Wie schreibt man eigentlich Margarine?

Ein Kommentar von Daniel Friedrich zur aktuellen Studie zur Fibel-Methode


Ein Beben ging durch die deutsche Bildungslandschaft: Der Deutsche Lehrerverband forderte ein bundesweites Verbot der Methode “Lesen durch Schreiben”. Die Bildungsministerin erklärte, dass die traditionelle Fibel-Methode wieder stärker genutzt werden soll. Die WELT wusste plötzlich: „Schüler lernen am besten mit einer uralten Methode“. Spiegel Online fragte: „Wann dürfen unsere Kinder endlich wieder richtig schreiben lernen?“. Und die F.A.Z. titelte einfach nur: „Überlegenheit der Fibelmethode“.

Ausgelöst wurde dieses Beben durch eine Pressemeldung der Uni Bonn. Die beginnt so: „Der ‘Fibelunterricht’ führt bei Grundschülern zu deutlich besseren Rechtschreibleistungen als mit den Methoden ‘Lesen durch Schreiben’ oder ‘Rechtschreibwerkstatt’. Das haben Psychologen um Prof. Dr. Una Röhr-Sendlmeier von der Universität Bonn in einer groß angelegten Studie herausgefunden“ (https://www.uni-bonn.de/neues/237-2018).

Mein Interesse war geweckt. Der Plan: Einen Kaffee machen, die Studie herunterladen und schauen, wie die Psychologen herausgefunden haben, mit welcher Methode man Grundschülern am besten Schreiben beibringt. Aber mein Plan kam schnell ins Stocken, denn die besagte Studie ließ sich nirgends finden. Eine Nachfrage bei Frau Prof. Röhr-Sendlmeier stellte den Grund dafür klar – es gibt noch gar keine publizierte Studie.

Bisher gibt es lediglich ein Poster zur Studie sowie einen kurzen Text mit Erläuterungen zum Vorgehen (beide wurden mir freundlicherweise von Frau Prof. Röhr-Sendlmeier zur Verfügung gestellt. Eine umfassende Darstellung der Studie soll erst mit der Dissertation von Herrn Kuhl erfolge).

Ich weiß nicht, ob die Medien oder Bildungspolitiker, die sich zu dem Thema geäußert haben, diese Inhalte vorher einsehen konnten oder ob sie sich nur auf eine Pressemitteilung der Uni Bonn verlassen haben. Ein gutes Zeugnis kann man ihnen in keinem Fall aussprechen. Der wissenschaftliche Betrieb hat mit Recht gewisse Prozesse entwickelt, die qualitätssichernd wirken sollen – wie z.B. die Veröffentlichung in ‘peer-reviewed‘-Zeitschriften, in denen Methoden und Ergebnisse sauber und nach einer Reihe von Kriterien erläutert werden müssen (im Idealfall veröffentlicht man auch seine Daten und den zur Datenanalyse benutzten Code). Ich finde es befremdlich, dass eine Universität an solchen Prozessen vorbei Pressemitteilungen herausgibt und Multiplikatoren über neue “Erkenntnisse” berichten, ohne sich zumindest zu vergewissern, dass diese von externen Gutachtern im ‘peer-review‘-Verfahren abgesichert wurden.

Dieses Befremden setzte sich fort, als ich mir das Poster und die Erläuterungen zum Vorgehen genauer anschaute. Grundlegende Fragen zur Methodik bleiben dort unklar bzw. stellen sich anders als in der Pressemitteilung dar.

Ein Beispiel: In der Pressemitteilung heißt es, man habe „die Rechtschreibleistungen von mehr als 3.000 Grundschulkindern aus Nordrhein-Westfalen systematisch untersucht (…) Die Wissenschaftler der Universität Bonn testeten die Erstklässler kurz nach der Einschulung auf ihre Vorkenntnisse und nachfolgend an fünf weiteren Terminen bis zum Ende des dritten Schuljahres mit der Hamburger Schreib-Probe.“ Tatsächlich wurden nur 284 Kinder diesem “Test-Regime” unterzogen. Die anderen Kinder waren gar nicht Teil der Längsschnittstudie, sondern Teil einer Querschnittstudie und wurden (man vermutet) nur einmal getestet.

Noch ein Beispiel: Das Forscherteam schreibt: „In den Schulen fand das Forscherteam bestätigt, dass die jeweils gewählte Didaktik tatsächlich umgesetzt wurde.“ (S.2 der Erläuterungen „Rechtschreiberfolg nach unterschiedlichen Didaktiken – eine kombinierte Längsschnitt-Querschnittstudie in der Grundschule“). Jetzt wüsste man gerne, wie genau das eigentlich bestätigt wurde und ob in den 18 Klassen, die Teil der Längsschnittstudie waren und/oder in den 142 Klassen, die Teil der Querschnittsstudie waren. Es ist ja kaum vorstellbar, dass das Forscherteam den Unterricht von 142 Klassen regelmäßig hospitiert hat, um zu überprüfen, wie die Lehrkräfte die gewählte Didaktik tatsächlich umsetzen.

Überhaupt wüsste man gerne, wie das Forscherteam kontrolliert hat, dass die Ergebnisse nicht durch alternative Einflüsse verursacht wurden. Wie wurde z.B. sichergestellt, dass die Kinder genauso viel Zeit mit dem Schreibenlernen verbracht haben? Man könnte vermuten, dass Lehrkräfte, die nach der traditionellen Fibel-Methode unterrichten, dem frühen korrekten Schreibenlernen ein größeres Gewicht zukommen lassen als Lehrkräfte, die andere Ansätze wählen. Es wäre dann weder verwunderlich, dass diese Lehrkräfte dem Schreibenlernen mehr Unterrichtszeit zur Verfügung stellen, noch dass ihre Schüler in diesem Bereich besser abschneiden. Oder wie wurde sichergestellt, dass die Fibel-Lehrkräfte nicht einfach Lehrkräfte mit mehr Erfahrung bzw. größerer Unterrichtskompetenz sind?

All das deutet auf das eigentliche Hauptproblem der Studie hin: Es handelt sich nicht um ein kontrolliertes Experiment. Bei einem solchen werden die Teilnehmer durch Zufall einer Versuchsbedingung zugewiesen. Dadurch gilt die Vermutung, dass ein Einfluss von Störvariablen ausgeschlossen wurde. Geschieht dies nicht, kann eine Studie zwar eine Korrelation feststellen, hat aber grundsätzlich das Problem, dass der Einfluss von Störvariablen nicht ausgeschlossen werden kann und man daher auf der Grundlage der gefundenen Korrelation auch nicht eine Aussage hinsichtlich der ursächlichen Wirkung machen kann. So kann eine Studie z.B. feststellen, dass der Konsum von Margarine von 2000-2009 fast perfekt mit der Scheidungsrate in Maine korreliert war (r = 0.99, http://www.tylervigen.com/spurious-correlations). Es wäre aber aberwitzig anzunehmen, dass hier eine Kausalbeziehung vorliegt.

Im Falle der Fibel-Studie ist es zwar durchaus möglich, dass die beobachtete Korrelation tatsächlich durch die Methodik verursacht wurde. Wirklich zutreffende Belege kann die Studie dafür jedoch nicht liefern. Das gewählte Studiendesign ist ganz einfach zu schwach.

Ach ja, all das soll natürlich nicht heißen, dass die Fibel-Methode nichts taugt oder schlechter wäre als die Alternativen. Es kann sehr gut sein, dass die Fibel-Methode tatsächlich die beste Methode ist, um Grundschulkindern das korrekte Schreiben beizubringen. Ich kenne mich hier weder inhaltlich aus, noch habe ich eine Meinung zu der Frage, mit welcher Methode man die Orthografie am besten erlernt. Daran hat sich auch durch die Bonner-Studie zu dem Thema nichts geändert.


Euer Daniel vom lehrermarktplatz.de-Team



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Autor eduki D-A-CH bietet 52 Materialien für Fachübergreifendes, Ethik & Werte und Normen und 21 weitere Fächer an - zum Beispiel:

Kommentare und Fragen von anderen Nutzern
HkiRieSchui
22. Oktober 2018
Ich bin kein Fan von Extremen. Tatsächlich denke ich, dass eine Kombination der Methoden zum größtmöglichen Erfolg führt. Ähnlich wie beim Lernen lernen kann man meiner Meinung nach dadurch die Ressourcen jeder Methode bestmöglich nutzen. Lieber Daniel, vielen Dank fürs Nachrecherchieren, ich fand deinen artikel sehr interessant. Viele Grüße Heike
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