Geben Sie zwei Kindern denselben Tisch und bitten Sie beide, ihn mit ihren Handspannen zu messen. Das eine zählt acht Spannen, das andere sechs. Beide haben richtig gezählt, und trotzdem stimmt keine Zahl mit der anderen überein.
Genau dieses Problem hatte Frankreich vor gut 230 Jahren. Viele Städte und Regionen hatten ihre eigene Elle und ihren eigenen Fuss. Ein Stück Stoff, das in der einen Stadt zehn Ellen lang war, hatte in der nächsten eine andere Länge. Der Ärger darüber war so gross, dass er zu den Ursachen der Französischen Revolution gezählt wird.
Im revolutionären Frankreich kam man deshalb auf eine kühne Idee: Man wollte ein Mass, das niemandem gehört und allen zugleich, weil es aus der Natur stammt. Die Wahl fiel auf die Erde selbst. Ein Meter sollte der zehnmillionste Teil der Strecke vom Nordpol bis zum Äquator sein.
Es gab nur ein Problem: Niemand wusste, wie lang diese Strecke war. Also schickte man 1792 zwei Astronomen los, um einen Teil davon zu vermessen, von Dünkirchen an der Nordsee bis nach Barcelona. Jean-Baptiste Delambre übernahm den Norden, Pierre Méchain den Süden. Sie kletterten auf Kirchtürme und Berge und massen von oben die Winkel zu anderen Türmen und Gipfeln, Dreieck für Dreieck, quer durch ein Land im Umbruch.
Méchain wurde kurz nach dem Aufbruch verhaftet, weil man seine Messinstrumente für verdächtig hielt. Später brach Krieg zwischen Frankreich und Spanien aus, und er sass in Barcelona fest. In seinen Messungen stiess er auf eine Unstimmigkeit, die er nicht erklären konnte. Er behielt sie für sich, und sie liess ihn nicht mehr los. 1804 reiste er noch einmal nach Spanien, um seine Messungen zu verbessern. Dort erkrankte er am Gelbfieber und starb.
Sechs Jahre nach dem Aufbruch war die Messung fertig, und der Meter wurde in einem Stab aus Platin festgehalten.
Und dann die Pointe: Heute wissen wir, dass die Strecke vom Nordpol zum Äquator etwas länger ist als zehn Millionen Meter. Der Meter ist deshalb rund 0,2 Millimeter zu kurz geraten. Das ist etwa die Dicke von zwei Blatt Papier.
Korrigiert hat ihn trotzdem niemand, und genau das ist der eigentliche Gedanke dahinter. Ein Mass muss nicht perfekt sein. Es muss nur für alle gleich sein. Heute ist der Meter über das Licht festgelegt, als die Strecke, die Licht in einem 299'792'458stel einer Sekunde zurücklegt. Die Länge ist dabei dieselbe geblieben, samt den zwei Blatt Papier.
Was heisst das für den Unterricht? Kinder lernen den Zentimeter oft als etwas, das einfach auf dem Lineal steht. Viel stärker ist es, wenn sie selbst erleben, warum es ihn braucht.
Eine eigene Einheit erfinden. Lassen Sie die Klasse den Tisch mit einem Radiergummi, einem Stift oder der Handspanne messen und die Ergebnisse vergleichen. Die Verwirrung, die dabei entsteht, ist die beste Einführung in den Zentimeter, die es gibt.
Die Geschichte erzählen. Zweitklässler hören gebannt zu, wenn zwei Männer auf Kirchtürme klettern, um die Erde zu vermessen, und einer von ihnen ein Geheimnis hat.
Die zwei Blätter zeigen. Legen Sie zwei Blatt Papier aufeinander und sagen Sie: So viel fehlt dem Meter. Kinder begreifen dabei etwas, das viele Erwachsene nie gehört haben: Ein Mass ist eine Abmachung.
Mein Heft "Längen messen" für die 2. Klasse beginnt genau mit dieser Frage. Zwei Kinder messen denselben Tisch mit ihren Händen und bekommen verschiedene Zahlen. Erst danach kommt das Lineal, und mit ihm die wichtigste Regel beim Messen: Man beginnt bei der Null. Hier finden Sie das entsprechende Heft:
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