
Ich hatte in meiner pädagogischen Arbeit das große Glück, Kinder von der ersten bis zur zehnten Klasse regelmäßig draußen begleiten zu dürfen. An meiner Schule war der Draußentag fest im Konzept verankert.
Damals war mir noch nicht klar, wie sehr diese Tage mein Verständnis von Bildung verändern würden.
Denn sobald Kinder ihre Zeit draußen statt im Klassenzimmer verbringen, geschieht etwas Bemerkenswertes: Der Unterricht verliert ein Stück weit das Schulische – nicht aber das Lernen.
Schule hat eine schwierige Aufgabe. Wir Lehrerinnen und Lehrer versuchen ständig, Wirklichkeit zugänglich zu machen. Wir zeichnen Modelle, zeigen Bilder, bauen Versuche auf, schreiben Arbeitsblätter und reduzieren komplexe Zusammenhänge so weit, dass Kinder sie verstehen können.
Das ist oft notwendig.
Und trotzdem bleibt eine merkwürdige Frage: Warum holen wir so häufig Abbilder der Welt in die Schule, obwohl die Welt selbst direkt vor der Tür liegt?
Draußen hält sich die Wirklichkeit nicht an unseren Stundenplan.
Ein Kind bleibt bei einer Käferspur stehen. Ein anderes beginnt aus Ästen etwas zu bauen. Zwei Kinder überlegen, warum an einer Stelle noch Wasser steht, obwohl es seit Tagen nicht geregnet hat. Jemand hört einen Vogel. Und ein anderes Kind interessiert sich gerade viel mehr dafür, ob ein umgestürzter Baumstamm einen guten Balancierweg abgibt.
Alle befinden sich am selben Ort – und trotzdem erlebt jedes Kind etwas anderes.
Natur stellt nicht allen Kindern gleichzeitig dieselbe Aufgabe.
Gerade darin liegt für mich eine ihrer großen pädagogischen Stärken. Ein Kind kann sich den Ausschnitt der Welt suchen, der ihm in diesem Moment interessant genug erscheint, um stehen zu bleiben.
Und vielleicht müssen wir Pädagoginnen und Pädagogen daraus nicht immer sofort Unterricht machen.
Wir kennen häufig schon die Erklärung, wenn ein Kind etwas entdeckt. Wir könnten den Tiernamen nennen, den physikalischen Zusammenhang erklären oder aus der Beobachtung unmittelbar eine kleine Unterrichtseinheit machen.
Manchmal lohnt es sich aber, einen Moment zu warten.
Was hat das Kind eigentlich gesehen? Was interessiert es daran? Welche Vermutung hat es selbst?
Vielleicht entsteht daraus eine Untersuchung. Vielleicht ein Gespräch. Vielleicht nur ein kurzer Moment des Staunens.
Auch das darf reichen. Nicht jede wertvolle Erfahrung muss am Ende auf einem Arbeitsblatt landen.
Natürlich sind Draußentage keine pädagogische Wunderwaffe. Auch draußen gibt es Langeweile, Streit, kalte Füße und Kinder, die gerade überhaupt keine Lust haben. Ein Ortswechsel macht aus Unterricht nicht automatisch gute Bildung.
Aber draußen entstanden immer wieder Momente, für die innerhalb eines gewöhnlichen Schulvormittags kaum Raum gewesen wäre. Manchmal genügte die Entdeckung eines einzigen Kindes. Ein „Kommt mal her!“ – und plötzlich standen andere daneben, stellten Vermutungen an, widersprachen sich und wollten genauer hinsehen.
Irgendwann begann ich deshalb, nicht nur an besonderen Draußentagen hinauszugehen. Auch Mathematik, Physik, Chemie, Technik oder Wirtschaft nahmen wir immer häufiger mit nach draußen.
Nicht immer. Ein Klassenzimmer ist ein wertvoller Lernort.
Aber vor einer Stunde stellte ich mir zunehmend eine einfache Frage:
Müssen wir dafür eigentlich im Klassenzimmer bleiben?
Erstaunlich oft lautete die Antwort: nein.
Mathematik verschwindet schließlich nicht, wenn wir das Schulgebäude verlassen. Größen, Strecken, Verhältnisse und Formen sind überall. Physik findet ohnehin ständig statt. Technik lässt sich an wirklichen Konstruktionen untersuchen. Und Wirtschaft beginnt nicht erst im Schulbuch.
Vielleicht müssen wir Schule deshalb gar nicht vollständig neu erfinden.
Vielleicht müssen wir sie manchmal nur ein wenig öffnen.
Nicht jede Stunde braucht vier Wände.
Nicht jede Frage braucht sofort eine Erklärung.
Nicht jede Entdeckung muss vorher geplant werden.
Und nicht jedes Kind muss zur selben Zeit dasselbe interessant finden.
Schule kann Kindern sehr viel über die Welt erzählen.
Aber manchmal ist es ebenso wichtig, ihnen die Möglichkeit zu geben, der Welt selbst zu begegnen.
Der ausführliche Beitrag „Wenn Unterricht nach draußen geht“ im Bella Wildherz Journal vertieft diesen Gedanken und die Erfahrungen dahinter.
https://bellawildherz.de/journal/artikel/wenn-unterricht-nach-draussen-geht
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