Das große Stecker-Ziehen


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Das große Stecker-Ziehen
Oder: Eine Liebeserklärung an das Eigentliche

Es war einmal eine Zeit, da spielten Kinder draußen, bis die Laternen angingen; da spielte sich das Leben außerhalb der großen Social-Media-Plattformen ab, da ging es nicht um die "Instagramability" des eigenen Lebens, da bedeutete "Zugang zur Kultur" noch, dass man eine Bibliothek betrat und vom Geruch alter Bücher erschlagen wurde. Heute bedeutet Freizeit und Kulturzugang für viele, dass sie zwischen zwei Tanzvideos versehentlich auf einen Artikel über Klimawandel tippen, ihn für Fakenews oder eine Satire halten und weiterscrollen. Fortschritt, sagen die einen. Ich sage: Wenn das Fortschritt ist, dann war die Völkerwanderung eine Pauschalreise.

Ich will zunächst mit einem Missverständnis aufräumen, das sich hartnäckiger hält als Kaugummi unter Schultischen: Das Recht auf digitale Teilhabe bedeutet nicht automatisch das Recht auf Chatbots, Snapchat und TikTok. So wie das Recht auf Nahrung nicht das Recht auf unbegrenzten Zugang zu Gummibärchen einschließt, so wenig ist der Zugang zu Plattformen, deren Geschäftsmodell darin besteht, menschliche Aufmerksamkeit zu zerhäckseln und meistbietend zu verkaufen, ein Menschenrecht. Digitale Teilhabe kann auch bedeuten: Zugang zu Wissen, zu Kunst, zu Kommunikation mit echten Menschen über echte Dinge. Verrückt, ich weiß.

Die Aufmerksamkeitsökonomie hat uns alle zu Ressourcen degradiert, die abgebaut werden wie Kohle im Tagebau. Nur dass man Kohle wenigstens noch verbrennen kann, während unsere zerstreute Aufmerksamkeit einfach verpufft, irgendwo zwischen dem dritten Katzenvideo und der siebzehnten Empörung des Tages. Wir sind nicht mehr Konsumenten, wir sind das Konsumierte. Und unsere Kinder werden konsumiert, bevor sie überhaupt verstehen, was ihnen geschieht.

Die Kognitionswissenschaft hat uns längst erklärt, warum das so verheerend ist. Die Cognitive Load Theory, einst erdacht, um Lernen zu optimieren, liest sich heute wie eine Anklageschrift gegen alles, was blinkt und piept. Unser Arbeitsgedächtnis ist eine kostbare kleine Bühne, auf der Denken stattfindet. Es fasst etwa vier bis sieben Elemente gleichzeitig – großzügig gesetzt. Die durchschnittliche Plattform bombardiert uns mit vierhundert. Das Ergebnis ist kein Multitasking, sondern kognitiver Bankrott, eine Insolvenz des Denkens, die wir euphemistisch "Konzentrationsschwäche" nennen, als handele es sich um eine leichte Erschöpfung und nicht um die systematische Zerstörung geistiger Grundfähigkeiten.

Ich beobachte das täglich in meinem Klassenzimmer. Da sitzen junge Menschen, deren Gehirne von den Plattformen darauf trainiert wurden, alle drei Sekunden einen neuen Reiz zu erwarten, und sollen plötzlich fünfundvierzig Minuten lang einem Gedankengang folgen. Man könnte auch einen Goldfisch bitten, einen Marathon zu schwimmen. Man wird nachdenklich, wenn man begreift, dass hier nicht die Faulheit der Jugend am Werk ist, sondern neurologische Konditionierung.

Und dann die Propaganda, dieses alte Gift in neuen Schläuchen! Früher brauchte man für Massenbeeinflussung noch Druckmaschinen, Radiosender, einen gewissen logistischen Aufwand. Heute genügt ein Algorithmus, der gelernt hat, dass Empörung klickt und Angst bindet. Die Plattformen sind keine neutralen Marktplätze der Ideen, sie sind Brandbeschleuniger für jeden Unsinn, der emotional genug daherkommt. Und unsere Kinder, noch ohne die Antikörper der Erfahrung, noch ohne das gesunde Misstrauen, das man sich im Leben mühsam erarbeitet, sie werden geflutet mit Weltbildern, die jemand für sie kuratiert hat – jemand, dessen einziges Interesse darin besteht, sie möglichst lange auf der Plattform zu halten.

Man wird mir vorwerfen, ich wolle nur die Jugend gängeln, während die Erwachsenen fröhlich weiterscrollen dürfen. Mitnichten! Ich bin ein Freund der Gleichbehandlung, besonders wenn es um schlechte Gewohnheiten geht. Die Frage, ob diese Plattformen für Menschen zuträglich sind, muss für alle gestellt werden. Denn seien wir ehrlich: Auch wir Erwachsenen sind längst zu sabbernden Pawlowschen Hunden geworden, die beim Klingeln des Smartphones reflexhaft nach dem Gerät greifen, als hinge unser Leben davon ab. Der einzige Unterschied ist, dass wir uns einreden, wir hätten die Sache unter Kontrolle, während wir um drei Uhr nachts noch "nur kurz" die Nachrichten checken. Spoiler: Nein!

Wir sollten die Beweislast umkehren und nur zulassen, was wir für gut befunden haben. Nicht wir müssen beweisen, dass diese Maschinen schaden – das haben sie längst selbst bewiesen, in internen Studien, die ihre Schöpfer wohlweislich unter Verschluss hielten. Sie müssen beweisen, dass sie nützen. Und zwar nicht dem Aktienkurs, sondern den Menschen. Den Kindern, deren Kindheit sie kolonisieren. Den Erwachsenen, deren Abende sie verschlingen. Der Gesellschaft, deren Zusammenhalt sie zerfransen.

Kulturzugang statt Plattformzugang, das ist mein Plädoyer. Empört euch! Im Elternabend, im Lehrerzimmer, im Unterricht! Schafft die Plattformen ab! Verbietet sie euren Kindern! Und gebt den Kindern endlich wieder Bücher, Theater, Museen, Gespräche, Langeweile, Wälder und Freundschaften, die nicht von Algorithmen kuratiert werden! Gebt ihnen die Chance, einen Gedanken zu Ende zu denken, bevor der nächste Reiz sie überfällt! Gebt ihnen das Recht auf eine Kindheit, die nicht optimiert ist für Engagement-Metriken! 

Und uns Erwachsenen? Uns sollte man vielleicht auch einmal fragen, ob wir wirklich freiwillig in dieser Aufmerksamkeitsmühle stecken, oder ob wir nur vergessen haben, dass es einen Ausgang gibt. Die Tür ist nicht verschlossen. Man muss nur aufhören zu scrollen, lange genug, um sie auch zu sehen. Also: Abschalten!

Die Straßenlaternen gehen übrigens immer noch an, wenn es dunkel wird. Für alle, die sich erinnern wollen, wie das war: draußen sein, ohne es zu dokumentieren. Denken, ohne es zu posten. Leben, ohne es zu liken. Es soll wohl ganz angenehm gewesen sein.

Tags: deutsch, lesen, aufklarung, digitale plattformen, social media

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