Kreative Arbeit - wenn Kunst doch nur so einfach wäre

ACHTUNG - SEHR LANGER POST!!!

Heute möchte ich etwas aus dem Nähkästchen plaudern. Ich gehe jedoch davon aus, dass alle, die hier auf eduki oder auch auf anderen Plattformen oder privat kreativ arbeiten, ähnliches erlebt haben. 

Ich fange mal ganz am Anfang an, damals, als ich noch so gar nichts mit Zeichnen oder Gestalten am Hut hatte: in der Grundschule. Meine Grundschulzeit war von 1986 bis 1992 (in Berlin dauert die Grundschule 6 Jahre). Ich kann mich an keine konkreten Situationen erinnern, nur an das Gefühl: Kunstunterricht macht keinen Spaß. Leider hat sich das bis zum Abitur durchgezogen und so habe ich während meiner Schulzeit zwar schon begonnen zu malen, aber eben nur sehr unregelmäßig. Schade, dadurch sind mir sehr wertvolle Lernjahre verloren gegangen, denn heute weiß ich: je früher man anfängt, desto eher hat man Erfolge. Was meine ich damit? Am Anfang zeichnet man logischweise nicht besonders gut, nur durch wiederholtes Training wird man besser, dazu gehört, immer wieder neue Methoden auszuprobieren. Irgendwann kann man dann richtig gut zeichnen. Je nach eigenen Vorlieben und Neigungen nur zu bestimmten Themengebieten, denn es ist kaum möglich, überall die gleiche Energie reinzustecken. 

Hätte ich also eher bereits in dieser Intensität geübt, vieles könnte ich wohl besser. Allerdings war ich jung und meine Interessen nicht auf Kunst gerichtet, es gehörte aber schon zu meinen Hobbies.

Aber ich wurde älter und irgendwann fing ich an, regelmäßig zu malen. Und da fangen die Probleme erst richtig an. Was male ich heute? Motivation ist nicht immer da, aber Übung so wichtig…

Wieso gelingt das nicht? Zig mal probiert, radiert, mit Abstand betrachtet, wieder nichts. Bücher gelesen (damals gab es noch kein YouTube). Verschiedene Techniken ausprobieren, verzweifeln. Manche Werke sind gut, viele schlecht. Und dann, man ahnt nichts böses, versucht man es nochmal, Wochen später und plötzlich geht es wie selbstverständlich von der Hand. Als ob das Gehirn erstmal Informationen verarbeiten musste. 

Dieser Zustand hält bis heute an. Vieles habe ich inzwischen einfach „intus“, das Muskelgedächntnis tut seine Arbeit, aber oft genug komme ich an einen Punkt, wo ich nochmal nachschauen muss, wie machen es andere? Kann ich mir einen Trick abgucken? Üben, üben, üben, um dann plötzlich wieder diesen Geistesblitz zu haben und alles flutscht.

Kunst schaffen bedeutet auch, sich nicht darüber Gedanken zu machen, was andere darüber denken oder was andere über die Methode denken, die man anwendet. Ich kann bis heute keine Portraits aus dem Stehgreif zeichnen. Ich versuche es immer wieder, aber sie werden krumm und schief. Kann an meinen Augen liegen. Was mache ich also? Entweder benutze ich die Gittermethode oder ich pause die Umrisse mittels Leuchttisch ab. Der schwierige Part, das richtige Schattieren, gelingt mir recht gut. Andere würden sagen, ich mache das nicht richtig, weil ich das ja nicht frei Hand mache. Mir egal! Über solche Dingen muss man stehen, aber auch dieser Prozess hat lange gedauert. Auch bei anderen Motiven helfe ich mir immer wieder mit der Abpausmethode, besonders dann, wenn es schnell gehen muss und akkurat aussehen soll. 

Ich bewundere die Künstler, die mit dem Kugelschreiber los malen und es einfach göttlich aussieht. Oder die einen schwarzen Filzstift nehmen und ohne Vorzeichnung ein Kunstwerk schaffen. Wenn man dann aber weiter forscht, stellt man fest, dass diese Künstler meistens ihren Schwerpunkt darauf gelegt haben und dies immer wieder geübt haben. Jemand, der perfekte Kugelschreiberbilder zeichnet, ist nicht unbedingt gut darin, mit Aquarell zu kolorieren. Und es ist super, dass es so ist! Das liebe ich an Kunst, die Vielfältigkeit! Bei verschimmelten Toastbroten in irgendwelchen Glasvitrinen bin ich dann trotzdem raus ;)

Und um hier noch einmal den Bogen zur Grundschulzeit zu schlagen: Ich würde mir wünschen, dass Kunstunterricht mehr Stellenwert erhält und finanziell besser aufgestellt wird. Also eigentlich gilt das für die ganze Schulzeit…Denn immer wieder sehe ich die frustrierten Kinder, die auf viel zu großem Papierformat (nämlich A3) versuchen, ein schönes Bild zu malen, mit ihren billigen Farbkästen, grottenschlechten Pinseln in viel zu kleiner Pinselgröße. Da wird dann von den Kindern verlangt, einen schönen blauen Himmel zu malen. Das ist zum Scheitern verurteilt. 

Klar, jetzt könnte man sagen, ich sehe das mit Erwachsenenaugen, aber Kinder sind nicht blöd. Die merken das, wenn an einer Stelle die Farbe schon trocken ist und dann sollen sie noch ein halbes Blatt ausfüllen. Das Papier inzwischen total wellig und es dauert einfach ewig, weil sie einen kleinen Pinsel benutzen. Ich bin keine Grundschullehrerin, sicherlich denkt man sich was dabei. 

Aber als ehemaliges Kind und inzwischen Künstlerin will ich sagen: Mit dem richtigen Material und der richtigen Anleitung sind selbst Grundschulkinder in der Lage, richtig schöne Bilder zu malen. Die dann auch hinterher an der Wand super aussehen. 

Als ich das erste Mal mit anständigen Materialien gearbeitet habe, taten sich Welten für mich auf und ich habe mich noch mehr darüber geärgert, dass ich in der Schule mit so nem Schrottmaterial arbeiten musste. Mich hat es auch geärgert, dass mir in der Schule nie jemand beigebracht hat, wie man mit einfachen Formen Menschen zeichnet, dass man mit einem weichen Bleistift (mindestens 6B und nicht HB, wie meistens in der Schule verwendet) vorzeichnet, wie man vorzeichnet und und und. Man könnte so viel machen im Kunstunterricht, aber dafür wäre gutes Material notwendig (versucht mal, auf diesem billigen Papier was wegzuradieren…).

Aber Kunst kann man ja vernachlässigen, diese Stunden werden als erstes gestrichen und Geld gibt es schon mal gar nicht. Und viele Kinder werden einfach nicht entdecken, dass Kunst schaffen und im Speziellen malen/zeichnen so richtig Spaß machen kann. Mit viel Glück und wenn die Erwachsenen die richtigen Schlüsse ziehen, wird das Kind individuell gefördert und motiviert. Und um jetzt endlich mal zu einem Schluss zu kommen, hier noch meine Behauptung, zu der ich 100% stehe:

Jeder, absolut JEDER kann zeichnen lernen. Denn zeichnen ist vielleicht 1% Talent, die restlichen 99% sind Neigung, darauf überhaupt Bock zu haben und die Bereitschaft, Arbeit reinzustecken. Viel Arbeit. Wer Bock hat, immer wieder zu probieren, neue Stile und Techniken zu probieren, nicht aufgibt, der wird zeichnen lernen. Manches liegt einem mehr, manches weniger, aber das, worauf man sich spezialisiert, lernt man. 

Tags: Persönliches, Kunst, Kunstunterricht, Grundschulkunstunterricht, Malen

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