
Als Lehrer für Natur und Technik habe ich mit Schülerinnen und Schülern der achten bis zehnten Klasse regelmäßig Zahlen und Diagramme zur Entwicklung unserer Natur betrachtet.
Wir haben über Artenvielfalt gesprochen, über Lebensräume und darüber, welche Folgen menschliches Handeln für Ökosysteme hat.
Ich hielt diese Unterrichtsstunden für wichtig. Und das tue ich noch immer.
Denn wir müssen wissen, was geschieht.
Ohne Daten bleiben viele ökologische Fragen abstrakt oder werden schnell zu einer Sache persönlicher Vorlieben. Erst wenn wir Entwicklungen kennen, können wir unser eigenes Handeln daran prüfen und gesellschaftliche Entscheidungen einordnen.
Doch in diesen Unterrichtsstunden bemerkte ich noch etwas anderes.
Je genauer wir hinsahen, desto größer wurde das Bild.
Plötzlich ging es nicht mehr um eine einzelne bedrohte Tierart. Es ging um Landwirtschaft, Verkehr, Energie, Konsum, Flächenverbrauch, Rohstoffe, Wirtschaft und politische Entscheidungen.
Alles hängt irgendwie mit allem zusammen.
Und irgendwann steht ein einzelner Mensch vor diesem gewaltigen Geflecht und denkt:
Was soll ich damit anfangen?
Die Menschheit müsste ihren Umgang mit Natur verändern.
Aber ein vierzehnjähriger Schüler ist nicht „die Menschheit“. Eine Familie ist nicht die Menschheit. Eine Lehrkraft ist es nicht. Und auch ich kann morgens nicht aufstehen und beschließen, heute den weltweiten Verlust biologischer Vielfalt zu lösen.
Das Wissen wird dadurch nicht weniger richtig.
Aber seine Dimension kann lähmen.
Genau darin liegt für mich eine Schwierigkeit, über die wir in Natur- und Umweltbildung stärker nachdenken sollten.
Es reicht nicht, Menschen immer genauer zu erklären, was alles verloren geht. Wir müssen auch darauf achten, was dieses Wissen mit ihnen macht.
Denn Bildung sollte Wirklichkeit nicht beschönigen. Kinder und Jugendliche dürfen erfahren, wie groß ökologische Herausforderungen tatsächlich sind.
Aber wir dürfen sie anschließend auch nicht mit dieser Größe alleinlassen.
Sonst kann aus Wissen Ohnmacht werden.
Und aus Ohnmacht irgendwann das Gefühl:
Was ich tue, spielt ohnehin keine Rolle.
Vielleicht ist deshalb eine der wichtigsten Fragen moderner Naturbildung nicht nur:
Was müssen Kinder über den Zustand unserer Welt wissen?
Sondern auch:
Wie vermitteln wir diese Wirklichkeit, ohne Menschen mit ihrer Größe allein zu lassen?
Aus dem Bella Wildherz Journal · „Ich bin nicht die Menschheit. Aber ich bin Teil von ihr.“ · In der Langfassung geht der Gedanke weiter: Wie kann aus Wissen wieder Handlungsmöglichkeit entstehen?
https://bellawildherz.de/journal/artikel/ich-bin-nicht-die-menschheit
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