Ich bin da. Ich bleibe da! Neue Autorität und die Kraft pädagogischer Präsenz

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Was bedeutet „Neue Autorität“?

Die Neue Autorität ist ein von dem Psychologen Haim Omer entwickelter systemischer Ansatz für Eltern, Lehrkräfte, pädagogische Fachkräfte und andere Personen mit Führungs- und Erziehungsverantwortung. Im Mittelpunkt steht nicht die Frage, wie Erwachsene Kinder und Jugendliche kontrollieren können, sondern wie sie ihre eigene Präsenz, Handlungsfähigkeit und Beziehungskompetenz stärken können.

Traditionelle Autoritätsvorstellungen beruhen häufig auf Gehorsam, Kontrolle, Distanz und Sanktionen. Die Neue Autorität setzt andere Schwerpunkte: Präsenz, Beziehung, Selbstkontrolle, Transparenz, Beharrlichkeit, Vernetzung und gewaltlosen Widerstand.

Dabei bedeutet Neue Autorität keineswegs, auf Grenzen oder Führung zu verzichten. Erwachsene übernehmen vielmehr bewusst Verantwortung und vermitteln:

„Ich bin da. Du bist mir wichtig. Ich übernehme Verantwortung. Ich lasse mich nicht in einen Machtkampf hineinziehen – und ich bleibe bei wichtigen Grenzen beharrlich.“

Gerade in konflikthaften Situationen kann diese Haltung dazu beitragen, Eskalationen zu vermeiden und gleichzeitig Orientierung und Sicherheit zu vermitteln.

Von Kontrolle zu Präsenz

Eltern, Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte erleben immer wieder Situationen, in denen Kinder oder Jugendliche Regeln verletzen, provozieren, sich verweigern oder destruktives Verhalten zeigen. Der Versuch, solche Situationen durch immer stärkere Kontrolle, Drohungen oder Sanktionen zu lösen, kann zu einer Eskalationsspirale führen.

Die Neue Autorität verändert deshalb die Perspektive:

Nicht das Kind soll kontrolliert werden – Erwachsene übernehmen Verantwortung für das eigene Handeln.

Sie können entscheiden,

  • wie sie auf eine Provokation reagieren,

  • wann sie ein schwieriges Gespräch führen,

  • welche Grenzen sie vertreten,

  • wie sie Unterstützung organisieren,

  • wie sie Beziehung aufrechterhalten und

  • wie sie nach Konflikten wieder Verbindung herstellen.

Damit verschiebt sich Autorität von Macht über andere hin zu Präsenz und verantwortlicher Führung.

Ein wichtiger Grundsatz lautet sinngemäß:

„Ich kann dich nicht kontrollieren – aber ich kann mein eigenes Handeln kontrollieren und entschieden für unsere gemeinsamen Werte eintreten.“

Wachsame Sorge

Ein zentrales Element des Ansatzes ist die Wachsame Sorge. Erwachsene interessieren sich aufmerksam für das Wohlergehen und Verhalten des Kindes und passen ihre Präsenz an die jeweilige Situation an.

Solange die Entwicklung unauffällig verläuft, genügt eine offene, vertrauensvolle Aufmerksamkeit. Treten Warnsignale auf, wird die Aufmerksamkeit erhöht. Bei ernsthaften Gefährdungen oder wiederholtem problematischem Verhalten wird die Präsenz der Erwachsenen intensiviert und gegebenenfalls ein Unterstützungsnetzwerk aktiviert.

Wachsame Sorge bedeutet deshalb weder permanente Überwachung noch Gleichgültigkeit. Sie verbindet Vertrauen mit verantwortlicher Aufmerksamkeit.

Die sieben Säulen der Neuen Autorität

1. Präsenz & Wachsame Sorge

Präsenz bedeutet, anwesend, aufmerksam und handlungsfähig zu bleiben. Erwachsene zeigen Interesse, übernehmen Verantwortung für die Beziehung und vertreten die Regeln und Werte des Zusammenlebens.

Die zentrale Botschaft lautet:

„Ich bin da und ich bleibe da.“

Gerade in schwierigen Situationen ziehen sich Erwachsene weder zurück noch versuchen sie, ihre Position durch Macht durchzusetzen. Sie bleiben ansprechbar, verbindlich und beharrlich.

Wachsame Sorge ergänzt diese Haltung. Erwachsene nehmen Veränderungen und Warnsignale wahr und reagieren angemessen, bevor sich problematische Entwicklungen verfestigen.

Für die Schule bedeutet das beispielsweise: Eine Lehrkraft ignoriert wiederholte Grenzüberschreitungen nicht, reagiert aber auch nicht impulsiv. Sie signalisiert dem Kind, dass sie das Verhalten wahrgenommen hat, die Beziehung aufrechterhält und gemeinsam mit anderen Erwachsenen Verantwortung übernimmt.

2. Selbstkontrolle & Eskalationsvorbeugung

Ein Grundgedanke der Neuen Autorität lautet: Wir können andere Menschen nicht kontrollieren – wohl aber unser eigenes Verhalten.

Selbstkontrolle bedeutet deshalb, die eigenen Gefühle und Handlungsimpulse wahrzunehmen und bewusst zu entscheiden, wie und wann reagiert wird.

Von besonderer Bedeutung ist das Prinzip des Aufschubs:

„Schmiede das Eisen, wenn es kalt ist.“

Nicht jeder Konflikt muss sofort geklärt werden. In einer emotional aufgeheizten Situation kann es sinnvoll sein, zunächst Ruhe herzustellen und das Gespräch später fortzusetzen.

Ebenso wichtig ist das Prinzip der Beharrlichkeit:

Nicht besiegen, sondern beharren.

Das Ziel ist nicht, einen Konflikt zu „gewinnen“, sondern eine notwendige Grenze ruhig und verlässlich aufrechtzuerhalten.

Zur Selbstkontrolle gehört auch eine positive Fehlerkultur. Erwachsene dürfen Fehler eingestehen, Entscheidungen korrigieren und sich entschuldigen. Dadurch verlieren sie nicht an Autorität – vielmehr können Glaubwürdigkeit und Beziehung gestärkt werden.

3. Unterstützungsnetzwerke & Bündnisse

Neue Autorität ist ausdrücklich keine Einzelkämpferpädagogik.

Eltern, Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte müssen schwierige Situationen nicht allein bewältigen. Unterstützungsnetzwerke können entlasten, Handlungssicherheit schaffen und verhindern, dass einzelne Erwachsene in eskalierende Auseinandersetzungen geraten.

In der Schule können beispielsweise

  • Kolleginnen und Kollegen,

  • Schulleitung,

  • Schulsozialarbeit,

  • Beratungslehrkräfte,

  • Eltern bzw. Sorgeberechtigte,

  • schulpsychologische Beratung oder

  • weitere pädagogische und therapeutische Fachstellen

Teil eines Unterstützungsnetzwerks sein.

Entscheidend ist, dass die beteiligten Erwachsenen abgestimmt, transparent und verantwortlich handeln.

Die Botschaft verändert sich dadurch von:

„Ich muss dieses Problem allein lösen.“

zu:

„Wir übernehmen gemeinsam Verantwortung.“

4. Protest & gewaltloser Widerstand

Die Neue Autorität greift zentrale Gedanken des gewaltlosen Widerstands auf. Problematisches oder destruktives Verhalten wird weder hingenommen noch mit Gegengewalt beantwortet.

Erwachsene machen vielmehr deutlich:

„Dieses Verhalten akzeptieren wir nicht – und wir werden beharrlich daran arbeiten, dass sich etwas verändert.“

Protest richtet sich dabei gegen ein Verhalten, nicht gegen die Person.

Das ist pädagogisch entscheidend. Ein Kind soll erfahren:

„Mein Verhalten wird begrenzt, aber ich werde als Person nicht abgewertet oder ausgeschlossen.“

Interventionen des gewaltlosen Widerstands sollten sorgfältig geplant, verhältnismäßig und in einen tragfähigen pädagogischen Kontext eingebettet werden. Maßnahmen wie das aus dem Konzept bekannte Sit-in sind keine spontanen Strafmaßnahmen, sondern strukturierte Interventionen und sollten insbesondere im schulischen Kontext fachlich reflektiert eingesetzt werden.

5. Versöhnung & Beziehung

Beziehung ist eine zentrale Ressource pädagogischer Autorität.

Deshalb werden Grenzsetzungen und Widerstandsmaßnahmen durch Beziehungs- und Versöhnungsgesten ergänzt.

Das können kleine, alltägliche Handlungen sein:

  • ein freundlicher Gesprächseinstieg,

  • echtes Interesse,

  • gemeinsame positive Zeit,

  • eine wertschätzende Rückmeldung,

  • ein Hilfsangebot,

  • eine kleine Aufmerksamkeit oder

  • die bewusste Wiederaufnahme des Kontakts nach einem Konflikt.

Versöhnung bedeutet dabei nicht, problematisches Verhalten zu relativieren. Grenze und Beziehung bestehen gleichzeitig.

Die Botschaft lautet:

„Ich lehne dieses Verhalten ab – aber nicht dich.“

Gerade diese Trennung zwischen Person und Verhalten ist für pädagogische Beziehungen von großer Bedeutung.

6. Transparenz

Neue Autorität setzt auf Nachvollziehbarkeit statt Geheimhaltung und Drohkulissen.

Kinder und Jugendliche sollen möglichst wissen,

  • welche Regeln gelten,

  • welche Werte dahinterstehen,

  • welches Verhalten Erwachsene nicht akzeptieren,

  • welche Schritte gegebenenfalls folgen und

  • welche Personen einbezogen werden.

Auch innerhalb eines Kollegiums ist Transparenz bedeutsam. Absprachen sollten nicht von einzelnen Personen abhängen, sondern möglichst gemeinsam getragen werden.

Transparenz darf allerdings nicht mit öffentlicher Bloßstellung verwechselt werden. Pädagogisch verantwortete Transparenz berücksichtigt Persönlichkeitsrechte, Datenschutz, Verhältnismäßigkeit und den Schutz der Würde des Kindes.

7. Wiedergutmachung

Nach Konflikten stellt sich nicht nur die Frage:

„Welche Konsequenz bekommt das Kind?“

Sinnvoller kann die Frage sein:

„Was braucht es jetzt, damit Verantwortung übernommen und entstandener Schaden möglichst wieder gutgemacht werden kann?“

Wiedergutmachung eröffnet Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit, aktiv Verantwortung zu übernehmen.

Das kann beispielsweise bedeuten,

  • beschädigtes Material wiederherzustellen oder zu ersetzen,

  • eine verletzte Person angemessen zu unterstützen,

  • einen eigenen Beitrag zur Wiederherstellung der Gemeinschaft zu leisten,

  • eine Entschuldigung vorzubereiten oder

  • gemeinsam eine konkrete Vereinbarung für zukünftige Situationen zu entwickeln.

Entscheidend ist, dass Wiedergutmachung nicht als verkleidete Strafe eingesetzt wird. Sie sollte einen nachvollziehbaren Bezug zum entstandenen Schaden besitzen und einen Weg zurück in die Gemeinschaft ermöglichen.

Das Kind bleibt damit nicht auf die Rolle des „Störers“ oder „Täters“ festgelegt, sondern kann wieder konstruktiv handeln.

Was verändert die Neue Autorität im pädagogischen Handeln?

Die zentrale Veränderung lässt sich als Perspektivwechsel zusammenfassen:

Traditionelles AutoritätsverständnisNeue AutoritätKontrolle des KindesSelbstkontrolle des ErwachsenenGehorsam herstellenKooperation ermöglichensofort reagierenAufschub nutzenKonflikte gewinnenbeharrlich bleibenStrafe und VergeltungVerantwortung und WiedergutmachungEinzelkämpfertumUnterstützungsnetzwerkeMacht demonstrierenPräsenz zeigenDistanzBeziehungGeheimhaltungverantwortete TransparenzFehler vermeiden/verbergenFehler korrigieren

Neue Autorität bedeutet daher nicht weniger Führung, sondern eine andere Form von Führung: Erwachsene übernehmen Verantwortung, setzen Grenzen und bleiben handlungsfähig, ohne die Beziehung durch Drohung, Demütigung oder Machtkampf unnötig zu belasten.

Bedeutung für Schule und Unterricht

Für Lehrkräfte ist der Ansatz besonders interessant, weil Autorität nicht primär an Lautstärke, Durchsetzungsvermögen oder Sanktionen gebunden wird. Professionelle Autorität entsteht vielmehr durch verlässliche Präsenz, Klarheit, Selbststeuerung, Beziehung und die Unterstützung durch das pädagogische System.

Das kann im Schulalltag bedeuten:

„Ich sehe, was passiert.“
„Ich akzeptiere dieses Verhalten nicht.“
„Ich entscheide nicht im Ärger.“
„Wir sprechen später darüber.“
„Ich bleibe mit dir in Kontakt.“
„Ich hole mir Unterstützung.“
„Wir suchen einen Weg zur Wiedergutmachung.“

Damit bietet die Neue Autorität insbesondere für den Umgang mit wiederkehrenden Konflikten und herausforderndem Verhalten einen Orientierungsrahmen, der Grenzen und Beziehung nicht als Gegensätze versteht.

Liebe Grüße

Eure Madame Plume

HINWEIS: Fachliteratur: Eine geeignete deutschsprachige Grundlagenquelle ist:

Omer, Haim & von Schlippe, Arist (2016): Stärke statt Macht. Neue Autorität in Familie, Schule und Gemeinde. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Für den schulischen Kontext besonders einschlägig:

Omer, Haim & Haller, Rolf (2020): Raus aus der Ohnmacht. Das Konzept Neue Autorität für die schulische Praxis. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.


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