Konrad Paul Liessmann, Universitätsprofessor i.R. am Institut für Philosophie der Universität Wien, hat im letzten Monat in der „Wiener Zeitung“ zum Thema „Künstliche Intelligenz (KI)“ einen bemerkenswerten Artikel veröffentlicht. Dabei haben die letzten Wörter dieses Aufsatzes diesem Newsletter seine Überschrift gegeben. (https://www.wienerzeitung.at/meinung/glossen/2174441-Tafel-und-Kreide.amp.html) Anlass für diesen Artikel ist das frei zugängliche Texterzeugungsprogramm „ChatGPT“. Dieses dem Bereich KI zugeordnete Programm verfasst für den Anwender z.B. Kommentare, Essays, Witze, Gedichte, Texte, Dialoge und kleine Abhandlungen. Die Vorstellung, dass die Urheber von Schüler*innenergebnissen unter Umständen nicht mehr zugeordnet werden können, konterkariert unseren Erziehungsauftrag zur Entwicklung von selbständigem Denken und Lernen – von Wecken des Kreativpotentials ganz zu schweigen. Einige Zitate aus dem Aufsatz belegen diese Denkrichtung. „Grammatikalisch korrekte Texte, gespickt mit allen gängigen Phrasen und Allgemeinplätzen“ machen es für Lehrpersonen nicht mehr möglich, „die künstlich generierten Texte von einem durchschnittlichen Aufsatz oder gar einer vorwissenschaftlichen Arbeit zu unterscheiden.“ – „Die Schüler reiben sich die Hände: Das meiste, was in einem kompetenzorientierten Unterricht von ihnen an schriftlichen Äußerungen verlangt wird, schafft nun das Smartphone in wenigen Sekunden. An den Schulen von New York wurde der Einsatz von ChatGPT verboten. In Österreich gibt es kaum warnende Stimmen. Die Medienpädagogen freuen sich über das neue Spielzeug und hoffen, dass dadurch die Kinder und Jugendlichen endlich von allen Nötigungen, selbst etwas zu lernen, befreit werden.“ – „ChatGPT ist kein Programm, das Informationen oder komplexeres Wissen bereitstellt. Es hat keinen vollständigen Zugriff auf die unendlichen Datenmengen des Internets, sondern arrangiert standardisierte Formulierungen immer wieder neu. Seiner Logik nach ist es kein Werkzeug, das Arbeitsprozesse unterstützt, es erledigt diese selbständig. Es ist, bislang, eine Maschine zur Produktion von Plattitüden und Stehsätzen. Es mangelt ihr, wie könnte es anders sein, an Originalität, Subjektivität, pointierten Zuspitzungen, überraschenden Argumenten und riskanten Gedanken. Der Algorithmus hat die herrschende Moral verinnerlicht. Die Aufgabe, einen ironischen Kommentar zur Klimabewegung zu schreiben, lehnt das Programm mit dem Hinweis, dass man über so ernste Dinge keine Witze machen darf, schlicht ab.“ – „Eine Gefahr ist solch eine biedere Intelligenz nur für eine Schule, die ihre Aufgabe in der Erstellung normierter, unanstößiger, konformer und oberflächlicher Elaborate sieht. Die stupide Textsortendidaktik des Deutschunterrichts etwa eignet sich hervorragend für den Einsatz dieser KI. Immerhin: ChatGPT glänzt durch eine sprachliche Sauberkeit, zu der selbst Gymnasiasten kaum noch fähig sind. Verwenden diese die KI, um eigene Leistungen vorzutäuschen, sollten sie ein paar Fehler nachträglich einbauen.“
Liebe Kolleg*innen, was sagen Sie zu diesen Überlegungen? Welche Erfahrungen haben Sie an Ihrer Schule bzw. in Ihrem Unterricht mit diesem Programm gemacht?
Die von 4learning2gether entwickelte KOR-Methode (Konfrontieren - Organisieren - Realisieren) hält gegen die Möglichkeit, die ChatGPT bietet. Die Methode ist in jedem Fach anwendbar und fordert die Lerngruppe in Teamarbeit, gemeinsamer Abstimmung von Zwischen- und Endergebnissen, Präsentation und Überlegungen zum Lernzuwachs. siehe www.4learning2gether.eu).