Immer diese Operatoren ...

Neulich habe ich in meinem Deutschkurs auf erhöhtem Anforderungsniveau in Jahrgang 10 einer Gesamtschule eine Klassenarbeit zu dem Roman "Hard Land" von Benedict Wells (2021) schreiben lassen. Im Unterricht haben wir alle möglichen Themenbereiche durchgearbeitet vom literarischen Vergleich mit einem Fremdtext, über die Frage inwieweit es sich um einen Coming-of-Age-Roman handelt und welche Rolle eigentlich Mutproben, Liebe und Verlust mit dem Heranwachsen zu tun haben. Auch verschiedene Schreibformen waren Thema der Einheit. In der besagten Klassenarbeit  sollten die Schüler:Innen schließlich eine Textstelle in Bezug auf den Aspekt "Mutprobe" analysieren. Als ich während der Klassenarbeit durch die Reihen ging war ich doch einigermaßen erschrocken, dass meine Schüler:Innen die Anforderungen des Operators "analysieren" kaum erfüllten. Ich sollte vielleicht noch erwähnen, dass ich ihnen im Vorfeld mitgeteilt habe, dass eine Analyse drankommen wird. Nun muss ich aber auch gestehen, dass wir in der Unterrichtseinheit nicht nochmal spezifisch das Analysieren geübt haben. Ich habe diesen Kurs schon im letzten Schuljahr gehabt und habe da mit ihnen intensiv Analysen geübt, weshalb ich vorausgesetzt habe, dass sie diesen Operator bereits verinnerlicht haben und als keine Nachfragen dazu kamen war ich mir meiner Sache relativ sicher. - Falsch gedacht. Ich wurde eines Besseren belehrt und ja, man sollte eigentlich nie etwas für garantiert nehmen, vor allem nicht bei Schüler:Innen, die ja dann doch eher vergesslich sind. In der Folge habe ich mich gefragt, wie man das kontinuierliche Lernen und vor allem das Verinnerlichen der Operatorenanforderungen trainieren kann. Die Operatorenlisten mit ihren Erklärungen sind zwar eine erste gute Hilfe, für Schüler:Innen aber einfach zu abstrakt und unverständlich. Egal wie oft ich sie darauf hingewiesen habe, ihnen im Unterricht erklärt habe, was zu tun ist oder die Operatoren mit W-Fragen verknüpft habe, in der nächsten Stunde konnte ich ihnen alles wieder und wieder erklären. Dies frustrierte mich und sichtlich auch meine Schüler:Innen.

Das war der Moment als ich entschied die curricularen Vorgaben einmal beiseite zu schieben und meinen  Schüler:Innen das zu lehren, was sie benötigen, um überhaupt im Universum Schule bestehen zu können. Zwei Wochen der wertvollen Unterrichtszeit habe ich investiert, um mit meinen Schüler:Innen allein die Operatoren des AFB 1 zu üben - und was soll ich sagen, nach diesen zwei Wochen intensiven Übens bin ich mir ziemlich sicher, dass sie diese Operatoren sicher anwenden können. 

Wie habe ich das gemacht? 

Ich habe auch schon früher kleine Operatorentrainings mit den Schüler:Innen gemacht. Hier mal ein kleines Quiz,  dort mal ein bisschen zuordnen und die Anwendung dann im "normalen" Unterricht. Nachdem dies relativ erfolglos blieb, bin ich ich folgendermaßen vorgegangen: 

1. Ich habe ein Methodenarbeitsblatt zu den Operatoren erstellt. Eins, mit dem ich als Schülerin auch gerne gearbeitet hätte. Dort habe ich die Operatoren des AFB 1 nicht nur "stumpf" erklärt, sondern versucht die Anforderungen dieser zu erläutern. Ich habe kleine Tipps zu Bewältigung der Aufgabentypen gegeben und/oder kurze Formulierungshilfen. (Siehe "Methodenblatt 1 Operatoren)

2. Ich habe mir einen Textausschnitt herausgesucht, bei dem ich dachte, dass man an ihm gut die Operatoren des AFB 1 üben kann. 

3. Ich habe ein Aufgabenblatt erstellt, auf dem einerseits Aufgaben zu allen Operatoren des AFB 1 standen und andererseits Bearbeitungshinweise.

4. Im Unterricht habe ich die Aufgaben gemeinsam mit den Schüler:Innen anhand des Methodenblattes besprochen, wirklich intensiv. An dieser Stelle gab es viele Fragen, was verdeutlicht hat, wie unsicher sie eigentlich noch mit den Operatoren waren.

5. Die Schüler:Innen haben die Aufgaben anhand des Textausschnitts bearbeitet. Dabei habe ich sie intensiv betreut. Ich habe immer wieder ihre Texte gelesen, Verbesserungsvorschläge gegeben, die Schüler:Innen haben ihre Texte überarbeitet und im Plenum vorgestellt, damit wir sie nochmals besprechen konnten. 

6. Zwischendurch gab es kleine Quizze zur Vertiefung und Wiederholung.

Dieses Vorgehen, diese investierte Zeit, war so erfolgreich, dass ich beschlossen habe, eine solche Phase für die anderen Anforderungsbereiche zu wiederholen. Ich konnte richtig beobachten, wie bei meinen Schüler:Innen etwas im Kopf passierte. Sie haben nun endlich verstanden, was bei den Operatoren von ihnen verlangt wird, was sie tun müssen und am aller wichtigsten - sie konnten es gut umsetzen. Sie haben die Unterschiede verstanden und sind sich sicherer geworden. Der Frust hat merklich abgenommen. 

Mir hat das gezeigt, dass man sich im Schulalltag auch mal trauen muss, die Vorschriften Vorschriften sein zu lassen und zu schauen, was die Schüler:Innen brauchen, denn um die geht es am Ende. Es bringt ihnen nichts, wenn sie alle Inhalte rauf und runter plappern können, wenn sie die Aufgaben nicht umsetzen können, weil es eben nicht ausreicht, die Operatoren nebenbei immer mal so mit zu unterrichten. Für die Kids ist das enorm schwer und da so abstrakt ist es für sie auch so schwer sie sich zu merken.

Ich bin für mehr Freiraum in der Unterrichtsgestaltung und für mehr Achtung auf die Bedürfnisse der Schüler:Innen. Dass dies funktionieren kann, hat mir dieses Beispiel gezeigt.

Tags: Deutsch, Operatoren, Operator, Methode, Unterrichtsalltag, Schüler, Lernstrategien, Schülerfrust, Didaktik, Literaturunterricht, Schülerbedürfnisse, Unterrichtsgestaltung, Schülermotivation

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