-jährigen Kindergartenkindern. In: Hasselhorn, M & Zoelch, C. (Hrsg.). Funktionsdiagnostik des Arbeitsgedächtnisses. Tests und Trends, N.F. Band 10 (S.159 -181). Göttingen: Hogrefe.
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· file:///C:/Users/brand/Downloads/HBHLJugendliche2-Aufl.2009.pdf zuletzt aufgerufen am 02.01.2023.
· https://www.mit-kindern-lernen.ch/adhs-lernstoerungen/hochbegabung-tipps-fuer-eltern zuletzt aufgerufen am 05.01.2023
· https://www.herder.de/kiga-heute/fachmagazin/archiv/2018-48-jg/1-2018/hochbegabte-unterstuetzen-kognitiv-begabte-kinder-erkennen-foerdern-begleiten-2/ zuletzt besucht am: 05.01.2023
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